IVF-Kulturmedien können die Gesundheit der Kinder beeinflussen

3

Auf jedem Joghurt-Becher kann man nachlesen, welche Inhaltsstoffe enthalten sind und in welcher Menge. Aber ausgerechnet die Flüssigkeit, in der manche menschlichen Embryonen ihre ersten Lebenstage verbringen, ist nicht entsprechend deklariert. Man weiß zwar, was enthalten ist, aber über das Mischungsverhältnis der einzelnen Komponenten wird keine Auskunft gegeben. Betriebsgeheimnis.

Zusammensetzung der Kulturmedien scheint von Bedeutung

Das wäre ja kein Problem, wenn es sich hier eher um Marketing handelte, also eher um eine Geschichte wie mit Pepsi und Coca-Cola. Geschmackssache halt. Das ist jedoch offenbar nicht der Fall, wie eine aktuelle Studie zeigt. Die verwendeten Nährlösungen haben einen bislang unzureichend berücksichtigten Einfluss auf die Entwicklung der Embryonen und Kinder in der späteren Schwangerschaft.

In einer Studie an sechs niederländischen Kinderwunsch-Zentren wurde der Ausgang von IVF-Behandlungen untersucht. Dabei wurden zwei IVF-Medien verwendet (G 5 von Vitrolife und IVF Basics® HTF von gynotec und den 836 behandelten Paaren per Zufall zugewiesen.

Kulturschale mit Embryonen
Die Kulturbedingungen beeinflussen mehr als die Schwangerschaftsrate

Signifikante Unterschiede der Embryonalentwicklung

Aus Sicht der betroffenen Paare steht natürlich erst einmal der Einfluss auf die Schwangerschaftsraten im Vordergrund. Hier zeigte sich kein signifikanter, wenngleich erkennbarer Unterschied zugunsten des G5-Mediums (44,1 % gegenüber 37,9 %). Statistisch bedeutsame Unterschiede ergaben sich bei der Anzahl brauchbarer Embryonen pro Zyklus (G5 2,8 – HTF 2,3), Implantationsrate nach frischem Transfer (G5 20.2 – HTF 15.3%) und klinische Schwangerschaftsrate (G5 47.7 – HTF 40.1%) jeweils zugunsten des G5-Mediums.

Signifikante Unterschiede auch beim Geburtsgewicht der Kinder

Die Beeinflussung dieser Faktoren ist nachvollziehbar, sind sie doch zum Teil direkte Folge der Bedingungen, die in der Petrischale herrschen. G5 scheint hier der klare Gewinner zu sein. Untersuchte man jedoch den Verlauf der Schwangerschaft, dann stellte sich dies anders dar: Von 80 Zwillingen (G5 38 – HTF 42) und 300 Einlingsgeburten (G5 163 – HTF 137) wurde das Geburtsgewicht erfasst: Kinder, die ihre ersten Zellteilungen in G5-Nährlösung verbrachten, waren durchschnittlich 158 g leichter als jene, die zunächst im HTF-Medium badeten. Auch Frühgeburten traten nach G5-Vorinkubation häufiger auf (8,6% (14/163) gegenüber 2,2% (3/137) bei HTF)

Ein überraschendes Ergebnis: Die Beschaffenheit der Flüssigkeit, in der ein Embryo in seinen ersten Lebenstagen verbringt, beeinflusst seine Gesundheit noch neun Monate später.

Ergebnisse sind schwierig zu beurteilen

Der Leiter des IVF-Labors der Universität Maastricht und Teilnehmer der Studie – Dr John Dumoulin – hält die Ergebnisse für wegweisend in dem Sinn, dass man bei signifikantem Einfluss der Nährlösungen auf spätere Lebensphasen des Kindes, sich nicht damit zufrieden geben kann, die genaue Zusammensetzung der Medien nicht zu kennen. Denn ohne dieses Wissen lassen sich auch die Ergebnisse der Studie nicht abschließend interpretieren. Selbst die simple Frage, welches Medium besser ist, lässt sich mit den Ergebnissen der Studie nicht beantworten, resümiert Dumoulin.

Zeit, die Embryokultur ernst zu nehmen

Das ist der Titel einer Übersichtsarbeit zu diesem Thema, welche zeitgleich publiziert wurde. Hier betrachten Sunde et al. die Geschichte der IVF-Kulturmedien und deren zahlreiche Rezepturen über die Jahre, über deren Änderungen die Nutzer oft nicht ausreichend informiert werden. Ob hier unterschiedlich ausgeprägte Einflüsse im Bereich der Epigenetik die Folge sein können, ist aktuell noch nicht einmal spekulativ erfassbar. Die Autoren raten zu größeren Studien mit klar deklarierten Nährlösungen, um Klarheit zu schaffen.

In seinem Editorial denkt „Hans“ Evers an die Zeit zurück, in der er der Erdnussbutter verfallen war, aber wenigstens wusste, was darin enthalten war. Nach Publikation dieser Studie kann es keine Option mehr für Embryologen sein, Nährlösungen zu verwenden, deren Inhaltsstoffe einem nicht ausreichend bekannt sind. „As of today, after publication of this RCT, not knowing the exact composition of their IVF culture media is no longer an option for clinical embryologists.

Kleijkers SH, Mantikou E, Slappendel E, Consten D, van Echten-Arends J, Wetzels AM, van Wely M, Smits LJ, van Montfoort AP, Repping S, Dumoulin JC, Mastenbroek S
Influence of embryo culture medium (G5 and HTF) on pregnancy and perinatal outcome after IVF: a multicenter RCT.
Hum Reprod. 2016 Aug 23. pii: dew156. [Epub ahead of print]

Sunde A, Brison D, Dumoulin J, Harper J, Lundin K, Magli MC, Van den Abbeel E, Veiga A
Time to take human embryo culture seriously.
Hum Reprod. 2016 Aug 23. pii: dew157. [Epub ahead of print]

Hans Evers JL.
Peanut butter.
Hum Reprod. 2016 Aug 23. pii: dew129. [Epub ahead of print]


Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

3 Kommentare

  1. Sonya schreibt

    Das bestätigt meine Annahme, dass Frühtransfer der verlängerten Kultur vorzuziehen ist! Blastozysten sind nicht nur rausgeschmiessenes Geld und womöglich kein Transfer, da kein Embryo übrig bleibt. Es kann auch noch einen negativen Einfluss auf die Gesundheit des Kindes haben.

  2. Elmar Breitbach schreibt

    @ Sonya,

    ich stimme in soweit zu, als dass man die möglichen Effekte einer längeren Kultur auf den Embryo nicht abschließend beurteilen kann. Möglicherweise ist es auch von Nachteil für die Kindliche Entwicklung. Alles spekulativ, aber möglich. Der Blastozystentransfer kann aber dennoch durchaus (absolut richtig: nicht immer) von Vorteil sein