Kinderwunsch: Nachrichten aus Fach- und Laienpresse

Warum die Finanzierung der künstlichen Befruchtung dem Staat Geld einbringt

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Kinder, die mit Hilfe der künstlichen Befruchtung gezeugt werden, bringen dem Staat Geld ein. Selbst wenn die Kosten für die Behandlung komplett übernommen werden, ergibt sich eine positive Bilanz. Dies geht aus Berechnungen hervor, die heute in Human Reproduction Update erschienen.

Zieht man alle Kosten ab, die für ein Kind von der Gesellschaft aufgebracht werden müssen (Gesundheitsversorgung, Bildung, Rente etc.), dann ergibt sich pro Kind durch später hereinkommende Steuergelder eine positive Bilanz von ca. 127.000 Euro. Legt man für eine künstliche Befruchtung Kosten von ca. 15.000 Euro zugrunde, dann ergibt sich für die Regierungen ein ca. 8-facher Gewinn (Return of investment ROI), wenn die Behandlung vollständig zu Lasten der Gesellschaft ginge. Andere Studien kommen auf ähnliche Werte („Rendite von 700%“).

Jedoch gehen die Kosten für eine solche Behandlung in den meisten Ländern entweder vollständig oder teilweise zu Lasten der betroffenen Paare und machen einen wesentlichen prozentualen Anteil des Jahreseinkommens aus (USA 50%, UK 20%), während sie nur einen Bruchteil von ca. 0,25% der Kosten für das Gesundheitssystem repräsentieren. Zum Vergleich: In den USA werden alleine für die Folgen des Übergewichts 10% der gesamten Gelder im Gesundheitssystem beansprucht.

Man schätzt, dass seit 1978 insgesamt 3,5 Millionen Kinder mit Hilfe der künstlichen Befruchtung entstanden. In der „westlichen Welt“ kamen alleine im Jahre 2005 120.000 Kinder nach 600.000 Behandlungen zur Welt und somit trägt die Reproduktionsmedizin wesentlich zur Geburtenrate bei. Insbesondere in den Ländern, wo die Paare eine höhere finanzielle Unterstützung erhalten, ist der Anteil mit 4,1 % (Dänemark) und 3,3% (Belgien) sehr hoch, wobei sich Dänemark kürzlich angesichts der Wirtschaftskrise bedauerlicherweise gegen eine weitere Übernahme der Kosten von staatlicher Seite entschloss.

Geld: Daran scheitert es leider oft
Geld: Daran scheitert es leider oft
Die Task Force für ‘Reproduction and Society’ der European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE) untersuchte unter der Leitung von Dr. Mark Connolly die ökonomische Seite der Reproduktionsmedizin, um politischen Entscheidungsträgern zu helfen, eine effektive und gerechte Form der Finanzierung von Kinderwunschbehandlungen zu entwickeln und sie von den Vorteilen einer solchen Kostenübernahme zu überzeugen.

Die Kosten für die Behandlungen haben eine wesentlichen Einfluss auf die Häufigkeit und Art ihrer Verwendung und letztlich auch auf die Zahl der transferierten Embryonen und damit dem Risiko für Mehrlinge. Denn wird die Zahl der Behandlungszyklen, für welche die Kosten von der Gesellschaft getragen werden limitiert, steigt die Risikobereitschaft und die Zahl der Mehrlingen mit allen sich daraus ergebenden Folgekosten.

Ein Mangel an finanziell tragbaren Methoden führt dazu, dass sich die Ärzte eher für einfachere, kostengünstigere Methoden wie hormonelle Stimulationen und Inseminationen entschieden, um Kosten zu sparen. Diese Maßnahmen sind weniger effektiv, bergen jedoch im Erfolgsfall vor allem ebenfalls ein höheres Risiko für Mehrlingsschwangerschaften. In einer Kosten-Nutzen-Analyse müssen dann auch die Folgekosten dieser Mehrlingsschwangerschaften Berücksichtigung finden.

Die finanzielle Unterstützung der Paare ist sehr unterschiedlich in den verschiedenen Ländern und reicht von praktisch keiner finanziellen Hilfe in den USA bis hin zur Übernahme der Kosten für eine limitierte Zahl von Zyklen. Von Seiten der Politik werden diese Restriktionen damit begründet, dass der unerfüllte Kinderwunsch weniger eine Erkrankung sei als vielmehr ein „Lifestyleproblem“ und Folge der Lebensplanung der Betroffenen.

Natürlich ist der Hinweis darauf, dass sich das Investment langfristig 8-fach auszahlen wird, für die Politiker reizvoll, jedoch hatte ich anlässlich einer älteren Studie bereits darauf hingewiesen, dass sich die Gelder für die künstliche Befruchtung erst nach Jahren oder sogar Jahrzehnten auszahlt. Da Politiker jedoch nur in 4-Jahreszyklen denken, steht zu befürchten, dass diese ganzen Berechnungen aus Sicht eines Politikers, der wiedergewählt werden möchte, völlig irrelevant sind. Zumindest in Hinblick auf seine Wiederwahl und etwas anderes zählt nicht.

Connolly M
Is IVF good value for money? Why funding ART is good fical policy
Human Reproduction Update Juni 2010


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Kommentar

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15 Kommentare
  1. reaba schreibt

    tja lieber doc, sehr trefflich analysiert, besonders ihre conclusion im letzten absatz, da stimme ich voll zu.

    wir werden gerade kaputtgespart – als würde das jetzt noch etwas ändern oder retten, höchstens vielleicht verschleppen.

    jedes einzelne, geborene kind impliziert die chance auf zukunft, nicht nur für sich selbst, sondern für das ganze soziale gefüge in dem es lebt oder entsteht – es sichert den fortbestand. geht man den dingen noch tiefer auf den grund, als es die ROIanalyse tut, dann kann man nur zu dem schluss kommen, dass es politische kräfte zu geben scheint, die offensichtlich eine gesteigerte geburtenrate in unserem land vermeiden möchten – selbstverständlich entgegen aller öffentlichen aussagen zu dem thema.

    rentner machen weniger wahrscheinlich revolutionen.

  2. […] This post was mentioned on Twitter by Fabian Seyfried, Elmar Breitbach. Elmar Breitbach said: 800% Rendite. Künstliche Befruchtung kostet kein Geld, sondern zahlt sich langfristig für den Staat aus http://bit.ly/dA0noW […]

  3. atonne schreibt

    Tja, da vergessen die Politiker aber, dass auch unfruchtbare Paare Wähler sind (ich bin meiner früheren Stammpartei jedenfalls u.a. wegen dieses Themas als Wähler verlustig gegangen).
    Und ehrlich, wen stört das schon in der breiten Masse der Bevölkerung, wenn ein im Vergleich kleiner Betrag in die Kinderwunschbehandlung fließt? Ich habe den großen Aufschrei nach der Einführung des Sachsenmodells jedenfalls nicht gehört…

  4. kathrinchen schreibt

    „…Kinderwunsch weniger eine Erkrankung sei als vielmehr ein “Lifestyleproblem” und Folge der Lebensplanung der Betroffenen.“

    Tja, da frage ich mich nur, warum die Kosten übernommen werden, wenn jemand sich im Skiurlaub die Knochen brich, mehrere OPs benötigt und wochenlang nicht arbeiten kann. Dazu könnten viele Beispiele genannt werden, die Folge der Lebensplanung sind.

    Gruß Kathrinchen

  5. Rebella schreibt

    Eine deutsche Studie hatte vor ein paar Jahren ja schon mal gut 80.000 € pro Kind bilanziert. Man kann es ja nur schätzen, aber die Größenordnung stimmt zumindest.

    Vergessen sollte man auch nicht, dass die Kosten für den Staat nicht so hoch sind, wie sie zunächst scheinen. Denn von den Kosten gehen erstmal alle Steuergelder ab, die so für assistierte Befruchtungen gezaht werden. Dann schaffen sie Arbeitsplätze, nicht nur für Reproduktionsmediziner, sondern auch für alle Angestellten, Arbeitsplätze in der Pharmaindustrie und bei Medizingeräteherstellern, … Die Mitarbeiter führen ihrerseits Steuern ab und zahlen in die Krankenversicherung, Rentenversicherung, Pflegeversicherung und Arbeitslosenversicherung ein.

    Im Moment ist es natürlich so, dass der Staat insbesondere von Selbstzahlern bei der Kinderwunschbehandlung profitiert. Und das ist echt etwas, was ich als pervers empfinde. Sie lassen uns nicht nur selbst zahlen, sondern heimsen sich von dem, was wir zahlen, noch ein gutes Stückchen ein.

    Für so manches Kinderwunschpaar ist auch das ein Anlass, sich im Ausland behandeln zu lassen. …

  6. Anna schreibt

    Dabei wundere ich mich doch sehr für was Alles in unserem Land noch Geld da ist, und zwar wirklich nicht zu knapp!
    Ich denke da heute als Bsp. ganz speziell an eine Grünbrücke für Tiere über eine Autobahn für 20 Millionen Euro.
    Und zum Thema, dass Kinderwunsch ja ein „Livestyle-Problem“ sei, da fällt mir ganz speziell die letzte „Koma-Party“ in der Gegend ein, wo der Rettungsdienst inkl. Notarzt innerhalb von 4 Stunden ganze 7 mal ausgerückt ist um Jugendliche im Alkoholkoma intensivmedizinisch zu versorgen, und das Alles schön auf unsere Krankenkassenkosten.

    Hingegen haben wir uns bei unserer Kinderwunschbehandlung noch nie so allein gelassen gefühlt, wie von unserer Krankenkasse. Unglaublich was wir uns anhören mussten… vielmehr unverschämt.

  7. Rebella schreibt

    By the way: Nicht zu vergessen, die fast halbe Mrd. Euro für Kirchengehälter: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,699422,00.html

  8. Elmar Breitbach schreibt

    Ich finde, dass Vergleiche mit anderen Kostenfaktoren (Skifahrer, Grünbrücken, Kirchengehälter) wenig hilfreich sind.

    Es geht nicht darum, dass unsere Ansprüche in Relation zu irgendetwas anderem berechtigter sind. Es geht darum, dass sie absolut gesehen berechtigt sind. Völlig unabhängig von anderen Kostenverursachern und ohne Vergleiche mit diesen ist die Kinderwunschbehandlung von Politikerseite unterstützenswert.

    Auf andere zu zeigen führt nur zur Relativierung der eigenen Ansprüche.

  9. atonne schreibt

    Ich finde auch, dass es wenig hilfreich ist, andere Beispiele aufzuführen. Würde man z.B. „Risiko“sportarten ausnehmen, würden die Leute trotzdem weiterhin Skifahren o.ä., aber sich nach einem Unfall aus Kostengründen nicht mehr adäquat behandeln lassen – mit der Folge, dass sie eventuell danach Invaliden wären (analog die saufenden Kids, will man die wirklich in so einem Fall allein lassen?). Mal abgesehen davon, dass eventuell der Sport allein zu mehr Entlastung des Gesundheitssystems führt (sportliche Menschen sind im allgemeinen weniger krank), als es es das Gesundheitssystem durch Unfälle belastet – wer will das wirklich messen und beurteilen können?

    Aber natürlich hat Rebella recht, es würde eine Menge allein durch die Behandlungen in die Kassen gespült werden. Naja, dass Politiker nicht rechnen können, weiß man ja schon länger ;-)…
    Ich denke allerdings, dass Paare aus Kostengründen oder wegen der eher strengen Gesetzgebung hier ins Ausland wechseln und nicht, weil sie an den deutschen Staat denken, der auch von den Selbstzahlern profitiert.

  10. reaba schreibt

    ..stringent gesehen sollte man nicht nur zur erfüllung des kinderwunsches ins ausland wechseln, sondern am besten gleich komplett 🙁

    es ist einfach zu traurig mitansehen zu müssen, wie ein ganzes land alternativlos von politischen halbidioten und dilettanten kaputtgemacht wird.

    die verschwurbelten politischen bewegründe und gedankengänge, die zu der jetzigen finanzierungssituation und gesetzteslage für kinderwunschpaare führten, sind doch nur die spitze des eisbergs.

  11. C. schreibt

    Zum Vergleich: In den USA werden alleine für die Folgen des Übergewichts 10% der gesamten Gelder im Gesundheitssystem beansprucht.

    Aus: Warum die Finanzierung der künstlichen Befruchtung dem Staat Geld einbringt | IVF und ICSI, Politik, Wissenschaft | Aktuelles zum Thema Kinderwunsch von http://www.wunschkinder.net

    Lieber Doc! Es ist nicht nett, hier schon mal wieder die Übergewichtigen gegen die Kinderwunschpatienten auszuspielen. Ich bin von beidem betroffen, und bin es leid, dass Menschen, die Zeit ihres Lebens genug gegen Diskriminierung kämpfen müssen (übrigens auch im medizinischen Bereich), schließlich auch noch als Sündenbock missbraucht werden, wenn es um die steigenden Kosten im Gesundheitssystem geht.
    Nichts für ungut, aber musste mal gesagt werden.
    MfG, C.

  12. Rebella schreibt

    Ich finde zwar auch, dass Vergleiche mit anderen Kostenfaktoren wenig hilfreich sind, aber wundern, wie Anna, darf man sich doch mal, wofür alles doch noch Geld da ist. Wobei man die Jugendlichen im Alkoholkoma gewiss nicht allein lassen sollte bzw. gar nicht erst dorthin kommen lassen sollte. Die vom mir benannte Ausgaben für Priester, Bischöfe und Co. hingegen sind nun vollständig unnötig. Da könnte man gleich ein Bündel Geldscheine aus dem Fenster werfen. Selbst das scheint unserem Staat also noch wichtiger zu sein. …

  13. Elmar Breitbach schreibt

    @ C.: Das stand so in der Studie. Beschwerden dazu bitte an Herrn Connolly.

    @ Rebella: Klar darf man sich wundern. Immer wieder und andauernd, Gründe dafür gibt es zahlreich. Aber es verwässert die Diskussion, wenn man am Thema vorbei Neben“kriegs“schauplätze eröffnet. So diskutiert man schnell mit Politikern (sollten sie sich denn je zu einer solchen Diskussion herablassen) über die Kirchensteuern und gute Argumente für die Kostenübernahme der Kinderwunschbehandlungen gehen unter.

  14. Elmar Breitbach schreibt

    Ich frage mich gerade, warum dieser Artikel so schlecht bewertet wurde?

    Bestimmt waren das Mitarbeiter aus dem Familienministerium 😉