Kinderwunsch: Aber alle sagen, man müsse sich nur entspannen.

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Die Empfehlung, sich bei Kinderwunsch zu entspannen und „keinen Kopf zu machen“ erscheint auch in unseren Foren immer wieder. Gerne auch im Zusammenhang mit sogenannten „Mutmachpostings“, deren Wesen in unserem Wiki bereits ausführlich beschrieben wurde. Kernaussage ist dann oft, dass man besser schwanger wird, wenn man sich entspannt. Das hinterlässt viele Leserinnen in dem Dilemma, dass sie sich in einer Kinderwunschbehandlung eben nicht entspannen können, da eine solche Therapie zwar auch mit vielen Hoffnungen einhergeht, aber auch mit vielen Ängsten. Bleibt die Schwangerschaft dann aus, ist die Schuldfrage dann auch gleich geklärt: Die unentspannte Frau ist schuld.

Alleine der länger bestehende unerfüllte Kinderwunsch verursacht Streß. Und eine Behandlung vergrößert diesen. Der Einfluss des Stress auf die Fruchtbarkeit wird jedoch grundsätzlich überbewertet. Zumindest, wenn damit der normale Stress am Arbeitsplatz und im Alltag gemeint ist.

Dies ist wissenschaftlich belegbar, wie man in diesem Artikel nachlesen kann:“Welchen Einfluss hat Stress auf die künstliche Befruchtung?“ Die Studie untersucht in einer sogenannten Metaanalyse alle zu diesem Thema veröffentlichte Studien und die Ergebnisse sind daher sehr belastbar.

Bedauerlicherweise wird diese eindeutige wissenschaftliche Aussage immer wieder angezweifelt, da man doch sehr häufig etwas anderes liest.

Aber alle sagen doch….?

Entspannen bei Kinderwunsch
Foto: Hendrik Meints / pixelio.de
Wissenschaftliche Erkenntnisse sind jedoch keine demokratische Entscheidung, die nach dem Mehrheitsprinzip gefällt wird. Und die Studienlage ist nun mal eindeutig.


Warum trotzdem so viele Menschen behaupten, dass Stress die Fruchtbarkeit beeinträchtigen würde, liegt an einem Phänomen, was leider häufig auftritt, jedoch bedauerlicherweise völlig unwissenschaftlich ist: Der selektiven Wahrnehmung.

Selektive Wahrnehmung hilft vermeintlich

Biologische Prozesse – und dazu gehört natürlich auch das Schwangerwerden – sind oft nur schlecht kontrollier- und beeinflussbar. Demzufolge treten unerklärliche Resultate (Nicht schwanger werden trotz guter Voraussetzungen, unvorhergesehener Eintritt einer Schwangerschaft) häufiger auf, als man meint, nur durch Zufall erklären zu können.

Der Mensch gibt sich jedoch mit solchen rätselhaften Ereignissen nicht zufrieden, sondern sucht nach Erklärungen und Mustern hinter diesen Geschehnissen. Der Wunsch, eine Erklärung zu finden, resultiert in einer veränderten Wahrnehmung, die dann nur oder hauptsächlich Zusammenhänge wahrnimmt, welche die Theorie – das Erklärungsmuster – bestätigen [Bestätigungsfehler]

Vermeintliche Kontrolle

Natürlich ist der Eintritt und das Ausbleiben einer Schwangerschaft kein völlig zufälliges Ereignis, wie zum Beispiel Lotto oder ein Münzwurf. Aber die Einflussnahme ist nur begrenzt möglich und Vieles unterliegt Zufällen, die sich genauso unserer Kontrolle entziehen.

Das ist aus Sicht Betroffener wenig zufriedenstellend und führt zu dem Versuch, die unkontrollierbaren Faktoren gezielt zu beeinflussen. Was per definitionem nicht möglich ist. Hat man aber durch selektive Wahrnehmung ein vermeintliches Muster erkennen können, dann dient diese „Beobachtung“ als Basis für gezieltes Handeln. Der Glaube daran, dass man zufällige Ereignisse beeinflussen kann, nennt sich Kontrollillusion. Und so kommen wir nun zurück zum Thema Stress und Unfruchtbarkeit.


Entspannen macht schwanger

Warum also werden so viele Frauen nach langjährigem erfolglosen Bemühen im Urlaub schwanger? Oder noch offensichtlicher: Warum werden so viele Frauen schwanger, wenn sie mit dem Kinderwunsch abgeschlossen haben oder einen Adoptionsantrag stellen?

Die Erklärung kann nur sein, dass diese Frauen mit dem Thema Schwangerwerden abgeschlossen haben und dadurch einen Zustand der Entspannung erreichten, der endlich eine Schwangerschaft zuließ. So die gängige Meinung.

Entspannung ist hilfreich, aber macht nicht schwanger

Auch nach jahrelanger Kinderlosgkeit treten immer noch Schwangerschaften ein. Nach Ausschöpfung aller medizinischer Möglichkeiten liegt die Quote bei 3-5% (Nein, leider nicht pro Zyklus, sondern insgesamt). Wenn also 100 Paare mit einer solchen Vorgeschichte eine Adoptionsantrag stellen, dann werden 5 davon noch Eltern eines eigenen Kindes. Wichtige Zusatzaussage: bei 95 tritt eine Schwangerschaft NICHT ein.

Das außergewöhnliche Ereignis einer späten und unerwarteten Schwangerschaft wird aus nachvollziehbaren Gründen als erfreulich und berichtenswert wahrgenommen und demzufolge auch gerne weiter erzählt. Ein Umstand, den der Spezialist und Psychologe Dr. Tewes Wischmann in einem Interview wie folgt kommentiert:

Es sind immer die gleichen Fälle, von denen da erzählt wird. Von den Frauen, bei denen so etwas nicht passiert – und das ist Mehrzahl -, spricht niemand. Wir erfinden gern Kausalitäten, weil wir uns wohler fühlen, wenn wir denken, wir wissen, warum etwas passiert. Diese Geschichten sind ein Versuch, etwas Unkontrollierbares in den Griff zu bekommen. Sie setzen die betroffenen Paare aber nur mehr unter Druck.

Aus solchen Ereignissen den Schluss zu ziehen, im Vorfeld sei eine Schwangerschaft nicht eingetreten, weil die Frau zu „verkrampft“ gewesen sei, hält er aufgrund der darin enthaltenen Schuldzuweisung sogar für gefährlich.

Und auch Prof. Krüssel aus Düsseldorf erklärte dies in einem Interview ähnlich:

Tipps von Freunden und Verwandten zum Thema Kinderkriegen sind oft magische Ideen. Sie sollen eine unkontrollierbare Situation scheinbar erträglicher machen. So erklärt sich die Psychologie die Ammenmärchen rund um den unerfüllten Kinderwunsch.

Das Internet als Mythenmultiplikator

Während früher solche Mythen nur langsam Verbreitung fanden, bietet das Internet die Möglichkeit (oder das Risiko, je nach Sichtweise) der schnellen Verbreitung von Informationen. Bedauerlicherweise führt dies oft zu schnellem und schludrigem Arbeiten. Die Recherche zu vielen Themen beschränkt sich ganz offenbar darauf, aus den ersten 10 Fundstellen bei Google einen eigenen Text zu basteln. Gerade, wenn der Redakteur nicht im Thema „drin ist“, was bei medizinischen Themen ja oft genug der Fall ist, wird oft einfach nur abgeschrieben und umformuliert.

Wenn aber „Ammenmärchen“ fleißig abgeschrieben und weiter verbreitet werden, dann werden sie dadurch nicht richtiger. Das war bei den vier Evangelisten und der jungfräulichen Empfängnis schon so und hat sich seitdem nicht geändert. Nur dass es jetzt tausende dieser „bleibt mal locker“-Evangelisten gibt.

Dieser Artikel darf übrigens gerne abgeschrieben werden 😉



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Kommentar

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13 Kommentare

  1. sbie schreibt

    immer wieder erfrischend Ihre Texte! Und genau wegen diesem Inhalt werden wir sie vermutlich zu 95% bald wieder beehren (müssen) 😉

  2. Coralle12 schreibt

    Vielen vielen Dank für diesen Artikel. Ich kann es nicht mehr hören: „Du musst den Kopf frei haben“ *ahaahahhhahahahahah* Ich glaube auch, es hat viel mit Glück zu tun, dass man schwanger wird und nicht damit, wie frei der Kopf ist… DANKE EUCH!

  3. Greta S schreibt

    wie entspannend so ein postbote sein kann – nach etlichen stressigen jahren mit dem eigenen mann *pfeif*

    und der gatte erzählt dann noch rum, dass sei NUUR entspannen mussten, und dann klappte es 🙂

    und ja, postboten sind heute oft frauen. daher empfehle ich jeder frau den zweiten dummen tip: mal in den urlaub fahren.

    alleine übrigens 🙂

    wirkt auch wahre wunder.

    jedenfalls für die „rumerzähler“ 😉

  4. grueneGurke schreibt

    Schlimmer sind die ‚Stellungstipps‘ und dann Infos zum ‚Zeugungsschmerz der Maenner’…

    Danke fuer den Bericht 🙂

  5. bu schreibt

    wieso soll die die jungfräuliche Empfängnis ein Ammenmärchen sein? Sie ist möglich – und zwar durch künstliche Befruchtung. Von daher ist es mir ein Rätsel, warum die kath. Kirche die künst. Befruchtung ablehnt. Schließlich konnte Jesus nur so gezeugt werden.

  6. Gerda Meyer schreibt

    Wie will man sich auch entspannen, wenn man die Zahl 30, schon 4 Jahre ohne Erfolg, überschritten hat? 🙁

  7. blackforestfairy schreibt

    Auch von mir ein DANKESCHÖN für diesen Artikel. Die Zahl 95 werde ich so schnell nicht vergessen – der nächste ‚Entspannungstipp‘ folgt bestimmt :-P….

  8. Auf schwangerschaft warten ist normal, oder? | Paleo Mama

    […] oder Sie können zumindest einer Online-Gruppe beitreten. Mit einer solchen Gruppe können Sie Entspannungstechniken üben oder Sport treiben, essen gehen, oder einfach nur füreinander da sein, um über alle stressige […]

  9. Doriii schreibt

    vielen Dank für diesen guten Artikel zum Thema Entspannung und unerfüllte Kinderwunsch!
    Nachdem Sie selbst davor warnen, dass Menschen Dinge abschreiben mit denen Sie sich nicht beschäftigt haben, würde ich Ihnen allerdings nahelegen den „theologischen Ausflug“ im letzten Absatz entweder zu streichen oder sich damit zu beschäftigen (mir wäre es sehr neu, dass in allen 4 Evangelien überhaupt von der jungfräulichen Empfägnis gesprochen wird 😉 )

  10. Doriii schreibt

    auch wenn in den Evangelien voneinander abgeschrieben worden sein sollte (ich glaube eine Dikussion darüber und den allgemeinen Wahrheitsgehalt geht hier deutlich zu weit)- die Jungfrauengeburt auf die Sie hier anspielen, wird nur in 2 Evangelien erwähnt 🙂

  11. Elmar Breitbach schreibt

    Nicht zu fassen.

    Nun steht da oben eine schöne Pointe und hier unten wird sie zerfasert. Jetzt haben Sie sie auf dem Gewissen. Ich hoffe, Sie können damit leben.

  12. Sabine schreibt

    Den besten Kommentar dazu machte eine Freundin, die mittlerweile im Rentenalter ist und früher mehrmals ungewollt schwanger wurde: „Du glaubst gar nicht wie extrem unentspannt man ist, wenn man gerade NICHT schwanger werden will!“