In vitro fertilisation: Rechner schätzt Chancen für Lebendgeburt ein

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in vitro fertilisation
Wie hoch sind meine Chancen bei einer In vitro Fertilisation? Basierend auf den Daten von mehr als 100.000 Paaren wurde ein online-Rechner erstellt. Zu viel sollte man sich davon jedoch nicht erwarten.

Ein Traum: die individuellen Chancen bei einer In Vitro Fertilisation berechnen können

Zumindest wäre manchen Fällen eine gute Entscheidungshilfe, die eigenen Chancen berechnen zu können. Die In Vitro Fertilisation wird jedoch von so vielen individuellen Faktoren beeinflusst, dass dies fast unmöglich erscheint. Der Versuch wurde bereits vor 5 Jahren unternommen und der aktuelle Rechner basiert auf den gleichen Parametern, jedoch auf einer größeren Zahl an Patienten über einen längeren Zeitraum. Und es wurden zwei statistische Modell erarbeitet: Die Chancen vor einer Behandlung und die Chancen für Patientinnen, die bereits eine oder mehrere IVF-Therapien hinter sich haben.

 

Statistische Basis: Fast 200.000 Behandlungszyklen

Die statistische Vorhersage eines Behandlungserfolgs ist umso genauer, je größer die Zahl der zugrunde liegenden Patienten ist. Daran sollte es offenbar nicht scheitern: Die Daten von 113.873 Frauen mit 184.269 Behandlungszyklen flossen in die Berechnungen ein (Daten des britischen Human Fertilisation and Embryology Authority register 1999 – 2008). 33.154 Frauen (29,1 %) bekamen nach der Behandlung ein Kind nach dem ersten Zyklus einer In Vitro Fertilisation und 48.925 (43,0%) nach bis zu sechs Behandlungen.

Untersuchte Faktoren

Vor einer Behandlung:

  • Alter der Frau
  • Dauer des unerfüllten Kinderwunschs
  • Grund für die Sterilität (Eileiter, fehlender Eisprung, Endometriose, Spermien oder „idiopathisch“)
  • frühere Schwangerschaften
  • IVF oder ICSI

Nach erster Behandlung:

  • Zahl zuvor gewonnener Eizellen
  • Zahl transferierter Embryonen
  • Tag des Embryotransfers: nach 2-3 Tagen oder Blastozystentransfer
  • Ob Eizellen eingefroren werden konnten

Spielt man ein wenig mit dem Rechner herum, dann geschieht, was man auch so erwartet hätte: Das Alter spielt eine wesentliche Rolle und beeinflusst die errechneten Chancen am meisten. Bei Frauen, die bereits eine Behandlung hinter sich haben ist der wesentliche Parameter (neben dem Alter) die Zahl der zuvor gewonnen Eizellen. Demzufolge auch, ob Eizellen eingefroren werden konnten.

Schlussfolgerung der Autoren der Studie

„Wir haben ein Modell entwickelt, um die individuellen Chancen auf ein lebend geborenes Kind für jede Frau ausrechnen zu können. Entweder vor Beginn einer Therapie oder nach bis zu 6 Behandlngszyklen einer In Vitro Fertilisation. Vor Beginn einer Behandlung ist das Alter der Faktor, der die Wahrscheinlichkeit am meisten beeinflusst. Nach Beginn einer Behandlung ist es die Zahl der gewonnen Eizellen.“

Sie hoffen, damit eine Basis für Beratung und Entscheidungsfindung entwickelt zu haben. Und in der Tat bietet das Tool eine gute Orientierung. Jedoch fehlen individuelle Faktoren, wie Gewicht oder die Verwendung legaler Drogen (Nikotin, Kaffee, Alkohol). Bei der letzten Veröffentlichung eines solchen Rechners monierte ich auch das Fehlen des AMH-Wertes. Durch die Hereinenahme der Eizellzahl ist dies nun – sogar aussagekräftiger – erfolgt. Meine Schlussfolgerung vom letzten Mal möchte ich dennoch gleich wieder anhängen:

Meine Schlussfolgerung

Zum Herumspielen ist dieser Rechner durchaus interessant. Man sollte die Ergebnisse als betroffenes Paar jedoch mit Vorsicht genießen. Der behandelnde Arzt kennt wesentlich mehr signifikante Faktoren eines Paares mit Kinderwunsch und ist daher viel eher in der Lage die Chancen zu bewerten als es ein statistisches Modell sein kann, welches nur 9 Variablen berücksichtigt.

Wo finde ich den Rechner?

Erst ganz am Schluss, weil man schon wissen sollte, worauf man sich einlässt:

Zum Online-Rechner

McLernon DJ, Steyerberg EW, Te Velde ER, Lee AJ, Bhattacharya S
Predicting the chances of a live birth after one or more complete cycles of in vitro fertilisation: population based study of linked cycle data from 113 873 women.
BMJ. 2016 Nov 16;355:i5735. doi: 10.1136/bmj.i5735.

Originalstudie online

Foto von iTux


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Kommentar

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7 Kommentare

  1. An schreibt

    Danke Doc!

    Man sollte aber auch nicht vergessen, dass Statistik nichts über Individuen aussagt. Mit 33 und nur einer befruchteten EZ (Endometriose IV, Tese-Sperma) gleich bei der ersten Icsi einen Treffer glich einem Lottogewinn.

    Dann mit 39 und selbigen Voraussetzungen bei 2 befruchteten EZ gleich Zwillinge ist noch so ein Glücksfall.

    Im Lotto hab ich zwar nie gewonnen, aber glücklich bin ich trotzdem mit 3 Kids, obwohl man mir schon mit 33 und einem AMH von 0,4 die EZspende nahegelegt hatte.

    Daher, nicht verzagen!

  2. RoteBeete schreibt

    Was ist eigentlich damit, wenn man wegen OHSS keinen Frischtransfer hatte? Der Abfall der Chancen schneint dann total dramatisch zu sein wenn man „no embryos for transfer“ eingibt, obwohl man gleichzeitig anklickt, dass embryonen gefroren wurden…

  3. Elmar Breitbach schreibt

    Ich vermute mal, dass das Programm das nicht so richtig versteht, denn das dürfte sich so eigentlich nicht auswirken

  4. Libby1234 schreibt

    Wie Sie auch weiter oben schreiben, beeinflusst die Zahl der gewonnen Eizellen das Ergebnis – je mehr Eizellen, desto besser die Chance auf eine Schwangerschaft in der nächsten Behandlung.

    Dabei wird aber doch nicht berücksichtigt, dass bei manchen Frauen absichtlich nur gering stimuliert wird, da man sonst eine Überstimulation befürchtet. Die Zahl der gewonnen Eizellen ist dann natürlich niedriger als das eigentliche Potenzial. (So war es z.B. bei mir wegen polyzystischer Eierstöcke.)

    Die Frage ist, ob die Zahl der Eizellen per se von Bedeutung ist, oder ob sie, und so verstehe ich den obigen Artikel, ähnlich wie das Anti-Müller-Hormon nur als Marker gesehen wird.

    In letzterem Fall wäre es ja nicht in jedem Fall sinnvoll, der Zahl der gewonnenen Eizellen einen signifikanten Einfluss einzuräumen.

  5. Elmar Breitbach schreibt

    Dieser Rechner ist natürlich nicht differenziert genug, um diese Feinheiten aufzugreifen, sondern arbeitet halt mit Mittelwerten und großen Fallzahlen. Dabei sind individuelle Fragestellungen natürlich oft nicht ausrechend berücksichtigt.

  6. RoteBeete schreibt

    Danke für die Antwort Dr. Breitbach.
    Aber spannend ist der Rechner schon – besonders wenn man das Gefühl hat IVF funktioniert eh nicht, weil die durchschnittliche Baby Take Home Rate bei ca. 20% liegt.