Schwangerschaftsraten: Warum ergibt 3 x 50% nicht 150%?

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Wer sich einer künstlichen Befruchtung unterzieht, wird häufig mit Statistiken konfrontiert: Den eigenen Chancen, denen der behandelnden Praxis, den Durchschnittswerten in Deutschland und im Ausland usw.

Ein unübersichtlicher Wust an Daten bricht über einen herein, aus dem das Wichtige nur schwer herauszufiltern ist. Grundsätzlich darf man dabei eines nicht vergessen: In einem konkreten Versuch ist die Chance, nicht schwanger zu werden mindestens ebenso hoch, wie die eines Erfolgs. Oft ohne, dass es dafür eine nachvollziehbare Erklärung gibt.

Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, welche die individuelle Chance eines Paares beeinflussen: Alter der Partner, Embryonenqualität, Dauer der Kinderlosigkeit und so weiter. Das soll jetzt aber nicht das Thema sein. Sondern zwei Fragen, die immer wieder gestellt werden:

      Was ist die kumulative Schwangerschaftsrate = Unsere Chance nach einer bestimmten Anzahl von Versuchen schwanger zu werden?
      Warum klappt es so selten beim ersten Versuch?

Der erste Versuch ist immer schlechter als der letzte

Denn die letzte Behandlung ist ja oft jene, die auch zum Erfolg führte. Ist es nun aber wirklich so, dass die erste Behandlung schlechtere Chancen auf einen Erfolg hat? Wie wahrscheinlich ist es, dass der erste auch gleich der letzte ist?

Eigene Erfahrungen und auch Studien zur Erfolgsrate in Abhängigkeit von der Zahl der Behandlungszyklen zeigt keinen wesentlichen Einfluss auf die Schwangerschaftsrate. Abgesehen von den Fällen, wo die hormonelle Stimulation der Frau aufgrund mangelnder Vorerfahrungen nicht optimal verlief, ist die Chance auf eine Schwangerschaft im ersten Zyklus so gut wie in den folgenden. Erst ab der 4. oder eher 5. Behandlung sinken diese Raten meist etwas ab.


Auch der Umkehrschluss ist daher nicht zulässig: Nach einer oder mehreren erfolglosen Behandlungen sinkt die Schwangerschaftsrate zunächst nicht, da die Chancen ja weiterhin gleich bleiben. Daher ist es auch problematisch, dann ein erhöhtes Risiko einzugehen und sich z. B. im dritten Versuch drei Embryonen zurückgeben zu lassen. Bestanden gute Gründe gegen ein solches Risiko in den ersten beiden Behandlungen, dann gelten diese auch in der dritten.

3x 50% sind nicht 150%

Wenn ein Paar absolut optimale Voraussetzungen bietet, dann ist die Annahme, dass die Erfolgsrate bei 50% liegt nicht übertrieben und vor allem leicht zu rechnen. Es müsste nach drei Transfers ja eine 150%ige Wahrscheinlichkeit für den Eintritt einer Schwangerschaft bestehen. Irgendwie weiß man, dass das so nicht sein kann. Und warum nicht?

Gehen wird es mal Zyklus für Zyklus durch: 100 Paare mit solch optimalen Voraussetzungen gehen in eine Behandlung. Im ersten Zyklus werden 50% schwanger und die andere Hälfte eben nicht. Im zweiten Zyklus werden die restlichen 50 Paare nun aber nicht alle schwanger (bzw. die Frauen), sondern eben wieder nur die Hälfte dieser Paare. Das bedeutet also, dass nach dem zweiten Zyklus noch 25 weitere Frauen schwanger geworden sind und 25 übrigbleiben, die noch keinen Erfolg hatten.

Im dritten Zyklus werden von den verbliebenen 25 Paaren weitere 50% erfolgreich behandelt, also 12,5, die wir mal freundlich auf 13 aufrunden. Bleibt also nach drei Versuchen ein Rest von 12 Paaren, die immer noch auf eine Schwangerschaft warten. 88 sind inzwischen erfolgreich behandelt worden.

Die sogenannte kumulative Schwangerschaftsrate nach 3 Versuchen beträgt demnach 88% (eigentlich 87,5% ohne Aufrundung) unter diesen optimalen Voraussetzungen. Grundsätzlich lassen sich diese Rechenmodelle auch auf andere Werte übertragen, nur nicht so einfach rechnen.

Nur noch mal als Zwischenbemerkung: Die kumulative Schwangerschaftsrate von 88% nach drei Versuchen bedeutet nicht, dass der dritte Versuch mit einer Schwangerschaftswahrscheinlichkeit von 88% einhergeht, wie es oft fälschlicherweise verstanden wird. Wer das jetzt noch nicht begriffen hat, möge diesen Artikel bitte wieder von vorne beginnen….

Theoretisch lässt sich das weiter berechnen für x weitere Versuche, man wird aber nie bei 100% ankommen, da die Kurve deutlich abflacht, also immer weniger Schwangerschaften pro Versuch auftreten. Nach 9 Versuchen kommt man auf ca. 99,8%, was ja nicht schlecht ist, aber unberücksichtigt lässt, dass die statistische Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft in der Realität nicht dauerhaft bei 50% bleibt, sondern ab dem 4.-5. Behandlungszyklus deutlich absinkt.

Soweit die Theorie. Und die Praxis?

Eine türkische Gruppe von Wissenschaftlern hat sich die Mühe gemacht, ein statistisches Modell anhand von 5310 Behandlungen bei 1928 Patienten zu erarbeiten und fand heraus, dass die kumulative Rate von Lebendgeburten bei der IVF 85,4% beträgt und bei der ICSI 92,7%. Diese Raten werden nach 14 Zyklen erreicht.

Es trete also auch nach vielen vergeblichen Versuchen immer mal wieder Schwangerschaften und Lebendgeburten auf. Das macht die Entscheidung nicht einfacher, sich von der Kinderwunsch-Behandlung zu verabschieden.

Elizur SE, Lerner-Geva L, Levron J, Shulman A, Bider D, Dor J.
Cumulative live birth rate following in vitro fertilization: Study of 5310 cycles
Gynecol Endocrinol. 2006 Jan;22(1):25-30



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Kommentar

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12 Kommentare

  1. Viktoria1 schreibt

    Das habe ich verstanden. Ich verstehe bloß immer noch nicht, warum 50-60% aller Paare der IVF/ICSI-Behandlungen letzten Endes kinderlos bleiben sollen….
    ist es, weil die SS-Chancen eben doch im Durchschnitt unter 50 % liegen, es Paare ohne Transfer gibt, die Voraussetzungen eben nicht optimal sind, oder weil eben einige Paare schon früh aufgeben? Oder aufgrund von Fehlgeburten?

    Vielleicht kann mir jemand auf die Sprünge helfen…..

  2. Zenobia99 schreibt

    Werden bei der ganzen Statistik (z.B. in der Türkei) nur frische Versuche gezählt? D.h. nach 14 frischen Versuchen gibt es auch positive Ergebnisse?

    Die Chancen sinken ja bereits nach dem 4-5 Versuch – von wieviel Prozent spricht man hier?

  3. atonne schreibt

    Lustig, genau das habe ich auch mal gerechnet ;-).

    Trotzdem bleibt die Frage, warum die SS-Rate nach 4-5 Versuchen sinkt. Ist es nicht oft so, dass erst nach dieser Anzahl der Versuche nach weiteren Ursachen geschaut wird und das eigentlich die SS-Rate wegen der eventuellen Behebung der Ursache zumindest nnoch 1-2 Versuche gleich hoch bleiben müsste?

    Ich habe zwar nicht vor, 14 ICSIa zu machen, aber irgendwie sind die > 90% doch beruhigend.

    @Viktoria: die 50-60% beziehen sich meiner Ansicht nach auf alle KiWu-Paare, also auch solche, die nicht IVF/ICSI machen und auch auf solche, die nach z.B. 3-4 Versuchen keine Behandlung mehr machen.

  4. E. Breitbach schreibt

    @Viktoria1: Das Rechenbeispiel war natürlich mit sehr guten Zahlen, wegen der einfachen Berechenbarkeit. Die durchschnittlilche Schwangerschaftsrate in Europa liegt bei knapp 30% (wie in Deutschland auch). Da sieht die Rechnung natürlich dann schon anders aus. Mir ging es nur darum zu zeigen, warum sich Prozentzahlen nicht addieren. Ansonsten sind die von Ihnen aufgezählten Gründe schon ziemlich vollständig. Wie Antonne schon sagte: Die 50-50% beziehen sich auf alle Paare in Kinderwunsch-Behandlung

    @ Zenobia: Das waren frische Versuche, wenngleich die Fallzahlen dann natürlich sehr gering sind. Das sit nach 5 Versuchen kein Absturz, sondern ein langsamer Rückgang, beziffern kann ich den leider nicht.

    @ Antonne: Grundsätzlich richtig. Aber man wird davon ausgehen müssen, dass einige Paare von vornerherein Faktoren aufweisen, die diagnostisch nicht fassbar sind, aber das Schwangerwerden sehr stark erschweren.

  5. Greta schreibt

    …außerdem wird man übers Versuchen alt, älter, ganz doll alt, dann ist die Chance eh geringer….

  6. Donza schreibt

    Völig O.T.:
    Warum wird unter „Letzter Beitrag“ auf der „News“-Startseite eigentlich nie der aktuellste Artikel (z.Zt. nämlich dieser hier) angezeigt, sondern immer ein etwas älterer (z. Zt. „IVF in Polen…“

    Das verwirrt mich immer etwas, weil man beim schnellen Durchgucken nie weiß, ob es einen neuen Artikel gibt.

    Beste Grüße
    von
    Donza

  7. E. Breitbach schreibt

    @Donza: Weil die wissenschaftlichen Artikeln vom Rest getrennt sind. Und dieser hier ob seiner Wichtigkeit als „Featured“ länger auf einem exponierten Platz stehenbleibt, damit ihn alle zu lesen bekommen. Meist bleibt er da für ca. 1 Woche. Und darunter das sind Interna, Fun etc. Steht eigentlich auch darüber

  8. Rebella schreibt

    Ich habe zur Veranschaulichung der Schwangerschafts- und Geburtenraten pro Versuch immer diesen Link parat: http://www.ulb.ac.be/erasme/edu/FIV/ger/D.htm

    Ist zwar schon etwas älter und von einer Klinik in Brüssel, die gesetzlich mehr Möglichkeiten hat, aber durchaus aussagekräftig.

  9. tintenklecks schreibt

    Leider ist das ja ein wenig wie beim Kniffel-Spielen: Unter vielen Versuchen kommen wir auf einen bestimmten Prozentsatz, unter gaaanz vielen, eine 6 zu würfeln. Aber würfeln wir drei-viermal, dann ist die Chance bei jedem Versuch wieder nur 1/6. Leider.
    Oder auch: Immerhin.

  10. E. Breitbach schreibt

    Das ist genau der Punkt: Die Chance beim 1. Versuch ist genauso gut wie beim 5.

    Oder so schlecht. Auf jeden Fall im Wesentlichen unverändert.

  11. Kumulative Schwangerschaftsrate: Was bedeutet das eigentlich?

    […] Nicht selten wird dies fehlinterpretiert und davon ausgegangen, dass man beim dritten Versuch eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 60% hat, während man beim ersten deutlich niedriger liegt. So ist es jedoch nicht. Im Forum wurde dies heute diskutiert und ich möchte daher einen älteren Artikel wieder aufgreifen, in dem die kumulative Schwangerschaftsrate bereits ausführlich erläutert wurde. […]