Idiopathische Sterilität: Wie wahrscheinlich ist eine Schwangerschaft?

Keine Diagnose, aber trotzdem nicht schwanger: Wie lange kann man warten?

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In ca. 10 Prozent der Fälle ergibt die ausführliche Suche nach der Ursache für einen unerfüllten Kinderwunsch kein Ergebnis. Diese sogenannte idiopathische Sterilität ist also nicht selten. Wie hoch sind die Chancen, wenn man einfach nur wartet?

Was ist eigentlich eine idiopathische Sterilität?

Zunächst einmal muss natürlich der „Tatbestand“ der Sterilität erfüllt sein und das Paar trotz regelmäßigen Verkehrs innerhalb eines Jahres zuwege gebracht haben. Findet man dann trotz ausführlicher Diagnostik keine Ursache für das Ausbleiben einer Schwangerschaft, dann handelt es sich um eine Kinderlosigkeit  ohne erkennbare Ursache, also eine idiopathische Sterilität.

Immer, wenn Ärzte die Ursache für eine Erkrankung nicht herausfinden können, wird sie idiopathisch oder essentiell genannt.  Der Begriff kommt aus dem altgriechischen von Idiopathie (altgriechisch ἴδιος = eigen und πάθος = Leiden) – falls es wirklich jemand wissen möchte 😉

Daraus ergibt sich ein Problem: Wenn ich nicht weiß, warum eine Erkrankung besteht, dann kann ich natürlich auch die Ursachen nicht  gezielt behandeln.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit auf eine Schwangerschaft?

Daher stellt sich dann auch die Frage nach dem Krankheitswert und ob man wirklich immer gleich behandeln muss. Schon eine ältere Studie1)Bhattacharya S et al.
Clomifene citrate or unstimulated intrauterine insemination compared with expectant management for unexplained infertility: pragmatic randomised controlled trial
BMJ 2008;337:a716
zeigte, dass auch die Dauer des unerfüllten Kinderwunschs eine Rolle spielt: Bestand die Kinderlosigkeit bereits für 2 Jahre, dann betrug die Chance auf eine Schwangerschaft ohne Behandlung 17%. Das ist nicht wirklich zufriedenstellend.


Andererseits ist es auch nicht erstrebenswert, eine Behandlung über sich ergehen zu lassen, obwohl sie möglicherweise nicht notwendig ist. Zumal auch unklar ist, welche Therapie die idiopathische Sterilität ab effektivsten behandelt. Also:

Faktor Zeit: Wie lange kann man warten?

Wenn bei einem Paar trotz ausführlicher und unauffälliger Diagnostik eine Schwangerschaft ausbleibt, dann ist nur die Dauer des Kinderwunsches (und evtl. das Alter) ein prognostisch ungünstiger Faktor. Von der Dauer des Kinderwunschs hängt also ab, wie viele Hoffnungen man sich noch auf eine Schwangerschaft machen kann.

Leider gibt es zu dieser Frage in Studien keine Antworten. Bis jetzt. Eine holländische Arbeitsgruppe hat sich dieses Themas angenommen2)van Eekelen R, Scholten I, Tjon-Kon-Fat RI, van der Steeg JW, Steures P, Hompes P, van Wely M, van der Veen F, Mol BW, Eijkemans MJ, Te Velde ER, van Geloven N
Natural conception: repeated predictions over time.
Hum Reprod. 2017 Feb;32(2):346-353. doi: 10.1093/humrep/dew309. Epub 2016 Dec 18.
: Wie hoch sind die Chancen auf eine natürlich entstandene Schwangerschaft bei einer idiopathischen Sterilität ab „Diagnosestellung“:

  • innerhalb des ersten Jahres
  • Wenn es ein halbes Jahr nicht geklappt hat
  • Wenn es ein Jahr nicht geklappt hat
  • Wenn es eineinhalb Jahre lang nicht zur Schwangerschaft kam

Dazu wurde der Verlauf von insgesamt 5000 Patientinnen über einen Zeitraum bis zu 21 Monaten verfolgt. Von diesen wurden insgesamt 1053 im Beobachtungszeitraum schwanger (21%). Die Wissenschaftler aus den erhobenen Daten ein Berechnungsmodell, welches folgende Ergebnisse auf die obige Frage ergab:

  • innerhalb des ersten Jahres ⇒ 27%
  • Wenn es ein halbes Jahr nicht geklappt hat ⇒ 20%
  • Wenn es ein Jahr nicht geklappt hat ⇒ 15%
  • Wenn es eineinhalb Jahre lang nicht zur Schwangerschaft kam ⇒ 13%

Ein Jahr nach Diagnosestellung ist es an der Zeit

Nun ist es natürlich eine Ermessensfrage, ab wann man den Zeitpunkt zum Handeln sieht. Aber wenn eine idiopathische Sterilität „diagnostiziert wurde“, man also schon mindestens ein Jahr probiert hat und dann ein weiteres Jahr ins Land gegangen ist und die durchschnittliche Chance dann nur noch 15% beträgt, dass eine Schwangerschaft eintritt, sollte man spätestens darüber nachdenken, therapeutisch aktiv zu werden. Denn diese Prozentzahlen gelten nicht pro Zyklus es sind die Chancen, dass es überhaupt noch klappt.

Und welche Therapie ist sinnvoll?

Gute Frage. Und ein weiteres umfangreiches Thema. Zur Auswahl stehen bzw. gerne vorgeschlagen werden:

  • Weiter warten
  • Hormonelle Stimulation
  • Insemination mit und ohne Stimulation
  • künstliche Befruchtung
  • Psychotherapie

Und damit dieser Artikel nicht ewig lang wird, wird er hier fortgeführt.

 



Literatur   [ + ]

1. Bhattacharya S et al.
Clomifene citrate or unstimulated intrauterine insemination compared with expectant management for unexplained infertility: pragmatic randomised controlled trial
BMJ 2008;337:a716
2. van Eekelen R, Scholten I, Tjon-Kon-Fat RI, van der Steeg JW, Steures P, Hompes P, van Wely M, van der Veen F, Mol BW, Eijkemans MJ, Te Velde ER, van Geloven N
Natural conception: repeated predictions over time.
Hum Reprod. 2017 Feb;32(2):346-353. doi: 10.1093/humrep/dew309. Epub 2016 Dec 18.

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Kommentar

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8 Kommentare

  1. Libby1234 schreibt

    Lieber Herr Dr. Breitbach,

    wie meinen Sie den Hinweis mit der Psychotherapie? Ich hatte immer den Eindruck, dass Sie eine marode Psyche als Ursache einer Kinderlosigkeit ausschließen. Oder zielt dies darauf ab, mit der Situation der Kinderlosigkeit umgehen zu können?

    Ich persönlich finde den Vorschlag, sich mal in Psychotherapie zu begeben, weil man ja angeblich so verstört ist, dass man nicht schwanger werden kann, beleidigend.

    Tatsächlich habe ich nach ca. 6 Jahren ungewollter Kinderlosigkeit eine Psychotherapie gemacht, um mit der Situation zurecht zu kommen. Kommentar der Therapeutin: „Die Beziehung zu Ihrem Mann ist ja im wahrsten Sinne des Wortes nicht fruchtbar gewesen.“

    Da fühlt man sich doch gleich besser!

  2. gwirksi schreibt

    Libby, Du hast denke ich den Artikel falsch verstanden und vermutlich schon die Pointe vom Doc vorweggenommen.

    Er zitiert ja nur die Studien, was diese empfehlen, was man tun könnte.

    Vermutlich wird er, im nächsten Artikel, bei der Betrachtung Empfehlungen feststellen, daß der Psychotherapeut nur dann von Nutzen ist, wenn man mit ihm/ihr Sex hat 🙂

    Interessant aber finde ich die Empfehlung von stimulierten GvNP. Erinnere mich an ein Posting bzw eine Antwort im Forum von Ihnen, wo Sie einer Schreiberin geantwortet haben, wenn der Zyklus eh regelmäßig ist, also nicht die Anovulation die Ursache der Kinderlosigkeit ist, dann hebt Stimulation die Chancen nicht. Man kann es aber gerne machen, weil schaden tut es nicht. Habe ich ihr damaliges Posting korrekt verstanden lieber Doc?

    LG gwirksi

  3. Elmar Breitbach schreibt

    Liebe Libby,

    Zunächst einmal herzlichen Dank für den Kommentar 😉

    Oben steht: „Zur Auswahl stehen bzw. gerne vorgeschlagen werden…“

    Und weiter möchte ich die Fortsetzung dieses Artikels auch nicht „spoilern“, das gilt auch für die Nachfrage von Gwirksi. Ich denke, dass ich bis Sonntag fertig sein werden. Momentan muss ich mich noch ein klein wenig schriftlich über die FAZ aufregen. Das dauert ein Minütchen länger als gedacht.

  4. Silke Schwekutsch schreibt

    Hallo Herr Breitbach,

    ich finde es gut, dass Sie ab und an auf meinem Blog vorbeischauen und sich inspirieren lassen! 🙂

    Beste Grüße

    Silke Schwekutsch

  5. Elmar Breitbach schreibt

    Nun, inspiriert hatte mich vor allem die Februarausgabe von „Human Reproduction“, neben „Fertility Sterility“ die übliche Monatslektüre (oft auch quer zugegebenermaßen) eines jeden Reproduktionsmediziners.

  6. Libby1234 schreibt

    Okay, verstehe. Ich habe den Zusammenhang, dass die Maßnahmen nur empfohlen werden und keine eigene Meinung darstellen, in meiner großen Empörung über den Stichpunkt Psychotherapie tatsächlich überlesen.

    Ich bin gespannt auf Sonntag!

  7. Silke Schwekutsch schreibt

    …alles klar, war kein Vorwurf. Manchmal lies die „Laienpresse“ die Monatslektüre einfach etwas früher.