Kinderwunsch: Nachrichten aus Fach- und Laienpresse

IVF funktioniert besser mit weniger Hormonen

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Bei der künstlichen Befruchtung sind die Erfolgsraten mit Hilfe individuell angepasster Hormonbehandlungen deutlich besser als früher, also zu Zeiten, wo keine passenden Hormone zur Verfügung standen oder nur nach „Schema F“ behandelt wurde. Eine Zeitlang herrschte die Meinung vor, dass man gar nicht genug Eizellen haben kann, um Erfolg bei der künstlichen Befruchtung zu haben. Inzwischen hat sich diese Sichtweise etwas relativiert, nicht zuletzt auch wegen der Gefahren des Überstimulationssyndroms. Aber auch die Erfolgsraten sind nicht beliebig verbesserbar mit zunehmender Eizellzahl.

Wieviele Eizellen sind am besten?

Es scheint sogar so, dass sie Überschreiten einer bestimmten Grenze die Erfolgsraten sogar eher sinken. Die Ergebnisse einer älteren Studie haben immer noch Gültigkeit: Eine Eizellzahl von fünf bis hin zu 15 scheint optimal zu sein [1].

Warum ist das so? Es muss ja Gründe geben, die zu einer Verschlechterung der Erfolgsraten führen, wenn die Zahl der Eizellen bestimmte Grenzen überschreitet.

Die Eizellzahl hat offenbar einen Einfluss auf die genetische Intaktheit der Eizelle

Eine Studie niederländischer Wissenschaftler konnte vor einigen Jahren aufzeigen, dass bei einer milderen Stimulation der Anteil der Eizellen mit einem normalen Chromosomensatz signifikant steigt und damit auch die Schwangerschaftsrate [2]. Weitere Studien, in denen ebenfalls eine Analyse der Chromosomen der Embryonen (PID) im Embryo untersucht wurde, zeigten ähnliche Ergebnisse.

Die Gebärmutterschleimhaut leidet unter hohen Hormondosen

Andere Autoren verorten die Gründe für eine schlechtere Einnistung nicht in den Zellkern der Eizelle, sondern in die Gebärmutterschleimhaut. So fanden chinesische Wissenschaftler eine schlechtere Einnistung in den Punktionszyklen („frischer Transfer“), wenn die Östrogenwerte sehr hoch waren [3]. Jedoch waren die Schwangerschaftsraten mit daraus gewonnenen und eingefrorenen Eizellen („Kryozyklen„) dadurch nicht beeinträchtigt, weshalb die Autoren dieser Studie schlussfolgerten, die Gebärmutterschleimhaut – nicht jedoch die Eizellen – litten unter den hohen Hormondosen. Diese Erkenntnis, die auch andere Autoren nachvollzogen, führten in manchen Zentren dazu, Embryonen nur noch im Kryozyklus zu transferieren, nachdem man vorher alle befruchteten Eizellen eingefroren hatte („freeze all“). Durchgesetzt hat sich dieses Verfahren jedoch nicht und es scheint vermutlich besser, eine ausreichend niedrig dosierte Stimulation durchzuführen, um weder die Eizellqualität noch die Gebärmutterschleimhaut zu beeinträchtigen.

Eine andere Gruppe hatte die berechtigte Sorge, dass es bei weniger Eizellen durch ausbleibende Befruchtung häufiger zu Behandlungen ohne Embryotransfer kommen könne. In einer Untersuchung über 2 Jahre an mehr als 800 Paaren konnte diese Sorge bestätigt werden, jedoch fand sich bei weniger Eizellen eine signifikant höhere Einnistungsrate und ein Trend zu weniger Fehlgeburten, so dass letztlich die Erfolgsrate (Zahl geborener Kinder) sogar höher war [4]. Diese Autoren sahen bereits denn negativen Effekt der hohen Hormondosen auch unabhängig von der Eizellzahl.

Aktuelle Studie: Hohe Hormondosen senken Schwangerschaftsrate um ein Drittel

Foto von stevendepolo
Weniger Spritzen scheint eher von Vorteil zu sein.

Dazu passen auch die Ergebnisse einer weiteren Studie, die mit hohen Fallzahlen aufwartet. Dort wurde der Ausgang von 650.000 IVF-Behandlungen analysiert, die 2004 bis 2012 in den USA durchgeführt wurden. Diese zeigte einen deutlichen Zusammenhang zwischen der verabreichten Hormondosis (Follikelstimulierendes Hormon = FSH) und der Zahl der Lebendgeburten. Und zwar war die Korrelation negativ, was grundsätzlich bedeutet: Je höher die Dosis, desto geringer die Erfolgsraten. Und dies unabhängig von der Zahl der gewonnenen Eizellen.

Dennoch könnte man nun sagen; „klar, wenn die Frauen älter sind und auf Hormone nur noch schlecht ansprechen, dann werden mehr Hormone gegeben. Die schlechteren Erfolgsraten sind dann aber nicht Folge der hohen Hormondosis, sondern der Patienten und ihrer eingeschränkten Eierstockfunktion.“ Könnte man sagen und deswegen wurde dieses Phänomen auch für Patientinnen untersucht, die ideale Voraussetzungen für die Behandlungen boten („good prognosis patient“), die bereits in einem älteren Artikel hier recht ausführlich „beschrieben“ wurde. Und interessanterweise fand sich auch hier – wo individuelle Einschränkungen der Patientin keine Rolle spielen – dieser Zusammenhang zwischen Hormondosis und Zahl der lebend geborenen Kinder. Bis zu einem Drittel geringer konnte die Schwangerschaftsrate bei hoher FSH-Dosierung sein. Eine klare Grenze konnte in der Studie nicht gefunden werden, ab deren Überschreitung ein negativer Effekt zu erwarten ist.

Nicht zu hoch zu stimulieren, um Nebenwirkungen bei Eizellen und Patientinnen zu vermeiden, war jedoch auch bereits vor dieser Studie nicht der schlechteste Weg.

Natürlicher Zyklus oder „minimal stimulation IVF“ keine Alternative

Die Autoren kommen auf Basis der Daten jedoch nicht zu dem Schluss, dass minimal stimulierte IVF-Zyklen (z. B. nur mit Clomifen) oder die Behandlung ganz ohne Hormone (Natural Cycle IVF) als Routinebehandlung anzuraten sei, da die Ergebnisse nach wie vor deutlich schlechter sind als mit einer (angemessenen) Vorbehandlung mit FSH. Zahlen dazu finden Sie in einer Studienübersicht auf kinderwunsch.com [6,7].


[1] Timeva T, Milachich T, Antonova I, Arabaji T, Shterev A, Omar HA.
Correlation between number of retrieved oocytes and pregnancy rate after In Vitro Fertilization/IntraCytoplasmic Sperm Infection.
ScientificWorldJournal. 2006 Jun 21;6:686-90

[2] Baart EB, Martini E, Eijkemans MJ, Van Opstal D, Beckers NG, Verhoeff A, Macklon NS, Fauser BC
Milder ovarian stimulation for in-vitro fertilization reduces aneuploidy in the human preimplantation embryo: a randomized controlled trial
Hum Reprod. 2007 Apr;22(4):980-8

[3] Chen QJ, Sun XX, Li L, Gao XH, Wu Y, Gemzell-Danielsson K, Cheng LN
Effects of ovarian high response on implantation and pregnancy outcome during controlled ovarian hyperstimulation (with GnRH agonist and rFSH).
Acta Obstet Gynecol Scand. 2007;86(7):849-54

[4] Pal L, Jindal S, Witt BR, Santoro N.
Less is more: increased gonadotropin use for ovarian stimulation adversely influences clinical pregnancy and live birth after in vitro fertilization.
Fertil Steril. 2008 Jun;89(6):1694-701

[5] Baker VL, Brown MB, Luke B, Smith GW, Ireland JJ
Gonadotropin dose is negatively correlated with live birth rate: analysis of more than 650,000 assisted reproductive technology cycles.
Fertility and Sterility. [Published online ahead of print August 18, 2015]. doi:10.1016/j.fertnstert.2015.07.1151.

[6] Pelinck MJ, Vogel NE, Arts EG, Simons AH, Heineman MJ, Hoek A.
Cumulative pregnancy rates after a maximum of nine cycles of modified natural cycle IVF and analysis of patient drop-out: a cohort study.
Hum Reprod. 2007 Sep;22(9):2463-70. Epub 2007 Jun 23.

[7] Aanesen A, Nygren KG, Nylund L
Modified natural cycle IVF and mild IVF: a 10 year Swedish experience.
Reprod Biomed Online. 2010 Jan;20(1):156-62. Epub 2009 Oct 31

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Kommentar

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7 Kommentare
  1. schoko schreibt

    Falls sich die höhere Stimu auf die Eizellqualität auswirkt: Müssten dann nicht auch die folgenden Kryo- Erfolgsraten niedriger sein?

  2. Lesenatter schreibt

    Das deckt sich genau mit meinen Erfahrungen. Ich brauchte auch immer hohe Stimulationsdosen und trotz guter Blastos gab es keinen Hauch der Einnistung, bei der NC-Icsi hat es dann geklappt. Sicherlich auch Zufall dabei, aber überraschen tut mich das nicht. Gut möglich, dass es bei mir an der Zusammensetzung der Gebärmutterschleimhaut lag, wie die Untersuchungsergebnissen vermuten lassen.

  3. believe schreibt

    Vielen Dank für diesen Artikel!
    Das bestätigt wieder meine Befürchtung, die mir der Doc in der KiWu ausreden wollte. Ich hatte mit meinen 27 Follis (21EZ, 18 befruchtet) schon von Anfang an das Gefühl, dass es an der Menge gelegen haben könnte, dass die Qualität so mies war.
    Der Doc sagte nur „Ach Quatsch, das ist blödsinn, die Damen die EZS in Tschechien machen die werden auch hoch stimuliert und die EZ sind gut“.
    Klang zwar plausibel aber ich konnte es mir einfach nicht so recht vorstellen. Irgendwo müssen doch Abstriche gemacht werden. Wir sind doch keine Maschinen…
    Vielleicht klappt die 2. ICSI beim anderen Doc nun besser. Mal sehen.

  4. ally schreibt

    @believe: Der Doc sagte nur „Ach Quatsch, das ist blödsinn, die Damen die EZS in Tschechien machen die werden auch hoch stimuliert und die EZ sind gut“.

    Das einzige, was da Blödsinn ist, ist die Aussage deines Arztes. In Tschechien werden die Spenderinnen grundsätzlich mild stimuliert und „produzieren“ im Schnitt 6-8 Eizellen. Damit erreichen die Tschechen absolut phänomenale Erfolgsquoten. Wo hoch stimuliert wird (z.b. beim Egg Sharing in den UK), sind die Erfolgsquoten sehr viel schlechter…

    21 Eizellen sind viel zu viele. Ich würde die Praxis wechseln, wenn mir einer so einen Schmarrn erzählen würde…

  5. Elmar Breitbach schreibt

    @ schoko, ja, die Kryo-Erfolgsraten müssten dann auch niedriger sein. Aber wie es halt immer so ist: Es gibt Studien, die dies nicht belegen, in diesem Fall die oben zitierte chenesische Veröffentlichung.

    @ believe Es wäre schön, wenn auch bei der Eizellspende weniger Hormone gegeben würde, wie ally schreibt. Das ist leider nicht überall so. Aber auch hier hat es einen negativen Einfluss. Es gibt dazu auch Studien, die ich jetzt hier nicht zitierte, weil es kein „deutsches Thema“ ist.

  6. believe schreibt

    Danke Ally und Doc für die Antworten.

    Den Arzt innerhalb der Praxis habe ich bereits gewechselt. Unter andrem, da er auch eine GMS bei mir für völlig unnötig und verfrüht hielt.

    Mit dem jetzigen Arzt werde ich die Stimu noch in Ruhe besprechen sobald die R-F Ergebnisse da sind.

    Mehr als 15 Follikel möchte ich aber diesmal nicht haben eigentlich. 27 Follis mit 21 EZ waren echt viel.

    Am Liebsten würde ich dem Doc der das verzapft hat einige Studien mailen.
    Doc, falls Sie was für mich haben wäre ich sehr dankbar für eine Mail.

    LG
    believe

  7. Holly schreibt

    Welche Stimulationsdosis (i.E.) zeigte sich denn als noch empfehlenswerte max. Dosis für Frauen >35 (1-5 EZ) in der 650.000 Fall Studie v. Baker/Brown et al? Ich komme an die Originalstudie leider nicht heran! Merci!