Kosten: Immer auf die Kinderlosen. Selbst schuld?

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Seit dem 1.1.2004 müssen von den betroffenen Paaren ein Teil der Kosten für eine künstliche Befruchtung selbst übernommen werden. Von Seiten der Selbsthilfeorganisationen und der Reproduktionsmediziner gab es seither viele Versuche, diese Regelung rückgängig zu machen, denn vorher wurden 4 Behandlungen komplett übernommen.

Die politisch Verantwortlichen sahen zum Teil ebenfalls Handlungsbedarf und in einigen Bundesländern gibt es auch konkrete Umsetzungen solcher Pläne. Vor der letzten Bundestagswahl sah auch die damalige Familienministerin von der Leyen diesbezüglich Handlungsbedarf. Sogar im Entwurf des Koalitionsvertrags standen entsprechende Veränderungen, fielen jedoch sang- und klanglos unter den Tisch. Und als man sie dort wiederfand, steckte man sie gleich wieder in die nächste Schublade, wo sie immer noch liegen.

Von den Blinden lernen heißt siegen lernen

geld_fuer_kuenstliche_befruchtung1In dem Bemühen, Kosten einzusparen, wird gerne mal die Daumenschraube an der falschen Stelle angesetzt, wie man feststellen konnte, als die damalige niedersächsische Sozialministerin von der Leyen, den Erblindeten das sogenannte Blindengeld strich. Massive Proteste waren die Folge, in einem Volksbegehren wurden 200.000 Unterschriften gesammelt und binnen kurzem gab es wieder Blindengeld. So geht das.

Kinderlose hört man nicht

Warum geht das nicht bei der Kinderlosigkeit, einer chronischen Erkrankung, von der ca. 2 Millionen Bürger dieses Landes betroffen sind? Die von der aktuell geltenden Regelung Betroffenen aber auch die Ehemaligen und erfolgreich Behandelten sollten doch locker die für ein Volksbegehren notwendige Stimmenzahl zusammenbekommen. Und die Unterstützung der Pharmafirmen dürften ihnen sicher sein. Es passiert aber nur wenig und das von einem kleinen Häuflein Unentwegter. Warum ist das so?

  • Für viele Menschen ist es selbstverständlich und einfach, Kinder zu bekommen. Gelingt dies nicht so ohne Weiteres, wird dies als beschämende Unzulänglichkeit empfunden. Die Fähigkeit ein Kind zu zeugen, ist so selbstverständlich, dass das Unvermögen schamhaft verschwiegen und letztlich tabuisiert wird. Machtvolle Demonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern vor den Berliner Familien- oder Gesundheitsministerium sind daher nicht zu erwarten.
  • Von einer das Leben entscheidend beeinträchtigenden Erkrankung, wie es die ungewollte Kinderlosigkeit darstellt, wird die Lebensplanung nachhaltig aus dem Gleis geworfen. Übliche Reaktionen sind Ablehnung („das klappt schon noch“), Wut („warum ich“) und schließlich Resignation. Die für eine Behandlung benötigte Kraft fordert den Betroffenen vieles ab, die für die Unterstützung einer Protestaktion dann fehlt.

    Die meist vorhanden Unfähigkeit, das Problem mit Außenstehenden zu kommunizieren, wirft das betroffene Paar meist auf sich selbst zurück. Ohne jemandem nahe treten zu wollen: Das ist natürlich auch ein guter Nährboden für Selbstmitleid. Die Einstellung, dass sich bitte jemand anderes um die Durchsetzung politischer Interessen kümmern solle, man habe mit sich selbst schon genug zu tun, herrscht daher vor.

  • Für ein kinderloses Paar ist das Feedback der Gesellschaft meist negativ („Das ist die Psyche – hättest halt keine Karriere machen sollen“ etc.). Selbst von Ärzten werden sie oft nicht ernstgenommen. Daher besteht die Erwartung, dass die Gesellschaft sie nicht unterstützt und ohnehin niemand daran interessiert ist, die Behandlung ihres Kinderwunschs zu bezahlen. Dies stimmt jedoch nicht

Die Mehrzahl der Bevölkerung befürworten geringeren Eigenanteil der Paare

Das ist das Ergebnis einer Studie der Ruhruniversität Bochum. Nach Meinung der Bevölkerung und verschiedener Expertengruppen sollten sich die betroffenen Paare weiterhin an den Kosten beteiligen, jedoch in geringerem Umfang. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bochumer Nachwuchsgruppe „Gerechtigkeit in der modernen Medizin“, die im Fachjournal für Reproduktionsmedizin „Human Reproduction“ veröffentlicht wird.


Für diese Studie wurden betroffene Paare, Experten (Reproduktionsmediziner, psychosoziale Berater, Medizinethiker, Sozialrechtler, Gesundheitspolitiker) und eine repräsentative Gruppe der Durchschnittsbevölkerung standardisiert befragt. Auch wir hatten damals zu dieser Umfrage beigetragen.


Das Ergebnis ist eher überraschend:“Zwar finden die Mehrheit der Bevölkerung und der Experten und immerhin ein Drittel aller Paare eine Eigenbeteiligung grundsätzlich angemessen, aber statt 50% sollte sie nach Ansicht der Befragten bei 15 bis 25% der Kosten liegen. Zur Finanzierung von Kinderwunschbehandlungen wurde teilweise einer Erhöhung der Versicherungsbeiträge und teilweise einer Verwendung von Steuergeldern zugestimmt. „Im Ergebnis stimmt das Meinungsbild recht gut mit der Regelung in Österreich überein, wo die Behandlungskosten zwischen den Paaren, der Krankenversicherung und einen IVF-Fonds aufgeteilt werden“, berichtet Dr. Oliver Rauprich, Leiter der Nachwuchsgruppe.

Moralische Überzeugungen

Ein Einsparpotenzial bei Kinderwunschbehandlungen wurde von den Experten nicht gesehen. Auch wurde es abgelehnt, Frauen die Finanzierung ihrer Behandlung durch eine Eizellenspende zu ermöglichen. Jedoch würden es die Befragten mehrheitlich begrüßen, wenn die Erfolgsraten der einzelnen IVF-Zentren offen gelegt würden, um deren Behandlungsqualität vergleichen zu können. In der Studie wurde zudem untersucht, auf welchen normativen Überzeugungen die Befürwortung einer Kostenübernahme von Kinderwunschbehandlungen beruht: Sie war stark korreliert mit den Überzeugungen, Unfruchtbarkeit sei eine Krankheit, unfruchtbare Paare mit unerfülltem Kinderwunsch seien behandlungsbedürftig und Kinder bekommen zu können gehöre zu den grundlegenden Möglichkeiten, die jeder Mensch in seinem Leben haben sollte.“

Es scheint also auch in der allgemeinen Bevölkerung die Sicht vorzuherrschen, dass die Behandlung des unerfüllten Kinderwunschs die Behandlung einer Erkrankung ist und für die Betroffenen bezahlbar sein sollte. Es wäre an der Zeit, dass dies auch politisch umgesetzt wird. Und nochmal: Es wäre ebenso an der Zeit, dass die kinderlosen Paare sich aus ihrem Schneckenhaus an die Öffentlichkeit wagen und ihre eigenen Interessen vertreten.

Nachtrag: Über den Hinweis auf veröffentlichte Statistiken einzelner Zentren hatte ich mir bereits hier ausführlich Gedanken gemacht.

Rauprich O, Berns E, Vollmann J.
Who should pay for assisted reproductive techniques? Answers from patients, professionals and the general public in Germany.
Hum Reprod. 2010 Mar 13. [Epub ahead of print]

Presseerklärung der RUB



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Kommentar

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17 Kommentare

  1. Kunstkoma schreibt

    Schöner Artikel, lieber Doc! Danke, dass Sie uns noch mal ins Gedächtnis rufen, warum unsere Arbeit so wenig Unterstützung findet. Das betretene Schweigen bestätigt’s auch wieder. Das macht es für mich persönlich leichter, wenn auch nicht besser…

    Ich setzte mich nun wieder an die Arbeit (voller Elan wäre gelogen) und grübele, wo wir die fehlenden 198.000 Unterzeichner herzaubern sollen.

    Herzlichst,
    Ina

  2. Joelle schreibt

    Es ist leider tatsächlich so: seit dem Beginn des Kinderwunsch-Albtraum-Zirkus, bleibt kaum noch Energie für jegliches andere Engagement. Als eigentlich engagierter und vielseitig aktiver Mensch leide ich extrem unter diesem Aspekt. Der Artikel fasst den Widerspruch, dass gerade der SCHWACHE sich für seine Sache STARK machen müsste, gut zusammen. Die Kombination Tabuthema + schwere Lebenskrise + Geldmangel ist für politischen Erfolg nicht gerade eine gute Voraussetzung. Auf die Gefahr hin, jetzt den Selbstmitleid-Stempel zu bekommen – ich persönlich glaube nicht an einen Ausweg aus diesem Teufelskreis. Ich bin natürlich dennoch sehr froh, dass es Leute gibt, die sich trotzdem engagieren (und hab natürlich auch längst die Petition unterschrieben) Aber ich glaube dass wir von der Politik wahrscheinlich erst dann wieder besser unterstützt werden, wenn die Krankenkassen merken, dass die Kosten für psychologische Behandlungen in Folge des unerfüllten Kinderwunsches explodieren.., oder die Geburtenraten weiter drastisch zurückgehen und keiner mehr in die Rentenkassen einzahlt.., oder was weiß ich, jedenfalls wird wie immer Geld der unterm Strich ausschlaggebende Punkt sein.
    Glaubt Joelle

  3. Elmar Breitbach schreibt

    @ Joelle: Stimmt schon, die in den letzten Sätzen genannten Argumente sind geeeignet, auch Politiker von einer veränderten Kostenübernahme zu überzeugen, die gegenwärtig dagegen sind. Man muss es ihnen aber sagen und zwar immer wieder und zahlreich, das ist genau das Problem.

  4. manulein schreibt

    Hallo

    ich kann von mir sagen, das ich auch nicht immer die Kraft habe, aktiv was zu machen, das muss auch nicht.
    Ich hab Zeiten, da schaff ich gerade so meinen Alltag, dann macht man eine Pause und danach geht es weiter, da ist keiner böse wegen.
    Jeder so wie er es schafft, manchmal denk ich mir, das manche Leute meinen, wenn sie was tun müssen dann 24 Stunden am Tag, so ist es aber nicht !
    Man kann den Verein auch mit kleinigkeiten, vieleicht einmaligen Aufgaben unterstützen, jeder Hand hilft, gerade wenn man kurz vor einer grossen Aktion steht.
    Ich finde es sehr schade, das so wenig Unterstützung kommt, wie der Doc schreibt es gibt 2 Millionen Betroffene, und davon viele viele die im Internet unterwegs sind und warscheinlich auch die aufrufe lesen und fast alle denken…ach die anderen machen das schon…tun sie aber leider nicht.
    Auch wenn es nicht von heute auf morgen geht das man weniger zuzahlen muss, aber wenn man gar nichts gegen diesen misstand macht, bleibt es 100 % so wie es jetzt ist, das ist sicher. Denn mit uns kann man es ja machen, kaum einer wehrt sich.

    Ganz liebe Grüße
    Manu

  5. Joelle schreibt

    @ Doc und Manulein
    – Ja, wo ihr Recht habt habt ihr Recht.

    Ich werde meine Rest-Energie nochmal zusammennehmen und noch ein paar mehr Petitionszeichner rekrutieren. Ich empfehle das auch allen, die das hier lesen: Auch wenn ihr verständlicherweise sehr erschöpft seid – bitte nehmt euch trotzdem 5 Minuten Zeit und zeichnet auf http://www.aktionkinderwunsch.de die Petition. Ist kein Aufwand und außer uns macht es schlicht niemand. Danke!

  6. Rebella schreibt

    Wir hatten schon Zeiten mit 4.488 Unterschriften unter einer Petition. http://www.klein-putz.net/forum/viewtopic.php?t=34371&postdays=0&postorder=asc&&start=90 (innerhalb weniger Wochen!) Das ist gerade mal 4 Jahre her. Auch brachte eine andere Unterschriftensammlung 2006 über 7.000 Unterschriften. Und trotzdem hat sich nichts geändert. …

    Ich glaube, dass jetzt so eine allgemeine Resignation eingetreten ist. Die Betroffenen sind inzwischen auch weitgehend andere. Denen von 2006 war noch bewusst, dass man ihnen was weg genommen hat. Die von 2010 kannten es gar nicht anders.

    Schön, dass die Bochumer Studie jetzt veröffentlicht wird. Wenn sie es dann tatsächlich wurde, möchte ich sie unbedingt lesen. Möglicherweise können ja solche Studien mehr erreichen. Jedenfalls ist es wohl ratsam, immer mal wieder neue Wege zu gehen.

    Meine – selbstverständlich – abweisende Antwort vom Familienministerium stelle ich unter einem anderen Thema ein.

  7. reaba schreibt

    zitat von rebella:

    Ich glaube, dass jetzt so eine allgemeine Resignation eingetreten ist. Die Betroffenen sind inzwischen auch weitgehend andere. Denen von 2006 war noch bewusst, dass man ihnen was weg genommen hat. Die von 2010 kannten es gar nicht anders.

    das sehe ich auch so.

    lieber als mit den blinden vergleiche ich die situation der ungewollt kinderlosen ja mit den homosexuellen ende der 80er, anfang der 90er:
    nachhaltige probleme waren mit einem „outing“ eigentlich nicht mehr verbunden, zumindest rechtlicher art. unangenehm war es doch und trotzdem haben es gerade in der zeit viele leute getan, sich geoutet.
    dadurch ist es mehr in den öffentlichen fokus gewandert das thema und heute ist prominent, erfolgreich und homosexuell sein kein widerspruch mehr (manchmal kommt sogar die vermutung auf: für das erklimmen gewisser promiebenen sogar von vorteil 🙂 )
    was den kinderwünschlern vielleicht in gewisser weise etwas abgeht, ist der befreiende, schillernde aspekt der sache…
    fühlt sich halt nach wie vor nicht gut an zu sagen: he, mein sperma zeugt auf normalem weg keine kinder…oder: ich kann dauerhaft keine schwangerschaft austragen oder gar erst auf normalem weg schwanger werden.
    hat wirklich so gar keinen befreienden, erheiternden oder positiven aspekt, diese aussage öffentlich zu tun.
    zumindest erstmal nicht für einen selbst -> fürs „grosse ganze“ wär es sehr wichtig.
    ist aber nicht mehr so sehr teil unserer kultur sich um sowas zu kümmern.

  8. Pedechen schreibt

    Ist schon traurig.
    Im Elternforum gabs binnen 2 Tagen 2 Threads darüber. Einer davon mit EINER ANtwort. Aber dafür wird 5 Seiten lang über die schlimmen Männer hergezogen……

  9. Elmar Breitbach schreibt

    Im Elternforum dreht man sich gerne um sich selbst. Und das mit einer erschreckenden Ausdauer, wofür man im Schwangerenforum ja noch ein wenig Verständnis hätte…

  10. *g*m schreibt

    Ich danke den superaktiven Mädels des Vereins für ihr Engagement und versuche meinen Beitrag so gut wie möglich beizusteuern!
    Bitte macht weiter so! Habe nun gemerkt, wie wichtig es ist sich immer ggs. aufzubauen! Es geht uns ja allen gleich!
    Wir dürfen nicht aufhören daran zu glauben, daß sich doch noch was ändert und wenn es nur immer kleine Tropfen sind sollten diese nicht unterschätzt werden!!!

  11. reaba schreibt

    *LOL* … lieber doc, ich habe jetzt erst rausgefunden, was sie meinten … *LOL*

    ehrlich schaurig!

  12. Wollschaf schreibt

    Für mich (und wahrscheinlich auch noch für so einige andere) steht noch ein weiteres Hindernis einem öffentlichen Engagement entgegen: Die Sorge, mein Arbeitgeber könnte erfahren, dass ich dringend schwanger werden möchte. Löst ja im Allgemeinen dort keine Begeisterungsstürme aus, und wer (wie ich) mit einem befristeten Vertrag ausgestattet ist und sich in absehbarer Zeit um eine Verlängerung oder eine neue Stelle bewerben muss, der ist darauf bedacht, dass dann nirgendwo schwarz auf weiß festgehalten ist, dass aktiver Kinderwunsch besteht. Denn wenn ich arbeitslos würde, wäre die Behandlung noch schwerer zu finanzieren.

  13. *g*m schreibt

    @Wollschaf: mit dem gleichen Thema haben wir hier alle zu kämpfen, bzw. gehabt, aber das geht alles auch total anonym- versprochen!

    LG

  14. Rebella schreibt

    Wollschaf, ich habe bisher schon an mehreren Aktionen teilgenommen. Und ich wurde nie gefilmt oder fotografiert, wenn ich es nicht wollte. Auch hat man nirgendwo meinen Namen abgedruckt, wenn ich es nicht wollte.

    Insofern ist deine Angst, dein Arbeitgeber könnte das mitbekommen, unbegründet.

  15. Kat schreibt

    Ich hatte gestern den Film „google baby“ auf arte gesehen und war schockiert, wenn ich auch vorher wusste, dass es etwas in der Art gibt.

    Natürlich weiss ich, dass es hier um eine andere Art der Erfüllung eines Kinderwunsches geht, doch solche Machenschaften rücken meiner Meinung nach die ganze „künsltlichen“ Massnahmen zur Förderung von Befruchtung und eigenem Kind in ein ungutes Licht.

    Außerdem sollte man nicht davon ausgehen, dass die ganze Bevölkerung davon überzeugt ist, Kinder zu haben sei ein Menschenrecht. Ich bin es beispielsweise nicht. Ich denke es ist ein Schicksal, für manche ein erfreuliches und für andere ein unerfreuliches.

    Wenn man gerne Kinder mag und unterstützen möchte, dann kann man das auf vielfältige Art und Weise tun.

    Ich wünsche allerdings allen Menschen, die dieses Problem haben eine Lösung und Zufriedenheit für ihr Leben.

  16. Lauterbach für Kostenübernahme bei künstlicher Befruchtung

    […] gedankenlos und falsch. Das wird auch von der Öffentlichkeit so gesehen, wie eine Studie der Ruhruniversität Bochum vor einem Jahr zeigte, jedoch tragen ungewollt kinderlose Paare auch dazu bei, dass diese Sicht der Politik sich nicht […]