ElternWiki : Frühchen-Probleme

Typische Frühchen-Probleme

Zu früh geborene Kinder haben mit vielfältigen Problemen zu kämpfen. Hier sollen lediglich die typischen, immer wieder auftretenden Gesundheitsprobleme aufgeführt werden.

Blutarmut

Die Blutarmut (Anämie) kann bei sehr kleinen Frühchen nur schwer verhindert werden. Aufgrund zahlreicher, aber erforderlicher Blutuntersuchungen kommt es zu Blutverlusten, die im Extremfall durch Bluttransfusionen ausgeglichen werden müssen.


Lunge

Die Lunge beginnt ab der 32. SSW auszureifen und erreicht ihre volle Funktionsfähigkeit etwa mit der 34./35. SSW. Durch die Gabe eines Kortisons, des Celestan, an die Mutter kann die Lungereife beschleunigt werden. Mit der sog. Lungenreifespritze sind zwar nicht alle Probleme beseitigt, aber die Voraussetzungen können wesentlich verbessert werden. So kann eine vollständige Beatmung weit weniger intensiv und langanhaltend durchgeführt oder sogar ganz vermieden werden.

Ohne die Lungenreifespritzen – manchmal leider auch trotzdem – fehlt der Oberflächenfaktor, das Surfactant, und die Lungenbläschen extremer Frühgeborener fallen in sich zusammen. Damit ist eine ausreichende Sauerstoffversorgung nicht zu gewährleisten. Ein Mangel ist beim Kind durch Surfactantgabe zu reduzieren, aber meist mit Nebenwirkungen (erhöhtes Risiko von Lungen- und Hirnblutungen) verbunden.

Um die Sauerstoffversorgung zu sichern, kann die Einatemluft mit Sauerstoff angereichert werden. Die normale Luft hat einen Sauerstoffgehalt von 21%. In extremen Fällen kann das Frühgeborene sogar reinen Sauerstoff, also 100%, bekommen, dies ist jedoch mit Risiken verbunden.

Reicht eine Sauerstoffanreicherung der Atemluft nicht aus, müssen Atemhilfe oder Beatmung zur Anwendungen kommen.

* Atemhilfe (CPAP)
Mittels eines Beatmunsgerätes wird über einen in der Nase liegenden dünnen Schlauch (Tubus) ein Sauerstoff-Luft-Gemisch in den Rachen geleitet. Durch die Flussgeschwindigkeit des Gases entsteht ein Druck in der Lunge, der verhindert, dass die Lunge in der Ausatemphase zusammenfällt. Dabei atmet das Frühgeborene aber spontan, d.h. es atmet allein und wird nicht beatmet.

* Beatmung
Bei der Beatmung liegt dieser dünne Schlauch (Tubus) nicht im Rachen, sondern in der Luftröhre, Trachea. Zusätzlich zum positiven Druck in der Ausatemphase wird in regelmäßigen Intervallen mit Hilfe des Beatmungsgerätes ein Sauerstoff-Luft-Gemisch in die Lunge gepresst. In diesem Falle wird die hauptsächliche Atemarbeit durch das Beatmungsgerät aufgebracht.

Die Tatsache, dass die Lunge eines extrem kleinen Frühgeborenen atmen soll, ist in hohem Maße unphysiologisch, denn im Mutterleib findet kein Gasaustausch statt. Wird eine solche Lunge beatmet und zudem noch mit Sauerstoff konfrontiert, dann kann es in Abhängigkeit der einzelnen Beatmungsparameter wie Druck und Dauer der Beatmung sowie Konzentration und Dauer der Sauerstoffzufuhr zu ausgeprägten Umbauprozessen (bronchopulmonale Dysplasie – BPD) in der noch unreifen Lunge kommen. Oftmals werden dadurch lange Zeit (jahrelang) zusätzliche Sauerstoffgaben erforderlich.


Augen

Die Anwendung von Sauerstoff als Medikament kann bei sehr kleinen Frühgeborenen von weniger als 1.500 g Veränderungen am Augenhintergrund hervorrufen. Es kann zu einem überschießenden Wachstum von Blutgefäßen im Auge kommen, was schließlich sogar zur Ablösung der Netzhaut und damit zur Erblindung führen kann. Zum Glück ist dieses Vollbild der Erkrankung, die Retinopathie, sehr selten. Leichtere Fälle der Frühgeborenen-Retinopathie sind allerdings durchaus häufig. Eine frühzeitige Erkennung ist sehr wichtig, damit eine entsprechende Operation (Kryotherapie oder Laser) Erfolg haben kann.


Herz

Im Mutterleib fließt das Blut durch die Nabelvene von der Mutter in den kindlichen Körper. Da die Lunge für den Gasaustausch noch nicht zuständig ist, fließt das Blut über eine Kurzschlussverbindung, den Ductus arteriosus Botalli, aus der Lungenartereie direkt in die Hauptschlagader, die Aorta. Nach der Geburt und Abnabelung verändern sich die Druckverhältnisse im Körper in dem Sinn, dass der Druck im linken Herzen ansteigt.
Bei reifen Neugeborenen schließt sich diese Kurzschlussverbindung schon einige Stunden nach der Geburt, bei Frühgeborenen bleibt sie oft noch sehr lange offen. Das bewirkt, dass große Mengen Blut in die Lunge zurückgepresst werden und damit die Atmung deutlich erschwert wird.

Mögliche Behandlungen sind die Reduktion der Flüssigkeitszufuhr, sollte dies nicht fruchten, steht mit Indomethazin ein Medikament zur Verfügung, welches den Ductusverschluss bewirken kann, oftmals aber mit beträchtlichen Nebenwirkungen einher geht – vor allem auf die Nierenfunktion. Sollte beides nicht helfen bzw. die medikamentöse Behandlung aufgrund der Nebenwirkungen zu risikoreich erscheinen, bleibt ein operativer Verschluss des Ductus.


Darm

Die Darmzellen sind schwer arbeitende Zellen mit einem hohen Bedarf an Energie und Sauerstoff. Fehlt der Sauerstoff, kommt es zum Absterben von Zellen, was schließlich zum Darmdurchbruch führen kann.

Eine nekrotisierende Enterokolitis (NEC) ist eine entzündliche, plötzlich auftretende Erkrankung des Dünndarms und des Dickdarms. Dabei kommt es zu einer Zerstörung (Nekrose) der Darmschleimhaut in bestimmten Abschnitten. Es kann zu Blutungen kommen. Die nekrotisierende Enterokolitis ist die häufigste Ursache für eine gastrointestinale Notfallsituation bei Neugeborenen, wobei Frühgeborene besonders betroffen sind.

Je nach Stadium der Erkrankung bleiben entweder Nahrungsentzug und Antibiose oder ein operativer Eingriff, bei dem im Akutstadium nur das Entfernen von zugrundegegangenen Darmabschnitten und das Anlegen eines künstlichen Darmausgangs möglich ist. Die Prognose der Erkrankung ist ganz entscheidend davon abhängig, ob überhaupt und wenn ja, wieviel Darm entfernt werden musste.


Gerhirn

Das Gehirn des sehr unreifen Frühgeborenen ist ein sehr empfindliches Organ. Aufgrund der Entwicklung ist es vor allem zwischen der 23./24. und 28./30. SSW sehr anfällig für Blutungen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Hirnkammern auftreten können. Je nach Ausmaß der Blutung ist auch ein Durchbruch ins Hirnkammersystem oder gar eine Blutung ins Hirngewebe möglich.

Der Schweregrad der Blutung bestimmt die Prognose. Leichtere Blutungen können ohne jegliche Folgen ausheilen. Bei schweren Blutungen in die Hirnkammern resultiert häufig eine Zirkulationsstörungen der Hirnflüssigkeit, des Liquors, welche zur Entwicklung eines Wasserkopfes (Hydrozephalus) führen kann. Hier hilft nur die Ableitung des Liquors (durch Operation oder Punktion), um das sich stark entwickelnde Gehirn vor Druck zu schützen.

Bei einer Blutung ins Hirngewebe ist die Prognose vom Ausmaß und der Lokalisation der Blutung abhängig, denn jedem Abschnitt im Gehirn ist eine spezielle Funktion zugedacht.


Sonstiges

Erst später werden bei Frühgeborenen oftmals Wahrnehmungs- und/oder Konzentrationsstörungen festgestellt. Die Phase der Begegnung des Selbst ist beim Frühgeborenen durch viele Einflüsse behindert. Dadurch wird die eigene Körperwahrnehmung ebenso behindert wie das Bindungsverhalten zu anderen. Häufiger Körperkontakt (Känguruhen) und Begrenzungen sind daher in den ersten Lebenstagen/-wochen sind daher von entscheidender Bedeutung.

Durch oftmals lange Sondenernährung wird die Fähigkeit zur Nahrungsaufnahme erschwert und es ist daher für Frühgeborene ungleich schwieriger, essen zu lernen.

Frühgeborene können andere Schlafverhaltensweisen als reife Neugeborene haben. Durch häufigere Fütterungszeiten, auch nachts, verändert sich der Schlaf-, Essens- und Wachrhythmus. Das nächtliche Durchschlafen zuhause kann mit erheblicher Verzögerung einsetzen.

Die motorische Entwicklung hinkt häufig gegenüber reif geborenen Gleichaltrigen, auch unter Berücksichtigung des korrigierten Alters, hinterher. Viel zu früh der Möglickeit beraubt, sich im Fruchtwasser zu tummeln und zusätzlich wochenlange Inkubatoren-Aufenthalte beeinträchtigen die motorische Entwicklung nachhaltig.