Kinderwunsch: Nachrichten aus Fach- und Laienpresse

Patienten hören nicht auf ihre Ärzte. Zu recht?

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Kläre ich Patienten über eine künstliche Befruchtung auf, dann dauert dies üblicherweise seine Zeit, denn es gibt vieles, was erwähnt, erklärt und berücksichtigt werden muss. Gegen Ende diese Gespräch kommt dann oft die Frage auf, „was man selbst tun kann“, damit die Chancen auf eine Schwangerschaft steigen.

Die Liste der Empfehlungen ist dann eigentlich recht kurz. Keine Zigaretten, Übergewicht reduzieren, wenig Alkohol und bei heftigem Kaffeekonsumenten eine Reduktion auf eine unproblematische Menge. Das und eine vitaminreiche gesunde Ernährung ist eigentlich alles, was man an Empfehlungen geben kann.

Während der Stimulation reduziert sich die Einflussmöglichkeiten auf eine sachgerechte Anwendung der Spritzen. Die Liste der Empfehlungen nach dem Transfer ist oft lang. Dies ist bedingt durch das Bemühen des Arztes, alle möglichen negativen Faktoren von den Embryonen fernzuhalten, um eine Einnistung nicht zu behindern. Wenn man sich jedoch die wissenschaftliche Literatur anschaut, stellt man fest, dass all diese Empfehlungen oft jeglicher wissenschaftlichen Basis entbehren. Sogar die Wirkung von zusätzlichen Gelbkörperhormongaben, die praktisch überall zur Anwendung kommt, ist unbewiesen.

Sehr konkret müssen die Anweisungen sein, wenn die Patientin deutlich vergrößerte Eierstöcke hat oder gar ein drohendes Überstimulationssyndrom. Dann sind körperliche Schonung, vermehrte Flüssigkeitsaufnahme und evtl. auch die Gabe gerinnungshemmender Medikamente ratsam. Ist die Vergrößerung der Eierstöcke eher mäßig ausgeprägt, gilt eigentlich nur das gleiche wie im zweiten Absatz. Auch wenn immer vor einer Ovarialtorsion gewarnt wird (vergrößerte Eierstöcke drehen sich um ihren Gefäßstiel und schnüren sich die Blutzufuhr ab), so kann ich berichten, dass ich das in 20 Jahren bei insgesamt 3 Patienten erlebt habe. Und bei allen ist es nicht bei unmäßigem Herumhüpfen passiert, sondern mitten in der Nacht (und zwar im Schlaf).

Wenn also keine gravierende Überstimulation vorliegt, dann gibt es demzufolge – die eingangs gestellte Frage wieder aufnehmend – wenig, was man zusätzlich tun könnte. Oder müsste.

Nun gibt es jedoch Ärzte, die ihre Patienten mit einer langen Liste von Verhaltensregeln nach Hause schicken. Und sich dann wundern, dass die empfohlenen Verhaltensregeln von den Patienten nicht beachtet werden. Und dann eine Studie darüber machen, in der die Unvernunft der Patienten … tja, angeprangert wird.

Alice Domar und Kollegen untersuchten bei einer Gruppe von 118 Patienten, ob und wie diese die Empfehlungen ihrer Ärzte umsetzten. Diese waren

  • Reduktion sportlicher Betätigung
  • Kein Nikotin
  • Kein Alkohol
  • Kein Koffein
  • Keine zusätzliche Behandlung mit Kräutern
  • Keine Akupunktur

Während die ersten vier Punkte fester Bestandteil vieler Empfehlungslisten ist, mag den einen oder anderen wundern, warum Naturmedizin und insbesondere Kräuter verboten wurden. Die Erstautorin gab dazu an, dass speziell bei Teegemischen unklar ist, welche Inhaltsstoffe sie enthalten und daher unklar ist, ob sie eine Wirkung haben und wenn ja, welche. Darüber hinaus besteht je nach Herkunft der Tees und Kräuter die Gefahr von Pestizidbelastungen. Bei der Akupunktur standen die unbewiesenen Wirkungen im Vordergrund, wie es ja auch hier und hier bereits in diesen News erwähnt wurde.

Wobei sich die Frage stellt, warum man Akupunktur wegen nachweislich fehlender Wirkung verbietet, aber z. B. von körperliche Belastung abrät, obwohl es auch hier keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Einfluss auf die Erfolgsraten gibt.

Und es zeigt sich (wie so oft), dass man als Arzt auch überzeugen muss, wenn man in die täglichen Lebensabläufe seiner Patienten eingreift. Und von der obigen Liste ist rigoros und ohne Einschränkung der Verzicht auf’s Rauchen der einzige wirklich überzeugende Punkt. Dass man auf seinen Morgenkaffee nicht verzichten mag oder auch mal ein halbes Glas Prosecco bei einer Geburtstagsfeier nicht ablehnt, ist aus meiner Sicht nachvollziehbar und die entsprechenden Verbote werden daher auch weniger streng von den Patienten beachtet:

       Vor der Behandlung      Im Therapiezyklus
Sport 92% 100%
Rauchen 3% 2%
Alkohol 73% 49%
Koffein 77% 76%
Kräuter/Tees 14% 12%
Akupunktur 30% 47%

 

Ziemlich eindeutig kommt zum Tragen, dass Patienten auch für sich den Sinn ärztlicher Anweisungen hinterfragen. Man sieht, dass einheitlich die Meinung vorherrscht mit der Meidung von Nikotin die Chancen zu erhöhen. Bei Alkohol ist es vor allem eine Frage der Menge und viele gehen da zumindest im Behandlungszyklus lieber auf Nummer sicher. Bevor man vom Kaffee lässt, schaut man sich lieber noch einmal im Internet um und kann dort auch Beruhigendes finden, weshalb zumindest der Morgenkaffee nicht aufgegeben wird.

Dieser Artikel soll nicht Anlass sein, grundsätzlich ärztlichen Anweisungen zu misstrauen. Es zeigt jedoch, dass auch ärztliche Empfehlungen nicht selten – vielleicht zu oft – auf Glauben und Bauchgefühl beruhen und nicht wissenschaftlich belegt sind. Und dann zumindest von informierten Patienten anders ausgelegt oder ignoriert werden. Dieser Artikel sollte also für Ärzte Anlass sein, ihre Empfehlungen zu überdenken und ggf. nachhaltiger zu begründen, denn als Liste in die Hand gedrückt scheinen sie zu überzeugen.

Domar AD, Conboy L, Denardo-Roney J, Rooney KL
Lifestyle behaviors in women undergoing in vitro fertilization: a prospective study.
Fertil Steril. 2012 Jan 2. [Epub ahead of print]


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Kommentar

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17 Kommentare
  1. grueneGurke schreibt

    Meine KiWu hat mir keine solcher Listen gegeben… nur etwas mehr Ruhe/Schonung nach der PU.

  2. manulein schreibt

    mein Doc meinte auch nur das ich nach PU vieleicht auf sowas wie Bungee Jumping verzichten sollte *lol* da muss er sich keine Gedanken drum machen

  3. greta schreibt

    KEIN Sport
    KEIN Rauchen
    KEIN Alkohol
    KEIN Koffein
    KEINE Kräuter/Tees
    KEINE Akupunktur….

    hatte bei mir leider keinen erfolg, ich habe alles nie gemacht. vielleicht hätte ich sollen???

    jedenfalls, nachdem eine ordentliche medizinische DIAGNOSE die WAHREN probleme zu tage brachte und diese behandelt wurden, wurde ich auch erfolgreich schwanger.

    müßig zu erwähnen, dass ich dank folgendem, dauerhaften schlafentzug eine kaffeemaschine angeschafft habe 😉

    zum rest der punkte komme ich seit über 6 jahren eh nicht mehr…. also lieber vorher rauchen und saufen 😉

  4. Elmar Breitbach schreibt

    Scheint ja so zu sein, dass es immer mehr Ärzte werden, die eher entspannte Verhaltensregeln aufstellen. Ich kenne aber noch welche, die geben den Patienten 2 DIN A 4 Seiten an die Hand, voll mit guten Tipps.

  5. tini-76 schreibt

    beim Surfen bin ich neulich auf der Internetseite einer münchener Praxis geladet, die haben Ihren Patientinnen empfohlen während des Behandlungszyklus auf Fernsehen und Mobeltelefonieren zu verzichten…

    Ergänzend möchte ich erwähnen, dass die Liste der Unsinnigkeiten sicherlich auch das eine oder andere Zusatzmedikament enthalten kann (ASS, Q10, DHEA)- diese werden oft nach dem Prinzip, schadet nicht, hilft vielleicht verschrieben…

    sonnige Grüße
    Tini

  6. manulein schreibt

    Ich bin der Meinung das ASS nicht zu den unsinnigkeiten gehören, hätte ich das vorher bekommen, hätte ich evtl.weniger FG gehabt, es wird nicht immer im Detail nach allen Blutgerinnungsstörungen gesucht, somit wird sie aber zumindest behandelt. ASS schadet nicht über so eine kurze Zeit zumal man nur 100 mg bekommt.

  7. greta schreibt

    ich glaube die darmstädter waren das, die den patienten nach transfer 14 tage liegen verordneten *lol*

  8. tini-76 schreibt

    @manulein

    so pauschal meinte ich das gar nicht- sicher kann alles Sinn haben. Bei einem speziellen Patienten und einer bestimmten Situation. U. U. kann es tatsächlich sinnvoll sein nach dem Transfer auf Sport zu verzichten.

    Aber oft wird alles sehr pauschal nach dem Gieskannenprinzip verschrieben….

    Ich bin auch noch in einem lokalen Forum- man kann die behandelnde Praxis (es gibt drei in der Stadt)anhand der verschriebenen Medis zuordnen. Und das ist kein Scherz.
    Eine Praxis verschreibt IMMER ASS, die andere weigert sich Utrogest zu verschreiben und besteht auf Crinone und schwört auf DHEA….

  9. Elmar Breitbach schreibt

    Naja, spätestens ab dem Transfer sind auch Ärzte anfällig für Aberglauben. Da gibt’s die merkwürdigsten Empfehlungen. Das mit dem Crinone habe ich auch schon gehört…

  10. greta schreibt

    wenn sich eine praxis schon bei einer winzigen off-label-use-frage wie bei utrogest sperrt, wie bürokratisch geht dann erst der rest zu?? hm…

    und ja, bei einer massiven überstimu ist sport sicher blöd und liegen besser, das aber a) jedem auf einem zettel mitzugeben und b) liegen daheim und nicht im KH mit gleichzeigier heparinisierung zu verordnen ist im falle einer eingetretenen schwangerschaft auch schon wieder großer mist…. vor allem bei überstimu!

  11. Nauka schreibt

    Wenn ich auf meinen ersten Kiwuarzt gehört hätte, wäre ich vermutlich immer noch nicht schwanger. Dabei ging es allerdings nicht um Baden, Rauchen oder Saufen, sondern um medizinische Dinge.

  12. greta schreibt

    Korrektur: Es handelt sich nicht um DA sondern um KARLSRUHE

    [Edit durch Team der Kinderwunsch-Seite]

  13. Samyeli schreibt

    Es stellt sich doch die Frage, was Patientinnen an sinnvollen Tips mitgegeben wird und was mitgegeben wird, damit sich der Arzt gegen allfällige „Anschuldigungen“ absichert. Ich gehe mal davon aus, dass es genügend Patientinnen gibt, die sich dann beschweren, dass sie nicht schwanger wurden, weil sie Kaffee getrunken haben (wird einem ja gerne auch mal von „Freunden“ eingeredet).

    Insofern kann ich schon wieder verstehen, wenn Ärzte lange Listen mitgeben. Ich denke, jede Patientin hat auch selbst ein Hirn und ein Gewissen das ihr erlaubt, eine Entscheidung über die Umsetzung selbst zu treffen.

    Ich habe eigentlich alles von dem getan, was oben als „verboten“ gelistet wird – in Maßen. Dennoch bin ich schwanger geworden – Gott sei Dank. Es wäre mir aber auch nicht eingefallen, mich zu beschweren, dass ich nicht informiert wurde – dafür bin ich nicht der Typ.

  14. Wollschaf schreibt

    In Foren kann man lesen, dass die Zechs nach TF unter anderem Pressen beim Stuhlgang, Süssstoff, Kaugummi, Handy in Beckennähe, Solarium, Ananas und aufgewärmte Lebensmittel verbieten. Ich finde, „Aberglaube“ ist dafür noch ein zu milder Ausdruck. Vielleicht sollten Sie da mal ihren Artikel hinschicken, wieso Embryonen nicht aus der Gebärmutter fallen können.

  15. Elmar Breitbach schreibt

    @ Wollschaf: Die kennen den schon, denke ich… 😉

    Aber das mit den Ananas ist z. B. ein klarer Fall von „habe ich mal gehört und nehme es mal mit in die Liste auf“. Sogenannte Babyananas können tatsächlich bei einer fortgeschrittenen Schwangerschaft Wehen auslösen. Nur: Diese Ananas-Sorte ist in Europa nicht erhältlich und hat bezüglich der Wirkung nichts mit der normalen Ananas zu tun.

    Bei der Herleitung des Kaugummiverbots scheitere ich jedoch regelmäßig 😉

  16. greta schreibt

    kaugummi im mund sieht einfach schei.sse aus, wenn man sich vom zech det negativ abholt *grins*

  17. Wollschaf schreibt

    Heißen die Babyananas deshalb so, weil man nach Verzehr sein Baby bekommt *grins* ? Und die Warteschleife fällt ja eher noch nicht unter „fortgeschrittene Schwangerschaft“, oder?