Kinderwunsch: Nachrichten aus Fach- und Laienpresse

(Ist) Musik ist gut für die Embryonen (?)

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Manche Nachrichten sind so bekloppt, dass man sie eigentlich nur zur allgemeinen Belustigung hier einstellen kann. Und man hat das Gefühl, dass bei der Idee zu solchen Studien Alkohol eine Rolle gespielt haben muss. Viel Alkohol. In diesem Fall war es wohl Sangria.

Als „bahnbrechend“ bezeichnet „Yahoo News“ die Ergebnisse einer Studie, die beim jährlichen ESHRE-Meeting in diesem Sommer (als Poster) vorgetragen wurde. Ich war auch dort, habe aber diese bahnbrechenden Forschungsergebnisse leider verpasst.

Musik für Embryonen

Eipods: Verbessert Musik im Brutschrank die Schwangerschaftsraten? Bild: Marco Paköeningrat
Eipods: Verbessert Musik im Brutschrank die Schwangerschaftsraten?
Bild: Marco Paköeningrat

Die Studie wurde im renommierten (doch, wirklich) Institut Marques in Barcelona durchgeführt. Inzwischen wurden 985 Eizellen von 114 verschiedenen Frauen im Brutschrank mit Musik beschallt. Das Studiendesign sah sogar die Verwendung von drei unterschiedlichen Musikrichtungen vor: Die Eizellen wurden während der Befruchtungsvorgänge im Brutschrank entweder mit Pop, Klassik und Heavy Metall beschallt. Dazu wurde ein IPod in den Inkubator platziert. Ein anderer Teil der Eizellen jeder Frau hatte als Kontrollgruppe seine Ruhe.

Die Ergebnisse

Unabhängig von der Musikrichtung verbesserte sich die Befruchtungsrate durch die Musik um 4,1%. Oder wie es in einem anderen Teil des Artikels heißt: Erhöhte die Chancen für die Entstehung eines Embryos um fast 5% („increased the chances of creating an embryo by almost 5%“). So sehr sich der Autor der Presseerklärung auch bemüht: Eine Sensationsnachricht ist das nicht. Es ist eigentlich gar keine Nachricht. Und so war es auch bereits im July bei der Erstpräsentation der Daten. Man schaue sich die Graphik der Daten an:

Unterschiedliche Befruchtungsraten der Eizellen mit und ohne Musik.
Unterschiedliche Befruchtungsraten der Eizellen mit und ohne Musik.

Es möchte zwar sein, dass sich da eine statistische Signifikanz herauszaubern ließ, aber wirklich beeindruckend ist der Unterschied zwischen den beiden Säulen nicht. Und wenn man das Poster betrachtet findet sich auch sonst kein weltbewegendes oder gar bahnbrechendes Ergebnis darauf. Bedauerlich, aber so ist es oft bei wissenschaftlichen Studien.

Das Bahnbrechende

Bahnbrechende Ergebnisse wurden angekündigt und das war alles? Nein, denn die Studie wurde fortgeführt und es gibt frühe Hinweise auf eine deutliche Verbesserung der Lebensgeburtenrate in neuen Zahlen, die von dem Forscherteam jetzt veröffentlicht wurden. Bisher wurden nämlich 69 Kinder in dieser Studie geboren. 55 davon aus der Gruppe der Embryonen, die mit Musik beschallt wurden und 14 aus der Gruppe derer, die nicht in diesen Genuss kamen.

Das ist in der Tat ein deutlicher Unterschied, wobei die Presseerklärung den Hinweis vermissen lässt, wieviele Transfers in den Gruppen jeweils durchgeführt wurden. Wurde also die Randomisierung fortgeführt und bei jeder Frau dem Zufallsprinzip folgend entweder die musikalischen oder die nichtmusikalischen Embryonen eingesetzt? Die Angabe der absoluten Zahlen statt der Prozentzahlen und der Hinweis auf „frühe Ergebnisse“ macht misstrauisch. Das ist nicht böswillig, nur ein antrainierter Reflex auf nicht plausible Zahlen.

Können Eizellen hören?

Gegenfrage: Haben sie Ohren? Eben. Die Erklärung der Autoren zu den Ergebnissen bezieht sich daher auch auf die von der Musik erzeugten Vibrationen. Die Idee ist die, dass man versucht, die Bewegungen, die sonst im Eileiter auftreten, durch die musikinduzierten Vibrationen zu imitieren. Man bezieht sich dabei auf Studien, bei denen diese Bewegungen mit anderen Mitteln erzeugt wurden, ich hatte vor einiger Zeit darüber berichtet. Auch die damaligen Studienergebnisse führten ein eher unbeachtetes und kurzes Leben in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Zu Recht.

Und wenn die Ergebnisse dieser aktuellen Studie in zwei Jahren im „Lancet“ publiziert werden und dereinst alle Embryonen dieser Welt in ihren ersten Lebensminuten Heavy Metall hören, weil es die Schwangerschaftsraten vervierfacht: Ich glaub’s nicht. Aber lustig ist die Idee und das ist auch etwas wert.

Ach so: Zum Niederknien ist in dem Artikel die Geschichte von Klein Freddie, dem ersten Kind, das unter Musik im Brutschrank entstand und nun ungeheuer musikalisch ist: „It came as little surprise to Freddie’s parents to discover their one-year-old son has an ear for music.„. Es rundet die Geschichte sehr stimmig ab.

Castelló C, Asensio M, Fernández P, Farreras A, Rovira S, Capdevila JM, Velilla E
Impact of exposure to music during in vitro culture on embryo development.
ESHRE 2013 P-127


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Kommentar

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8 Kommentare
  1. Schokopudding schreibt

    Hui, dann war es bestimmt auch musikalisch in den ersten Stunden unseres einen Icsi-Zwillingssohnes 😉 Er wibbelt im Takt, wenn er Musik nur erahnen kann.

    Ob sich durch solche Untersuchungen vielleicht doch ganz revolutionäre Dinge in der Kiwu-Medizin anbahnen lassen?

    Jedenfalls spannend, was in Sangria-Stimmung für Untersuchungen auf den Weg gebracht werden.

  2. Mirabelle schreibt

    Na, wenigstens Freddie hat ein Ohr (was, nur eins?!) für Musik, wenn schon die Eizelle, aus der er entstand, keines hatte… Köstlich! Sehr lustig… vielen Dank!

  3. Greta S schreibt

    das wirft ein ganz anderes licht auf die dinge, die vor, in und nach (auch hinter und vor…) einer disco passieren 😉

  4. Cheatbee schreibt

    Ich stelle es mir schwierig vor vor allem Kinder zu finden die sich 100% in die „nicht Musik Gruppe“ einordnen lassen.

  5. Claas S. schreibt

    Bei unserer Tochter haben wir eine spannende Entwicklung erlebt. Während der Schwangerschaft wurde regelmäßig die Spieluhr auf den Bauch gelegt (was ja auch in sämtlichen Ratgebern zu lesen ist). Nach der Geburt und im kompletten ersten Lebensjahr (!) war es dann so, dass sie jedes Mal, wenn wir die Spieluhr aufgezogen haben, maulig wurde und oftmals sogar geschrien hat. Sie muss die Musik irgendwie negativ aufgenommen haben. Jetzt ist sie 3 1/2 und die Musik macht keine Probleme mehr. Unserem Sohn dagegen war die Musik während und nach der Schwangerschaft vollkommen egal 🙂

  6. Chris schreibt

    Toller Artikel! Das war schon immer offensichtlich, dass der Fötus nicht nur die Gene mit aufnimmt, sondern auch den Lebensstil der Mutter. Der Stoffaustausch mit ihr ist ausschlaggebend… Wenn die Mutter Glücksstoffe abgibt, weil sie gerade ihre Lieblingsmusik hört, beeinflusst es auch den Fötus 😉

  7. hörbert schreibt

    Na dann liegen wir mit unserem mp3-Player für Kinder ja gar nicht so daneben – aber wie soll man da das Mindestalter angeben? „Ab -9 Monate“ ? 🙂
    Dann wäre unser Gerät ja wirklich „From cradle to cradle“ in einem ganz anderen Zusammenhang.
    Aber Spaß beiseite – im Mutterleib erlebt der Nachwuchs sowieso alles durch die Mutter, warum dann nicht auch wohlige Klänge und deren Wirkung auf Blutdruck, Puls und Psyche?

  8. Gerda Meyer schreibt

    Sehr guter Artikel, allerdings würde ich wohl doch eher zu sanften Musikstücken raten, als zu Pop- und Technomusik…