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Kurze Antwort vorweg: nein, dann könnte man es gleich bleiben lassen.
Erfolgsrate 10%
Immer wieder stößt man bei der Lektüre von Artikeln, die sich mit der künstlichen Befruchtung beschäftigen, auf die Aussage, dass die “Erfolgsrate” bei 15% oder in weltanschaulich tendenziöser Verblendung werden auch gerne einmal 10% genannt.
Wie kommt es zu diesen Zahlen?
Die 10% sind vermutlich eine bewusste Korrektur nach unten, um die eigene Meinung zur künstlichen Befruchtung zu untermauern. Aber auch seriöse Quellen nennen immer wieder 15% oder 16%.
Bezugspunkt: Lebengeburten
Diese Aussage bezieht sich zunächst einmal ausschließlich auf die Lebengeburten. Was ja auch in Ordnung ist, denn einfach nur schwanger zu werden, ist für die Patientin kein vollständiger Erfolg, das Ziel ist eine lebendiges und gesundes Kind. In Texten, die sich kritisch mit der IVF auseinandersetzen, unterbleibt dieser Hinweis jedoch oft und der uninformierte Leser muss aus der Aussage schließen, dass nur 15% der Frauen überhaupt schwanger werden (=Schwangerschaftsrate).
Bezugspunkt: Zahl der Behandlungen
Eine “Erfolgsrate von 15%” impliziert darüber hinaus, dass insgesamt, also unabhängig von der Zahl der Behandlungszyklen, nur 15% der Frauen ein Kind bekommen. Diese Aussagen beziehen sich aber immer auf den Erfolg pro IVF-Behandlung, die sogenannte kumulative Schwangerschaftsrate liegt entsprechend deutlich höher (wobei man hier die Prozentzahlen nicht einfach addieren darf, wie in diesem Artikel bereits erklärt wurde).
Bezugspunkt: Deutsches IVF-Register
Ok, wo kommen die Zahlen aber her? Aus der zentralen Statistik, bei der meisten deutschen IVF-Zentren ihre Behandlungsergebnisse melden. Die aktuelle aus dem Jahre 2006 finden Sie hier [PDF]. Sehen Sie sich diese Statistik einmal an. Und gehen Sie auf Seite 9. Dort finden Sie eine ziemlich komplizierte Graphik, auf die ich mich im weiteren beziehen werde.
Gehen Sie mal ganz links langsam nach unten (”Stimulation zur Eizellentnahme” -> … -> Eizellbehandlung). Bei “Eizellbehandlung” teilt sich der Baum auf in IVF, ICSI und IVF/ICSI. Wir nehmen jetzt mal den mittleren der drei, als den ICSI-Zweig.
Was sehen wir dort? Pro ICSI-Behandlung erfolgt in 93% der Fälle ein Transfer und dieser führt in 27,75% der Fälle zu einer nachweisbaren (klinischen) Schwangerschaft. Also 26,03% pro begonnenem Behandlungszyklus. Gehen wir weiter runter, dann sehen wir ein kleines Kästchen zu den Verläufen der Schwangerschaften. Dort steht für Geburt: 43,3%. Daraus folgt, dass 11,3% der begonnen ICSI-Zyklen zu einer Schwangerschaft führten. Das ist nun wirklich nicht viel. Stimmt das aber so?
Fehlendes Follow-Up
Was bei dieser Statistik auch Beachtung verdient und eine stete Fehlerquelle ist, findet sich direkt darunter: “Noch nicht erfasst”: 36,26%”. Man muss schon sehr schnell und voreingenommen über die Statistiken fliegen, wenn man übersieht, dass die Zahlen aus dem Schwangerschaftsverlauf nicht 100% ergeben, sondern nur gut 63%, auf die man dann seine Berechnungen gründet.
Warum fehlen noch so viele Ergebnisse zu den Verläufen einer Schwangerschaft? Ziemlich simpel: Eine Schwangerschaft dauert 9 Monate, die Bereitschaft auf einen Brief vom IVF-Zentrum zu antworten ist unmittelbar nach der Entbindung auch nicht sehr groß, so dass am Stichtag der Statistikerfassung viel Kinder noch nicht geboren oder erfasst sind und deren Daten fehlen. Die Fehlgeburten oder Eileiterschwangerschaften finden sehr viel früher statt und finden daher sehr viel lückenloser Eingang in die Statistik.
Das bedeutet zwar nicht, dass bei allen 36,26% davon ausgegangen werden darf, dass einen Lebendgeburt stattfand, aber aus den genannten Gründen ist ein positiver Verlauf der Schwangerschaft sehr viel wahrscheinlicher. Berechnen wir das mal:
Bezogen auf alle begonnen ICSI-Behandlungen (26,03%). Unter der Annahme, dass alle in der Statistik fehlenden Schwangerschaftsverläufe zur Geburt führten, kommen wir auf eine Geburtenrate von 20,7%, also fast den doppelten Wert. Die Wahrheit dürfte dieser Zahl sehr viel näher sein, als die eingangs erwähnten 11%.
Pro begonnem Zyklus oder pro Transfer?
Viele Zyklen werden auch aus den unterschiedlichsten Gründe abgebrochen, meist wegen einer ausbleibenden Befruchtung. Vielfach wird in Statistiken darauf Bezug genommen, übrigens auch im Ausland. Dann liegt die Zahl bei 22,1%. Es gibt auch Spezialisten, die die Erfolgsraten pro Punktion berechnen und da dann auch die Kryozyklen einberechnen und damit auf sehr hohe Zahlen kommen. Ohne Namen nennen zu wollen: In Deutschland kenne ich niemanden, der das tut.
Das waren die ICSI-Ergebnisse als Beispiel. Hier die Gesamtergebnisse für alle Behandlungen 2006 in Deutschland:
Die Schwangerschaftsraten pro Punktion inklusive Kryotransfer würde ich auch gerne angeben, aber man kann bei der Statistik nicht sagen, in welchem Jahr die eingefrorenen Eizellen gewonnen wurden, was die Statistik verfälscht. Wenn man aber davon ausgeht, dass sich Einfrieren und Auftauen in jedem Jahr ungefähr die Waage hält (eine sehr mutige Behauptung, wie ich zugeben muss), dann kommt man auf 32,89% Schwangerschaften pro Punktion.
Zusammenfassung
Es lohnt sich immer, Statistiken zu hinterfragen und hier vor allem fragwürdige Interpretationen auf den Grund zu gehen. Das Deutsche IVF-Register gibt einem diese Möglichkeit und wer an meinen Berechnungen zweifelt, kann diese gerne nachprüfen. Es wäre zwar peinlich, wenn ich mich verrechnet hätte, andererseits hätte ich ja erreicht, was ich beabsichtigte: Den Mut zu wecken, sich selbst ein Bild zu machen.
[...] Warum in manchen Berichten von einer Lebendgeburtenrate von 15% die Rede ist? Gute Frage, dazu habe ich gesondert etwas geschrieben [...]