Die FAZ und die Wissenschaft. Mehr Totgeburten nach IVF?

22

Aktuell wird in der Laienpresse eine dänische Studie diskutiert. Allen voran die FAZ mit dem schönen Artikel „Ramponiert in der Retorte?„, jedoch kommt sie anhand der Studie zu Schlüssen, die selbst von den Autoren der Original-Studie nicht gezogen werden.

Es geht in der Studie um die erhöhte Anzahl von Totgeburten (Ja, mit „ramponiert“ meint die Autorin tot geboren!), die nach künstlicher Befruchtung auftreten. Die Zahl sei 4x höher als bei Paaren, die keine IVF oder ICSI in Anspruch nehmen mussten. Die Aussage basiert auf einer Untersuchung von 20.000 Paaren, einer Zahl also, bei der man davon ausgehen sollte, statistisch signifikante Aussagen zu erhalten.

Bisher wurde die erhöhte Rate an Schwangerschaftskomplikationen vor allem der Tatsache zugeschrieben, dass die verminderte Fruchtbarkeit der Paare häufiger mit möglicherweise unbekannten Faktoren zu erklären ist, die dann auch zu einer erhöhten Anzahl an Fehlbildungen oder anderen Schwangerschaftsproblemen führen.

Dem Artikel der FAZ zufolge kann man diese Erklärung nach der Lektüre der aktuellen Studie ausschließen. Stimmt das? Dem geneigten Leser sei erst einmal angeraten, einfach mal die Original-Studie zu lesen, das ist immer noch die beste Methode, um sich ein eigenes Urteil zu bilden.

  • Es handelt sich in der Tat um 20.000 Geburten, die erfasst wurden. Die beiden Gruppen, um die es geht (Paare nach IVF und ICSI und Paare nach anderen Kinderwunschbehandlungen) waren jedoch kleiner: „879 (4%) conceived after
    non-IVF ART and 742 (4%) conceived after IVF/ICSI.
    “ Das macht die Zahlen schon mal weniger beeindruckend
  • Der Anteil der über 35 Jährigen lag in der Gruppe der Paare mit künstlicher Befruchtung bei 32%, in der „Kontrollgruppe“ bei 20%. Um zu ihren Schlussfolgerungen zu kommen, wurden die beiden Gruppen „alterskorrigiert“, also der deutlich unterschiedliche Faktor „Alter“ herausgerechnet. Auch hinsichtlich anderer Faktoren (Gewicht, Zahl der Geburten in der Vorgeschichte etc.) waren die Gruppen sehr unterschiedlich. Prospektive und kontrollierte Studien haben da naturgemäß besser aufeinander abgestimmte Kontrollgruppen und benötigen geringere statistische Klimmzüge als eine solche empirische Studie.
  • Die Aussage, dass die erhöhte Anzahl an Totgeburten eindeutig auf die IVF zurückzuführen ist (FAZ), wurde in dieser Einfachheit im Original-Artikel nicht gemacht: „However, we found that couples with a waiting time to pregnancy of 1 year or more and women who conceived after non-IVF ART had a risk of stillbirth similar to that of fertile couples and statistically significantly lower than women pregnant after IVF/ICSI, which may indicate that the increased risk of stillbirth is not explained by infertility.„. Könnte darauf hinweisen…
  • Die Daten sind nicht aus einem Geburtsregister, welches alle Geburten beinhaltet, sondern Ergebnis einer Befragung, an der 75% der schwangeren Frauen teilnahmen. Keine schlechte Rückläuferquote, aber eine nicht unerhebliche Quelle für Bias.
  • Während des Studienzeitraums wurde die Definition von Totgeburten geändert, man hantiert also in dieser Studie mit zwei verschiedenen Definitionen für dieses traurige Ereigenis.
  • Im FAZ-Artikel steht Folgendes: Die Studie räumt mit vielen Unklarheiten auf. Die Gesundheitsrisiken, die in der Vergangenheit im Zusammenhang mit einer künstlichen Befruchtung festgestellt wurden, hat man bislang vor allem den vielen Mehrlingsschwangerschaften angelastet. Inzwischen ist jedoch offensichtlich, dass auch einzelne Kinder nach künstlicher Befruchtung häufiger zu früh, untergewichtig, unreif und mit mehr Missbildungen behaftet zur Welt kommen. Gleiches gilt, wie nun die neue Studie belegt, für die Wahrscheinlichkeit, eine Fehlgeburt zu erleiden, weil hier nur Einzelschwangerschaften miteinander verglichen werden. Und kommt langatmig zu dem Schluss, dass daher Laborbedingungen die Ursache für die Totgeburten sein müssen.

    Gehen wir mal davon aus, dass ein erhöhtes Risiko für Totgeburten wirklich besteht. Im FAZ-Artikel wird nicht erwähnt, dass die Autoren der Studie darauf hinweisen, dass Einlingsschwangerschaften, die in den frühen Schwangerschaftswochen noch als Zwillingsschwangerschaften angelegt sind (vanishing Twin) als Ursache für Frühgeburtlichkeit und andere Schwangerschaftskomplikationen angesehen werden, wie es auch in bereits publizierten Studien nachgewiesen werden konnte.


    Kein Wort davon, da es viel spannender ist, dem Labormilieu in der „Retorte“ die Schuld an den „ramponierten Kindern“ zu geben, auch wenn die Autoren es einfacher erklären können. Vor allem ist dieser Grund vermeidbar, auch in Deutschland, wie ich bereits früher dargelegt habe.

Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich denke, dass empirische Studien durchaus ihre Berechtigung haben und Komplikationen nach IVF- und ICSI-Behandlungen höchste Aufmerksamkeit verdienen. Aber aus diesen Daten dann die reine Wahrheit destillieren zu wollen ist zu ambitioniert und man muss den Autoren der Studie zugute halten, dass sie das auch nicht tun. Frau Martina Lenzen-Schulte von der FAZ tut es jedoch. Und nicht zum ersten Mal:

Im Jahre 2007 veröffentlichte sie den Artikel „Die Krebsfalle“ (sie mag knackige Überschriften), auf dessen Inhalt ich damals ausführlich einging. „Die Krebsfalle“ war nicht nur hinsichtlich der Überschrift problematisch, sondern ließ auch den Verdacht aufkommen, auschließlich zum Zwecke der Panikmache geschrieben worden zu sein. Eine Ansicht, die nicht nur ich alleine hatte, wie eine Stellungnahme von Prof. Tinneberg erkennen lässt. Auch er wies darauf hin (weniger ausführlich als ich), dass wesentliche Studienergebnisse von Frau Lenzen-Schulte ignoriert wurden oder ihr nicht bekannt waren. So wie jetzt wieder.

Update: Rebella verweist in ihren Kommentaren auf die Zahlen des Deutschen IVF-Registers und vergleicht sie mit den Zahlen aus der Geburtsstatistik Deutschlands. Das ist zwar auch nur empirisch, aber Daten sind wesentlich umfangreicher.

Danach hatten wir deutschlandweit in 2001 eine Totgeburtenrate bei Einlingsschwangerschaften von 0,39%, 2000 waren es 0,40%. Also leicht unter den IVF/ICSI Einlingen von 2008.

Allerdings lag die Totgeburtenrate bei den IVF/ICSI/Kryokindern 2000 bei 0,29% imd 2001 bei 0,4%. Über ale im DIR festgehaltenen Jahre 1997 – 2008 hatten wir bei einer Fallzahl von 83.319 Kindern zusammen 295 Totgeburten, also 0,354%.

Das hätte man bei guter Recherche in den Artikel unbedingt einbringen müssen. Das gilt für Frau Lenzen-Schulte ebenso wie für mich.


FAZ-Artikel
Original-Artikel [PDF]



Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

22 Kommentare

  1. Dartenne schreibt

    Liest man die Originalstudie, so wird aber auch dort immer wieder suggeriert, dass es ein vierfach höheres Risiko gäbe, allein in der Zusammenfassung auf der ersten Seite wird dies betont.
    Gut deshalb, dass es Artikel wie den Ihrigen gibt.
    Da viele IVF/ICSI auch bei unerklärlicher Unfruchtbarkeit durchgeführt werden, ist es m.E. aber eh unredlich, die Rate der Totgeburten in ein kausales Verhältnis zur Methode der Befruchtung zu stellen.
    Als Moderatorin der Asherman-Selbsthilfegruppe weiß ich, dass den Patientinnen häufig eine IVF/ICSI angeboten wird, statt eine Hysteroskopie zur Klärung der ausbleibenden Mens zu veranlassen. Frauen, die dann schwanger werden, habe ein erhöhtes Risiko für Früh-, Fehl- und Totgeburten (erst recht nach der neuen dän. Definition!). Dieses Risiko ist aber durch die noch vorhandenen Verwachsungen erhöht, nicht durch eine IVF oder ICSI !

  2. reaba schreibt

    fr. lenzen ist halt eine ärztin/journalistin mit gespür für den „verunsicherungsmarkt“.
    siehe auch ihr buch über impfungen von kindern.

  3. remis schreibt

    „Zwei mal drei macht vier
    Widdewiddewitt und Drei macht Neune!
    Ich mach‘ mir die Welt
    Widdewidde wie sie mir gefällt“

    Jaja, das Pipi-Langstrumpf-Prinzip…
    Für Kinder ja ganz toll, aber für erwachsene Menschen dumm und primitiv

  4. Hara schreibt

    Für mich sind auch noch 2 Fragen offen:

    Die Autoren meinen, dass diejenigen, welche 1 Jahr oder mehr auf eine Schwangerschaft warteten,ein ähnlich hohes Fehlgeburtsrisiko hatten, wie diejenigen mit Spontangeburten. Sie schlussfolgern daraus, dass Unfruchtbarkeit vermutlich keine Erklärung ist. Ich hab mich aber gefragt, ob die „Unfruchtbarkeit“ der Frau, welche vielleicht nach 1,5 Jahren natürlich schwanger wird, mit der Unfruchtbarkeit einer Frau/eines Paares zu vergleichen ist, wo nach XY Jahr/en eine IVF / ICSI durchgeführt werden muss. Hm?

    Die Autoren weisen auch noch darauf hin, dass beide Gruppen die Fehlgeburten im Durchschnitt zu unterschiedlichen Zeiten hatten.
    Da könnte man vielleicht auch noch mal genauer nachsehen. Aber bei den hohen Fallzahlen ist das natürlich schwierig.

  5. tintenklecks schreibt

    Allein der Ausdruck „ramponierte Kinder“ ist schauderhaft. Und mal ganz ehrlich: Klar wissen wir unfruchtbareren Paare i.d. R.von dem vermeintlich höheren Risiko. Aber auch das ändert nichts daran, dass es ohne IVF oder ICSI für viele nie ein Kind gäbe. Wenn ich persönlich bereit bin, dieses Risiko zu tragen, ist das so. Ich finde den Hinweis, dass sich ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko bereits auch ohne Behandlung bei längerer Wartezeit im Sinne eines Grundriskos ergibt, gerade als entlastendes Argument für die Behandlungen ungemein wichtig, zumal das schon mehrfach repliziert werden konnte.

  6. chesire schreibt

    Zusammenhänge zu sehen wo vielleicht keine sind und vereinfachende Korrelationen von unabhängigen Ereignissen zu erstellen ist etwas ziemlich Menschliches.

    Meist ist diese Art Denken aber von Unverständnis für die tatsächlichen Zusammenhänge begleitet. Frau Martina Lenzen-Schulte scheint aber Aerztin zu sein. Hmm.

  7. Rebella schreibt

    Die Zahl der Totgeburten lässt sich doch mit viel größerer Fallzahl aus dem DIR Seite 26 ablesen. Danach gab es 2007 (einschließlich der Kinder nach Kryotransfer) 34 tot geborene Einlinge von 8.004 (= 0,42%), 29 tot geborene Zwillingskinder von 3.948 (= 0,98%) und 7 tot geborene Drillingskinder von 174 (= 4,02%)

    Eine Totgeburtenstatistik für Deutschland konnte ich zum Vergleich leider nicht finden. Hier: http://www.statistik.rlp.de/verlag/monatshefte/2006/12-2006-773.pdf steht, dass der Anteil der Totgeburten in Rheinland-Pfalz in den letzten 15 Jahren unter 0,5% lag. (S. 775f.) Im Schnitt über alle Altersgruppen lag er bei etwa 4%. Nur bei den über 40-jährigen lag er bei über 0,5% (eine kleine Altersstatistik ist dort zu sehen.)

    Auch hier wird von einer Totgeburtenrate von 0,4 – 0,5% in Deutschland berichtet.

    Wenn die Definition des Wortes Totgeburt bei allen Statistiken gleich verstanden wurde, liegen doch zumindest unsere Einlingskinder voll im Trend der gesamtdeutschen Statistik. Und das bei einer wesentlich höheren Fallzahl als in der o.g. Studie.

    In den Jahren 1997 – 2006 lag nach DIR der Anteil bei den Einlingskindern sogar häufig bei unter 0,4%!

  8. Rebella schreibt

    Und nun sehe ich noch, die beiden dort angegebenen Links snd zum Thema Totgeburten äußerst informativ. Der zweite Link beinhaltet (auf Seite 22) sogar eine Totgeburtenstatistik, obwohl anderswo behauptet wird, die gäbe es nicht.

    Danach hatten wir deutschlandweit in 2001 eine Totgeburtenrate von 0,39%, 2000 waren es 0,40%. Also leicht unter den IVF/ICSI Einlingen von 2008.

    Allerdings lag die Totgeburtenrate bei den IVF/ICSI/Kryokindern 2000 bei 0,29% imd 2001 bei 0,4%. Über ale im DIR festgehaltenen Jahre 1997 – 2008 hatten wir bei einer Fallzahl von 83.319 Kindern zusammen 295 Totgeburten, also 0,354%.

  9. Rebella schreibt

    Ich hatte vergessen, hinzuzufügen, bei Einlingskindern.

  10. Elmar Breitbach schreibt

    Super! Danke für diese Zahlen, die wären es wert gewesen, im Original-Artikel zu erscheinen. Zumindest im Artikel der FAZ 😉

  11. steffi schreibt

    Traurig und peinlich zugleich. Es soll ja Extremistinnen geben (v.a. unter sogenannten emanzipierten Frauen, die jegliche Unfruchtbarkeitsbehandlung aufs letzte verachten, vielleicht ist unsere Autorin ja ein solches Exemplar)
    Ich muss aber sagen, dass mich nichtmal die Originalstudie interessiert. Was soll das? Man macht IVF ja wohl nicht zum Vergnuegen sondern nur weils nicht anders geht. Selbst dann wenn diese Risiken bestuenden, ist eine hohe Chance auf eine Lebendgeburt besser als keine SS…

  12. steffi schreibt

    Noch ein Gedanke zur Originalstudie : wieso fliesst mal wieder die Information des Mannes nicht richtig in die Studie ein oder habe ich das uebersehen? Falls es wirklich einen Unterschied zwischen ICSI und natuerlicher Empfaengnis gaebe, wieso fragt dann kein Mensch ob die mangelnde natuerliche Auswahl eines „ramponierten Spermiums“ daran Schuld tragen kann? Fuer mich als Laie waere das naheliegend.

  13. Rebella schreibt

    Hallo Doc Breitbach,

    ich freue mich, dass Sie mein Zitat übernommen haben. Nur bitte ich Sie um die Hinzufügung, dass sich meine Berechnungen aus dem 2. Absatz nur auf die Einlingskinder beziehen. Das hatte ich hier ja gestern Abend auch noch nachgeschoben.

    Ich kann das gern heute abend noch auf Zwillings- und Drillingskinder erweitern. Allerdings finde ich das Argument, die IVF wäre wegen der hohen Mehrlingsrate zu kritisieren, angesichts des ESchG und der Behinderung des Single Embryo Transfers nicht besonders greifend.

  14. Elmar Breitbach schreibt

    Die Ausweitung der Berechnungen auf Mehrlinge ist im Hinblick auf die aktuelle Studie nicht notwendig, da ja auch hier ausschließlich Einlingsschwangerschaften zur Auswertung kamen

  15. Rebella schreibt

    Ich hab´s jetzt doch noch getan und eine Totgeburtenrate incl. Mehrlingskinder (Zwillinge+Drillinge) und aller Jahre 1997 – 2008 von 0,7% ermittelt.

    Den FAZ Artikel habe ich jetzt auch gelesen und dort gesehen, dass der sich mehr auf Fehlgeburten bezieht. Steht denn im Original Artikel was darüber drin, wie hoch die Fehlgeburtenrate bei welcher Gruppe war und ab welchem Zeitpunkt die Fehlgeburten zählten?

  16. tellima schreibt

    Frau L-S hat auch noch anderen Mist geschrieben und ist obendrein irrsinnig uneinsichtig: Ich bin selbst Medizinerin und Fachjournalistin und habe mich anlässlich eines vor Fehlern nur so wimmelnden Beitrags in der Süddeutschen gemeinsam mit einem wissenschaftlichen Fachverband bei ihr und der Süddeutschen beschwert. Selten sind wir dabei auf so viel Ignoranz gestoßen. Und es gilt leider auch immer noch: Wer bei Blättern wie FAZ oder SZ schreiben darf, gilt per se als Edelfeder und wird von FAZ und SZ weitergebucht. Welche Qualität da geliefert wird, interessiert ofenbar weder die Autorin noch das Blatt.

  17. Elmar Breitbach schreibt

    @ tellima: interessante Informationen. Ich denke, dass viel auch dadurch motiviert ist, sich als Fackelträgerin i. S. der Patienten darzustellen, die insbesondere von der Reproduktionsmedizin schlecht oder gar nicht informiert werden. Womit sie ja grundsätzlich recht hat, jedoch darf kritische Berichterstattung nicht zur Mythenspinnerei verkommen. Oder gar in bewusster Irreführung enden.

  18. Krebs-Risiko bei IVF-Kindern um 42% erhöht

    […] mit einer erhöhten Anzahl an totgeborenen Kindern nach IVF und ICSI Panikmache zu betreiben. Dass die Datenbasis für die Schlussfolgerung der Autorin zu dünn war und methodische Probl…, wurde im Artikel der FAZ geflissentlich […]

  19. Gast schreibt

    Besonders schön, die gehäufte Verwendung des mitfühlenden Begriffs „behaftet“. Mal ganz abgesehen von „Retortenkinder“.

  20. Ostergast schreibt

    die journalistin liefert häufig krude texte, die wischiwaschi und nicht fundiert sind.