Kinderwunsch: Nachrichten aus Fach- und Laienpresse

Mehr Tumore durch Hormongaben?

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Das ist zumindest die Kernaussage vieler Artikel die heute durch die Tagespresse gingen. Bis hin zur Feststellung „Hormontherapie erhöht Risiko für Eierstockkrebs“ ohne Fragezeichen. Dieses Thema ist nicht neu und einige Studien fanden auch in diesen News Erwähnung, wobei hier, hier oder vor allem hier ein nur unwesentliches oder kein zusätzliches Risiko für Krebsbehandlungen gefunden werden konnte.

Worum geht es jetzt also?
Ausgangspunkt des Blätterrauschens ist eine holländische Studie (OMEGA-Studie), die von Forschern des Netherland Cancer Institute in Amsterdam im Journal „Human Reproduction“ veröffentlicht wurden [1]. Es handelt sich hierbei um eine retrospektive Analyse der Daten von 19.146 Frauen, die in den Jahren 1983 bis 1995 eine IVF-Behandlung erhielten. Deren Risiko, an Eierstockskrebs zu erkranken, wurde nicht wie in anderen Studien mit einer Kontrollgruppe normal fruchtbarer Frauen verglichen, sondern mit einer Gruppe „subfertiler Frauen – also mit Kinderwunsch-Vorgeschichte – die jedoch keine Hormonbehandlungen erhielten und 6.606 Probandinnen umfasste.

Absolutes Risiko ist gering
Voranzuschicken ist, dass das absolute Risiko für Eierstockskrebs insgesamt sehr niedrig ist (3,7 Prozent aller Krebserkrankungen bei Frauen). Daher erkrankten in der Nachbeobachtungsperiode bis 2005 „nur“ 77 Frauen an einem Ovarialkarzinom, 61 dieser Erkrankungen entfielen auf die Gruppe mit einer IVF in der Vorgeschichte. Unterschiede sind gering: Die Autoren der Studie schätzen bei 55 Jahre alten Patientinnen, die einmal eine IVF-Therapie hatten, die Steigerung des Risikos für einen Tumor des Eierstocks im Vergleich zu Frauen ohne IVF von 0,45 auf 0,71 Prozent.

Spezialfall Borderline-Tumoren
Deutlich auffälliger war jedoch die Art der bobachteten Tumore: Bei den 61 ehemaligen IVF-Patientinnen mit einem Ovarialtumor hatten 31 einen sogenannten „Borderline-Tumor“, normalerweise wären 9 Fälle dieser speziellen Erkrankungen zu erwarten gewesen. Dieser verhält sich nicht wie eine klassische Krebserkrankung, sondern wächst langsam und kann daher frühzeitig erkannt und behandelt werden, wenngleich oft ausgedehnte Operationen notwendig sind bis hin zur Entfernung eines oder beider Eierstöcke. Dass der Anteil dieser speziellen Tumorerkrankung bei Zustand nach IVF-Behandlung deutlich häufiger ist, könnte für einen möglichen kausalen Zusammenhang mit der Hormonbehandlung stehen.

Dieser Zusammenhang ist nicht neu. Bereits 2007 zieht Louise Brinton vom National Cancer Institute in Rockville in ihrer Übersichtsarbeit in der Zeitschrift „Reproductive Bio Medicine“ folgenden Schluss: Subsequent studies have been mainly reassuring, although some have suggested possible risk increases among nulligravid women, those with extensive follow-up, and for borderline tumors.. Das „subsequent“ bezieht sich auf die “Whittemore-Studie” von 1992, die erste größere Untersuchung zu diesem Thema. Die gleiche Autorin kommt ein Jahr später auf dem Kongress der ESHRE in Barcelona dann auch zu dem Schluss, dass die Studienlage nun „very reassuring“ sei und von einem erhöhten Krebsrisiko nicht mehr ausgegangen werden müsse.

Keine Steigerung durch die Dauer oder Dosis der Hormongaben
Zurück zur aktuellen Studie. Der kausale Zusammenhang zwischen IVF und Borderline-Tumoren wäre grundsätzlich über die bei der künstlichen Befruchtung notwendigen Hormongaben herstellbar. Die Studie zeigt jedoch, dass sowohl eine erhöhte Dosis der Hormone als auch mehrfache künstliche Befruchtungen das Erkrankungsrisiko nicht steigerten,“ meint Professor Michael Ludwig aus Hamburg und fügt daher in der WELT hinzu, dass es ist nicht klar sei, ob die Hormone das Risiko erhöhen oder ob Frauen mit Fruchtbarkeitsproblemen bereits ein gewisses Risiko „in sich tragen“.

Höheres Risiko in höherem Alter?
Die weiter oben erwähnte Studie des National Cancer Institute von 2007 zeigt eine höhere Quote an Krebserkrankungen, wenn der Nachbeobachtungszeitraum länger ist („those with extensive follow-up„. Auch die OMEGA-Studie zeigt einen solchen Trend, weshalb die Erstautorin die Studiengruppe um 8.800 Frauen erweitert hat, die in den Jahren 1995 bis 2000 behandelt wurden.

Schlussfolgerung
Die Autoren weisen bei der Auswertung ihrer Daten ausdrücklich darauf hin, dass größere Studien nötig seien und diese Ergebnisse zunächst bestätigt werden müssen. Insbesondere sehen sie selbst eine Schwäche der Studie in dem untersuchten Zeitraum bis 1995. Denn bestünde ein Zusammenhang zwischen den Hormongaben und dem Auftreten von Borderline-Tumoren, dann kann sie den Veränderungen dieser Therapien in den letzten Jahren nicht Rechnung tragen, vor allem nicht den Antagonistenprotokollen und dem Trend zur milden Stimulation der Eierstöcke.

Obwohl die Studie sehr sorgfälig erstellt wurde, kann auch den Autoren zufolge nicht sicher ausgeschlossen werden, dass die Ergebnisse nicht die Wirklichkeit widerspiegeln. Sollte sich das Krebsrisiko bestätigen, müsste Frauen nach einer IVF-Behandlung ein intensives Screening angeboten werden, resümiert das Deutsche Ärzteblatt.

Mit anderen Worten: So klar, wie Ergebnisse anderenorts teilweise dargestellt werden, sind sie auch aus Sicht der Autoren nicht. Und so zieht Richard Kennedy von der International Federation of Fertility Societies (IFFS) aus meiner Sicht den zunächst richtigen Schluss: „Die IFFS bleibt bei ihrem Standpunkt, dass die Langzeitrisiken gering sind.“ Sie rufe aber zur kontinuierlichen Beobachtung solcher Fälle auf.

Original der Veröffentlichung

[1]Van Leeuwen FE, Klip H, Mooij TM, van de Swaluw AMG, Lambalk CB, Kortman M, Laven JSE, Jansen CAM, Helmerhorst FM, Cohlen BJ, Willemsen WNP, Smeenk JMJ, Simons AHM, van der Veen F, Evers JLH, van Dop PA, Macklon NS, Burger CW
Risk of borderline and invasive ovarian tumours after ovarian stimulation for in vitro fertilization in a large Dutch cohort
Hum. Reprod. (2011) doi: 10.1093/humrep/der322


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Kommentar

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3 Kommentare
  1. Vanillepudding schreibt

    Schlimm ist, dass die Ultraschall-Untersuchungen zum Ausschluss von Eierstockkrebs nicht von den KK bezahlt werden.

    Da bleibt der Kinderwunsch-Patientin nichts übrig, als selbst in die Tasche zu greifen, wenn sie sicher sein will. 🙁

    Bleibt zu hoffen, dass sich dies noch ändert

  2. Elmar Breitbach schreibt

    @ Vanillepudding: Sie haben recht, wenn es darum geht, diese Borderline-Tumoren rechtzeitig zu erkennen.

    Leider ist es so, dass die „echten“ Ovarial-Karzinomen im Ultraschall meist erst dann erkannt werden, wenn es schon zu spät ist und es stellt sich daher in der Tat die Frage, ob der Ultraschall als Screening-Methode geeignet ist.

    Ergänzung wegen Nachfrage per Email:
    Screening-Methoden sind nur dann sinnvoll, wenn sie möglichst alle pathologischen Befunde finden und nur wenige falsch positive Befunde aufweisen. Wie z. B. bei der Krebsvorsorge des Gebärmutterhalses. Der vaginale Ultraschall bietet dies Im Hinblick auf Eierstockskrebs nicht. Man kann sicherlich mit einigem Glück den einen oder anderen Befund frühzeitig genug erkennen, die meisten bleiben jedoch unerkannt. Und daher ist es aus Sicht der Krankenkassen nicht sinnvoll (es rechnet sich nicht, so brutal das auch klingen mag, diese unzulängliche Screeningmethode zu bezahlen. So sollte man es als Frauenarzt auch kommunizieren, wenn man es als Zusatzleistung anbietet. Es bedeutet nicht, dass ich mir diese Leistung als Patient dann nicht kaufen sollte, aber von „Sicherheit“ kann keine Rede sein nach einer solchen Ultraschalluntersuchung.

  3. […] (Ende 2011) erschien eine Studie, deren Autoren den Verdacht äußerten, bestimmte Tumore des Eierstocks (Borderlinetumore) träten […]