Genetische Sterilitätsursache durch Wilms-Tumor-Suppressor-Gen

Genmutation am Wilms-Tumor-Suppressor-Gen WT1 kann Einnistung des Embryos beeinträchtigen

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Das WT1-Gen (für Wilms-Tumor-Suppressor-Gen) spielt eine wichtige Rolle bei der frühen Entwicklung des Embryos und steuert Proteine, insbesondere Proteasen, die für die erfolgreiche Einnistung des Embryos in die Gebärmutter verantwortlich sind. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift Human Molecular Genetics veröffentlicht.

Idiopathische Sterilität: Unerfüllter Kinderwunsch ohne Diagnose

Es trifft auf ca. 10% aller Paare mit unerfülltem Kinderwunsch zu: Ein Grund für das Ausbleiben einer Schwangerschaft kann trotz umfangreicher Diagnostik nicht gefunden werden. Bei diesen Fällen idiopathischer Sterilität kann oft nur eine IVF-Behandlung helfen, in einigen Fällen bleibt jedoch auch dies erfolglos. Jenaer Forscher vom Leibniz-Institut für Alternsforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena haben eine mögliche Erklärung entdeckt.

Idiopathische Sterilität durch Wilms-Tumor-Suppressor-Gen?

Die Jenaer Forscher untersuchten Frauen unter 40 Jahren, die unter ungeklärter Kinderlosigkeit leiden1)Nathan A, Reinhardt P, Kruspe D, Jörß T, Groth M, Nolte H, Habenicht A, Herrmann J, Holschbach V, Toth B, Krüger M, Wang ZQ, Platzer M, Englert C. The Wilms tumor protein Wt1 contributes to female fertility by regulating oviductal proteostasis. Human Molecular Genetics 2017, DOI: 10.1093/hmg/ddx075.. Bei einer von 8 Frauen konnten sie eine neuartige Mutation im WT1-Gen nachweisen; die zweite Kopie des Gens war dagegen normal. „Dieses Ergebnis überraschte uns sehr“, berichtet Dr. Abinaya Nathan, Erstautorin der aktuellen Studie, „denn das Wilms-Tumor-Suppressor-Gen WT1 war uns bisher nur als wichtiges Gen für die Entwicklung und den Erhalt verschiedener Organe, wie z.B. Niere und Herz, bekannt“. Doch welche Rolle spielt das WT1-Gen bei der Regulation der Fruchtbarkeit?

Die Eileiterfunktion ist der entscheidende Faktor

In Experimenten mit Mäusen versuchten die Wissenschaftler die Wirkung dieser Mutation auf die Fruchtbarkeit herauszufinden. Der Eileiter hat nicht nur die Transportfunktion für Spermien und Eizellen. Bei der Reise durch den Eileiter wird die befruchtete Eizelle und später der Embryo auf die Einnistung vorbereitet. Dies geschieht mit Hilfe von “Proteasen”, welche die Hülle des Embryos von Proteinen befreien. Dies geschieht jedoch vor allem in der Gebärmutter, während der meisten Zeit des Aufenthalts im Eileiter sind die Proteasen inaktiv.

Bei der Wt1-Mutation wird die Protease Prss29 aber bereits im Eileiter aktiv und schädigt den Embryo so sehr, dass er sich nicht mehr in die Gebärmutter einnisten kann und abgestoßen wird. Das könnte der wahre Grund dafür sein, warum bei diesen Frauen trotz bester Voraussetzungen eine Schwangerschaft nicht möglich ist“, erklärt erklärt Prof. Christoph Englert, Forschungsgruppenleiter am FLI.


Bei der Mutation des Wilms-Tumor-Suppressor-Gen gerät also die sehr zeitkritische Vorbereitung des Embryos auf die Einnistung durcheinander und die Implantation bleibt daher aus, oder – noch schlimmer – findet zu früh statt und führt zu einer Eileiterschwangerschaft.

Inwieweit diese Erkenntnisse irgendwann auch in Therapien münden werden, ist noch unklar, die beteiligten Wissenschaftler sind jedoch optimistisch.



Literatur   [ + ]

1. Nathan A, Reinhardt P, Kruspe D, Jörß T, Groth M, Nolte H, Habenicht A, Herrmann J, Holschbach V, Toth B, Krüger M, Wang ZQ, Platzer M, Englert C. The Wilms tumor protein Wt1 contributes to female fertility by regulating oviductal proteostasis. Human Molecular Genetics 2017, DOI: 10.1093/hmg/ddx075.

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Kommentar

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6 Kommentare

  1. Schoko schreibt

    Dann wäre doch ein Tag 5-6 Transfer hier ideal.

  2. jumptheysay schreibt

    Danke für den interessanten Beitrag!
    @Schoko: Das war auch mein erster Gedanke.

  3. Berliner Patientin schreibt

    O.K., das gilt jetzt für Normalreproduzierer. Wenn die Eizelle gar nicht erst den Eileiter durchläuft, erst gerade rechtzeitig transferiert wird, bleibt dann noch Zeit und Protein, um zu schädigen? Ist ein weit entwickelter Embryo noch empfänglich für Schädigungen dieser Art? Was bedeutet das für IVF und Co.?
    Und: schädigt es nur eigene Eizellen/Embryos, oder erkennt es auch fremde, eizellgespendete/embryonengespendete Embryos? So viele offene Fragen…

  4. Elmar Breitbach schreibt

    Genau, so viele offene Fragen und die paar Antworten, die es gegenwärtig gibt, sind nur bei Mäusen nachgewiesen. In der Tat ein interessanter Ansatz (da es ja auch bei idiopathischer Sterilität eine Rolle zu spielen scheint, also beim Menschen ;-)), den nachzuverfolgen sich sicherlich lohnen wird.

  5. RoteBeete schreibt

    „denn das Wilms-Tumor-Suppressor-Gen WT1 war uns bisher nur als wichtiges Gen für die Entwicklung und den Erhalt verschiedener Organe, wie z.B. Niere und Herz, bekannt“.

    Bedeutet das, falls eine Mutation vorliegt, diese sich auch auf andere Organe negativ auswirkt?

  6. Elmar Breitbach schreibt

    @ Rote Beete: Das kann ich nicht beantworten. Bei den UNtersuchten Frauen war ja nur eines von zwei Genen betroffen (heterozygot) und es wurde über diese Erkrankungen nichts berichtet, also vermutlich nicht, leider spekuliere ich hier aber nur.