ICSI statt IVF: Gibt es Vorteile, wenn die Spermien in Ordnung sind?

Oft wird auch bei einem normalen Spermiogramm eine ICSI durchgeführt. Wie sinnvoll ist das?


Mit der ICSI kann man auch bei sehr schlechten Spermien Schwangerschaften herbeiführen. Bei normalem Spermiogramm wird jedoch auch oft eine ICSI statt IVF durchgeführt. Hat das Vorteile?

Die „normale“ künstliche Befruchtung (IVF) wird inzwischen vergleichsweise deutlich seltener durchgeführt wird als die ICSI. Aus den Zahlen des deutschen IVF-Registers lässt sich dies gut erkennen. Das ist nicht nur in Deutschland der Fall. Andere Länder weisen ähnliche Zahlen auf. Insbesondere, wenn wenig Eizellen vorhanden sind, stellt sich oft die Frage, ob man auch bei einer normalen Spermienqualität lieber vorsichtshalber eine ICSI statt einer konventionellen künstlichen Befruchtung durchführen sollte, um die Chancen zu verbessern.

Kein Unterschied bei ausreichender Zahl an Eizellen

Schon vor geraumer Zeit berichteten wir über Studien zum Thema ICSI statt IVF bei normalem Spermiogramm1)Kim HH, Bundorf MK, Behr B, McCallum SW
Use and outcomes of intracytoplasmic sperm injection for non-male factor infertility.
Fertil Steril. 2007 Apr 17;

Das Stanford Reproductive Endocrinology and Infertility Center hatte damals zur Klärung dieser Fragestellung seine Behandlungszyklen von 2002 bis 2003 bei Paaren untersucht, bei denen der Mann unauffällige Spermienparameter aufwies. 696 Behandlungszyklen fanden Eingang in die Studie und die Patientenparameter unterschieden sich in beiden Gruppen (IVF oder ICSI) nicht wesentlich voneinander.

Zwischen den beiden Gruppen (IVF oder ICSI bei normalen Spermien) bei gab es keinen Unterschied in den Erfolgsraten: Die Schwangerschafts- und Geburtenraten unterschieden sich nicht, ebenso wenig wie die Therapieausfälle wegen einer ausbleibenden Befruchtung. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass bei einer normalen männlichen Fruchtbarkeit die ICSI keinen Vorteil gegenüber der konventionellen IVF hat.

Auch keine signifikanten Unterschiede bei weniger Eizellen

Die Ergebnisse ein Studie aus Taiwan2)Ou YC, Lan KC, Huang FJ, Kung FT, Lan TH, Chang SY
Comparison of in vitro fertilization versus intracytoplasmic sperm injection in extremely low oocyte retrieval cycles.
Fertil Steril. 2008 Dec 22
zeigte auch keine Vorteile der ICSI, wenn nur wenige Eizellen (1-3) vorhanden waren. Die Schwangerschaftsrate pro Transfer betrug nach ICSI zwar 38,5% gegenüber nur 21,6% bei der IVF. Und auch die Zahl der Lebendgeburten war mit 30,8% deutlich höher als bei der IVF (13,7%). Dieser Unterschied war allerdings nicht statistisch signifikant.

Aktuelle Studie bestätigt diese Ergebnisse

Diese und ähnliche Studienergebnisse hatten jedoch über die Jahre offenbar wenig Einfluss auf die Entscheidung, ob eine IVF statt einer ICSI durchgeführt werden sollte.  Nachteil der älteren Studien waren sicherlich die niedrigen Zahlen an beobachteten Behandlungen. Eine aktuelle Studie3)Drakopoulos, P., Garcia-Velasco, J., Bosch, E., Blockeel, C., de Vos, M., Santos-Ribeiro, S., … & Polyzos, N. P. (2019). ICSI does not offer any benefit over conventional IVF across different ovarian response categories in non-male factor infertility: a European multicenter analysis. Journal of assisted reproduction and genetics, 1-10. untersuchte die Ergebnisse von 4227 ICSI- und 664 IVF-Zyklen bei normaler Fruchtbarkeit des Mannes. Und dies auch unter Berücksichtigung der Zahl gewonnener Eizellen.

15 Kinderwunschkliniken aus Belgien und Spanien nahmen an der Studie teil. Es wurden die jeweils ersten IVF- oder ICSI-Zyklen von Paaren untersucht, bei denen der Partner einen normale Spermienqualität aufwies. Außerdem erfolgte eine Unterteilung der Ergebnisse in Abhängigkeit von der Zahl gewonnener Eizellen. Poor oder low responder (1-3 Eizellen), suboptimales Ansprechen (4-9 Eizellen), normales Ansprechen auf die Stimulation (10-15 Eizellen) und high responder (> 15 Eizellen).

ICSI statt IVF: Auch bei wenigen Eizellen nicht sinnvoll

Die Erfolgsraten (Schwangerschaften und Lebendgeburten) unterschieden sich in keiner der genannten Gruppen, wenn die Spermienqualität normal war.

Bei uneingeschränkter männlicher Fruchtbarkeit hat es keinen Vorteil, eine ICSI statt einer IVF durchzuführen. Das gilt auch völlig unabhängig von der Zahl der gewonnen Eizellen. Also auch bei weniger als 5 Eizellen gibt es keinen Grund, eine ICSI durchzuführen, wenn die Spermienqualität normal ist.

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Literatur   [ + ]

1. Kim HH, Bundorf MK, Behr B, McCallum SW
Use and outcomes of intracytoplasmic sperm injection for non-male factor infertility.
Fertil Steril. 2007 Apr 17;
2. Ou YC, Lan KC, Huang FJ, Kung FT, Lan TH, Chang SY
Comparison of in vitro fertilization versus intracytoplasmic sperm injection in extremely low oocyte retrieval cycles.
Fertil Steril. 2008 Dec 22
3. Drakopoulos, P., Garcia-Velasco, J., Bosch, E., Blockeel, C., de Vos, M., Santos-Ribeiro, S., … & Polyzos, N. P. (2019). ICSI does not offer any benefit over conventional IVF across different ovarian response categories in non-male factor infertility: a European multicenter analysis. Journal of assisted reproduction and genetics, 1-10.
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