Kinderlos ohne erkennbare Ursache: Was tun?

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Bei ca. 10% aller Paare, denen eine Schwangerschaft versagt bleibt, gibt es keine nachweisbaren medizinischen Gründe für die Kinderlosigkeit. Da man in der Medizin üblicherweise die Behandlungen an der erhobenen Diagnose orientiert, ergibt sich in solchen Fällen ein Prolem: Ohne Diagnose keine Therapie.

Wenn ein Paar ein seit mehreren Jahren unerfüllten Kinderwunsch hat, ergibt sich auch ohne eine Diagnose eine Notwendigkeit für eine Behandung. Nur welche?

Klassisch sind folgende Situationen:

  • Der Arzt hält es für eine psychologische Problematik und rät dazu, es einfach weiter zu probieren. “Das wird schon
  • Da ja eigentlich bei beiden Partnern alles in Ordnung ist, entschließt man sich zu einer gerigen Stimulation der Eierstöcke mit Clomifen und hofft das Beste.
  • Eine weitere “milde” Therapie ist die Insemination, um die Chancen zu verbessern

Sind diese ungezielten Therapien auf niedrigem therapeutischen Niveau (first line Treatment) tatsächlich geeignet, die Chancen im Vergleich zum abwartenden Verhalten ohne Behandlung zu verbessern?

Dies herauszufinden, war Ziel einer Studie aus Schottland, die jetzt im “British Medical Journal” veröffentlicht wurde. 580 Paare mit einer solchen “idiopathischen Sterilität” wurden in drei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe erhielt keine Behandlung, eine weitere 50mg Clomifen und bei einer dritten wurden Inseminationen ohne hormonelle Vorbehandlungen durchgeführt. Der unerfüllte Kinderwunsch bestand bei diesen Paaren im Durchschnitt seit zwei Jahren.


Ohne Behandlung wurden über den Beobachtungszeitraum 17 % schwanger und trugen ein Kind aus, nach Clomifen waren es 14% und 23 % nach der Inseminationsbehandlung. Statistisch gesehen ist der Anstieg der Erfolgsraten gegenüber den Patienten ohne eine Therapie nicht signifikant. Es bedeutet zwar, dass die Ergebnisse besser sind, dies aber aufgrund der Fallzahl der in der Studie untersuchten Probanden auch z. T. zufällig sein kann.

Die schottischen Mediziner halten die Erfolgsrate einer künstlichen Befruchtung ohne vorangehende Hormonbehandlung gegenüber dem abwartenden Verhalten für zu gering, um sie weiterhin als Standardmethode zu propagieren. Und die alleinige Verwendung von Clomifen ist sicherlich ein Grund, über die Behandlung der Paare mit idiopathischer Sterilität erneut nachzudenken. Ungezielte “first line” Behandlungen scheinen keine deutliche Verbesserung der erfolgswahrscheinlichkeit nach sich zu ziehen und sind den Autoren zufolge nicht zu empfehlen.

Natürlich gibt es auch weitere Methoden, die man in ähnlicher Weise untersuchen müsste: Insemination mit hormoneller Stimulation (die häufigste Variante in Kinderwunsch-Kliniken), die Gabe von Spritzen zur hormonellen Stimulation allein und natürlich auch die IVF. Diese Methoden zu vergleichen, könnte bedeuten, dass man bei Paaren mit idiopathischer Sterilität möglicherweise eher geneigt sein würde, eine IVF durchzuführen, als dies gegenwärtig der Fall ist. Eine solche Studie wäre sicherlich sehr hilfreich.

Gegenwärtig kann man aus dieser Studie nur schließen, dass Clomifen und Inseminationen alleine die Chancen auf ein eigenes Kind nicht verbessern, wenn das Paar eigentlich gesund zu sein scheint.

Nachtrag: Interessant, dass die Laienpresse sich auch um diese Studie “kümmert”, noch interessanter sind die Überschriften dazu:
Babywunsch? Sex! Denn künstliche Befruchtung ist kaum erfolgreicher” (Ärztezeitung)
Kinderwunsch: Unfruchtbare Behandlungen” (Fokus)
Fruchtbarkeitsbehandlungen steigern Erfolg kaum” (pressetext deutschland)

Bhattacharya S et al.
Clomifene citrate or unstimulated intrauterine insemination compared with expectant management for unexplained infertility: pragmatic randomised controlled trial
BMJ 2008;337:a716



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Kommentar

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12 Kommentare

  1. reaba schreibt

    dr. breitbach:

    “Gegenwärtig kann man aus dieser Studie nur schließen, dass Clomifen und Inseminationen alleine die Chancen auf ein eigenes Kind nicht verbessern, wenn das Paar eigentlich gesund zu sein scheint.”

    ohne pathologisieren zu wollen, aber ich denke, dass sich in diesm satz eine einfache wahrheit verbirgt: “gesund zu sein scheint” oder “ideopathisch” sehe ich eigentlich nur als platzhalter bis es gelingt auch bei ideopathischen ursachen die diagnostische herangehensweise so zu differenzieren, dass zu therapierende ansätze übrig bleiben.
    “ideopathisch” fällt irgendwann sicher einfach weg; wenn die vorgänge rund um zeugung und einnistung noch besser und nachhaltiger verstanden sind.

    rein menschlich gesehen, kann ich es voll nachvollziehen, dann aber doch mit clomifen etc + gezielter insemination zu arbeiten, auch wenn die studienlage nicht unbedingt auf eine verbesserte situation hindeutet.

  2. Elmar Breitbach schreibt

    Mein Schluss wäre eher, dass man trotz der fehlenden Diagnose die Therapie schneller steigert es einem vielleicht bei gesunden Menschen zunächst sinnvoll zu sein scheint. Wobei dann die Dauer der Kinderlosigkeit in meinen Augen ein weihctiger Faktor ist. Mit anderen Worten: Nach 6 monatiger Dauer des Kinderwunsches sollte man einer idiopathischen Sterilität noch nicht mal an Therapie denken

  3. Ich schreibt

    Ich bin total mit reaba hier.
    Es ist nur Schein und irgendetwas stimmt bei diese Paare doch nicht, nur muß man mehr bei der Diagnose “buddeln”.

  4. S. schreibt

    Mein Mann und ich waren selbst davon betroffen, ich bin 4 ganze Jahre lang nicht schwanger geworden.
    Mein Frauenarzt meinte zuletzt, es könnten nur psychische Blockaden daran schuld sein, was ich gar nicht hören wollte.
    Etwa 5 Monate, nachdem ich innerlich völlig mit dem Kinderwunsch abgeschlossen hatte, wurde ich schwanger.
    Natürlich kann ich nicht von mir auf andere schliessen, aber vielleicht spielt die Psyche doch eine gewisse Rolle?

  5. reaba schreibt

    @ doc

    das sehe ich im prinzip genauso wie sie, aber nur wenn das paar schon gut diagnostiziert ist und zumindest eine kiwu-praxis mehrfach von innen gesehen hat 😉

    @ S.

    schön, dass es bei euch doch noch geklappt hat, allerdings denke ich, dass die “psyche” wirklich überbewertet ist. meistens gibt es ja gar nicht DIE ursache für das versuchsversagen oder die nicht eintretende schwangerschaft…meistens ist sowohl erfolg wie misserfolg hier multifaktorell … dass die psyche da ein faktor von meheren sein könnte, streite ich wohl nicht nachhaltig ab, wenn es auch sicher nicht der wichtigste faktor ist.

  6. Uti schreibt

    Wir waren auch so ein *ideopathisches Paar*, mich würde mal interessieren, wieviele davon einfach nur schlecht diagnostiziert wurden, so wie wir damals 🙁
    Meine Hausärztin weiß gar nicht was Hashi ist und so kluge Menschen, wie Frau Dr Reichel, werden immer noch von vielen belächelt!

  7. reaba schreibt

    moinmoin uti,

    genau das denke ich auch oft 🙁
    nicht das es nicht schon anspruchsvoll genug wäre dann auch die “zeichen ” richtig zu deuten und einen gangbaren diagnostischen und therapeuthischen ansatz zu finden..nein..man kämpft dann oft auch gegen sture EBMler (evidence based medicine), gegen den allgegenwärtigen sparzwang ohnehin :-(.

  8. Ich schreibt

    Doch, ich bin eine die viel and die seelische Komponente halte,
    und nicht nur bei Kiwu.
    Viele Krankheiten haben erst mal seelische Gründen und Stress und das körperliche Leiden ist dann nur der (letzte) Hilfeschrei des Körpers: “Halt,ich kann wirklich nicht mehr!”
    Es ist ja aber so dass diese Sache nicht ernst genommen wird von den Ärzten.
    Und bei Kiwu werden oft Sachen nicht untersucht.
    Man geht oft direkt zu BS und andere Eingriffe, ohne erst mal einfache Sachen aus zu schliessen:
    – genetische Ursachen und Chromosome (und zwar bei beide!)
    – ob einfach die Zellen passen (Immu/Blut), Scheidenmillieu u.a
    Manchmal passt wörtlich die Chemie (Blut, Schleim usw.) bei einem Paar nicht.
    – bei Mann wird nur wenig untersucht
    Ich bin kein Arzt, mir fällt jetzt nichts mehr ein, aber ein Grund muß es schon geben wenn es nicht klappt.
    Und FG haben auch ein Grund den man oft nicht findet.
    Ich denke grade auch an FG: vielleicht passiert dass das öfter als wir wissen und merken. Vielleicht werden wir doch SS, aber es wird gleich ausgestossen und wir wissen dass gar nicht.
    Ich akzeptiere dieses Stempel “idiopatisch” nicht so.

  9. Sine schreibt

    Gut, dass mein Arzt und meine Versicherung ein Einsehen hatten und uns nicht erst ewig warten ließen und dann bei normalem Spermiogramm jede Menge Inseminationen durchführen ließen, sonst hätten wir jetzt wohl nicht 3 Kinder durch IVF/ICSI weil ich in den 9 Jahren wohl darüber zu alt geworden wäre. Woher weiß man denn vor einer IVF, dass gar keine Befruchtung stattfindet?

  10. Sassi schreibt

    Wir sind auch so ein *ideopathisches Paar*. ” 2 Jahre unerfülltre Kinderwunsch – auch nach 2maliger Clomifengabe passierte nichts. Erst in der Kinderwunschbehandlung wurden wir total durchgecheckt, aber keine schwerwiegenden Ursachen entdeckt – mein hormonhaushalt war nicht 100% i.O.. Mit einer sanften und kombinierten Stimulation wurde ich sofort schwanger. Ich bin wirklich davon überzeugt, dass dieses “sanfte” nachhelfen bei uns zum Erfolg führte.. und nicht die Psyche, denn meine Frauenärztin hatte keine Ursacchen entdeckt und meinte ich solle mich auch mit dem Gedanken abfinden, vielleicht auch nie schwanger zu werden.

  11. raise schreibt

    Wir haben in unserer KiWu-Zeit jede Menge Ärzte kennengelernt, von denen die meisten entscheidende Zusammenhänge, die seit langem bekannt sind, nicht wussten, z.B. dass Metformin bei PCO helfen kann, welcher TSH bei Hashi und Kinderwunsch der richtige ist etc. Der Zusammenhang zwischen Scheideninfektion und Fehlgeburt wurde schon 1976 in Studien beschrieben, aber den kennt hier auch kaum einer. Ich denke auch, die meisten “ideopathischen” Paare haben ein medizinisches Problem, was aber nicht untersucht wurde – aus Unwissenheit und mangelnder Fortbildung.