IVF: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit für ein Kind?

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Bei der Betrachtung der Erfolgsraten der künstlichen Befruchtung wird meist die Schwangerschaftsrate pro Zyklus berechnet und als Vergleichsparameter herangezogen. Das ist natürlich eine wichtige Variable, aber letztlich stellt sich für das Paar doch die Frage, wie hoch die Wahrscheinlichkeit insgesamt ist, durch die Behandlung (auch über mehrere Zyklen) zu einem Kind zu kommen.

Dies nennt man kumulative Schwangerschaftsrate und wie man das genau berechnet und was es eigentlich ist, wird in diesem Artikel ausführlich erläutert. Wie hoch ist also die kumulative Schwangerschaftsrate?

Wissenschaftler aus Boston haben zur Beantwortung dieser Frage den Behandlungsverlauf aller Paare nachverfolgt, die sich im Zeitraum zwischen 2000 und 2005 ihrem ersten IVF-Behandlungszyklus unterzogen. Die Beobachtung der Behandlungsschicksale wurde bis zum Ende jeglicher Behandlung oder zur Geburt eines Kindes durchgeführt. Die Studie wurde im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Das Problem bei solchen Langzeitstudien ist jedoch, dass man nicht weiß, was aus den Paaren geworden ist, welche die Behandlung beendet haben und keinen weiteren IVF-Zyklus durchführen ließen. Die Autoren der Studien behalfen sich durch ein Rechenmodell, welches ein optimistisches Szenario und ein pessimistisches enthielt. Die optimistische Version: Paare, welche die Behandlung beendeten, haben die gleichen Chancen auf ein Kind wie jene, welche die Behandlung fortsetzten (eine wirklich sehr optimistische Annahme). Die pessimistische Version: Niemand aus dieser Gruppe wurde nach dem Ende der Behandlung schwanger.

6164 Patienten unterzogen sich 14.248 Behandlungszyklen Gemäß der positiven Einschätzung wurden nach 6 Zyklen (die selten durchgeführt wurden) 72% der Paare Eltern eines Kindes und gut die Hälfte (51%), wenn man die pessimistische Rechnung zugrunde legte.


Bei Frauen unter 35 Jahren waren diese Zahlen erwartungsgemäß deutlich höher als dieser Durchschnitt und erreichten 86% bzw. 65%. Bei Frauen über 40 lagen diese Erfolgsraten bei 42 und 23% je nach Berechnungsgrundlage und 6 Zyklen.

Wenn man es optimistisch angeht, dann kann man Frauen unter 35 Jahren fast schon versprechen, dass sie schwanger werden, vorausgesetzt, sie halten die Behandlung lange genug durch. Und der Optimismus kennt keine Grenzen. Australische Reproduktionsmediziner versteigen sich angesichts der Ergebnisse dieser Studie sogar zu der Aussage, dass die Erfolgsraten (nochmal: Erfolg=Kind) durchaus 95% insgesamt erreichen können. „Für die große Mehrheit der Paare gilt, dass sie ein Kind bekommen werden, wenn sie die Behandlung nur lange genug durchführen lassen“ schließt australische Professor Peter Illingworth aus den Ergebnissen der Studie seiner amerikanischen Kollegen.

Diese Studie wird in australoangloamerikanischen Raum gegenwärtig ziemlich „gehyped“. Ich persönlich finde die Schlussfolgerungen der kommentierenden Kollegen, die sich ja ausschließlich auf das optimistische Rechenmodell beziehen, sehr gewagt und die Aussagekraft der Studie auch in Anbetracht der großen Fallzahl lediglich interessant und völlig ungeeignet für einen überschäumenden Optimismus, der letztlich ja auch die Mitteilung an die Paare vermittelt, dass sie nur durchhalten (und zahlen) müssen, um Eltern zu werden. Damit wird man der Studie nicht gerecht.

Und dass die kumulative Schwangerschaftsrate durchschnittlich bei ca. zwei Dritteln liegt, ist auch keine wirkliche Überraschung. Das sind Zahlen, die man bereits kennt, wobei die Fleißarbeit der Studienautoren diese jetzt auf eine solidere Basis stellt.

Es ist übrigens nicht die erste Studie dieser Art. Im letzten Jahr hatte ein türkische Arbeitsgruppe ebenfalls eine Studie zur kumulativen Schwangerschaftsrate verfasst:

Eine türkische Gruppe von Wissenschaftlern hat sich die Mühe gemacht, ein statistisches Modell anhand von 5310 Behandlungen bei 1928 Patienten zu erarbeiten und fand heraus, dass die kumulative Rate von Lebendgeburten bei der IVF 85,4% beträgt und bei der ICSI 92,7%. Diese Raten werden nach 14 Zyklen erreicht.



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Kommentar

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6 Kommentare

  1. Rebella schreibt

    Sehr schön, diese Studie. Wurden eigentlich auch die Erfolgsergebnisse jeweils für den 1., 2., 3. … usw. Versuch aufgesplittet? Das halte ich für eine sehr interessante Größe auch als Entscheidungsgrundlage für ein Paar, wann es aufhören will. Ich kenne solche Zahlen lediglich von einer Klinik in Brüssel.

  2. Elmar Breitbach schreibt

    @Rebella: Ja, es war eine sogenannte „Überlebenskurve“, die also nach 1-6 Behandlungen jeweils zeigt, wieviele diese ohne Kind „überlebt haben“. Der Begriff stammt aus der Onkologie, wo diese statistischen Aufbereitungen von Daten sehr häufig durchgeführt werden

  3. Rebella schreibt

    Gibt es einen Link zu dieser Kurve?

  4. atonne schreibt

    Auch wenn es vielleicht statistisch auf wackeligen Füßen steht, aber da ich doch eine Reihe Paare von der „wir geben nicht auf“-Front kenne, glaube ich eigentlich auch daran, dass man es irgendwann schaffen kann. Als selbst Langzeitversuchlerin sind die positiven Beispiele, dass es auch nach x Versuchen doch noch zu einer SS kommen kann, auch mit ein Grund, es selbst weiter zu versuchen. Andererseits kann ich gut verstehen, dass es genug Gründe für das Aufhören gibt, seien es physische, psychische oder finanzielle.
    Allerdings pauschal zum Weitermachen raten, ist genauso unseriös, wie pauschal zum aufhören zu raten. Denn eigentlich sollte Ärzte das Paar unterstützen, egal welchen der möglichen Wege es einschlagen möchte.

  5. Elmar Breitbach schreibt

    @Rebella: Leider keinen lesbaren.
    @ Atonne: Eine pauschale Ablehnung von meinetwegen mehr als 4 oder 5 Therapien sehe ich auch nicht als angemessen an. Jedoch muss man schon die individuelle Gesamtsitation berücksichtigen und gelegentlich ist es auch die Aufgabe des Arztes, den eingeschlagenen Kurs zu hinterfragen

  6. Rebella schreibt

    Schade, dass es einen solchen Link nicht gibt. Aber danke trotzdem für die Antwort, Doc Breitbach.

    Vielleicht können Sie ja die paar Zahlen aus der Ihnen vorliegenden Information heraus ziehen und hier bekannt geben?