Familienplanung: Wann sollte man anfangen?

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Das Wort „Familienplanung“ weckt die Erwartung, dass Familien (und vor allem deren Größe) planbar sind. Fakt ist, dass der Teil mit dem Verhüten ziemlich gut funktioniert. Aber der Teil mit dem Schwangerwerden hat so seine Tücken, wie die Besucher dieser Seiten meist ja schon am eigenen Leib erfahren mussten. Man weiß jedoch vor Beendigung der Verhütungsmaßnahmen nur in den seltensten Fällen, ob man zu den Paaren gehört, die etwas länger brauchen werden zur Erfüllung des Kinderwunschs. Und wenn man dann noch konkrete Vorstellungen hat, wie viele Kinder es werden sollen, wird es sehr komplex und der Blick in die Zukunft unmöglich.

Und es gibt ja auch noch so viel anderes zu erledigen. Da läuft man schon Gefahr, sich zu verzetteln:“Schaffen wir noch die Weltumseglung/den nächsten Karriereschritt, den Hausbau etc. vorher, oder müssen wir uns schon jetzt mit dem Kinderkriegen beschäftigen?“ Fragen über Fragen. Die nun den Ergebnissen einer Studie aus „Human Reproduction“ zufolge zufriedenstellend beantwortet werden können.

Die „Fertilitäts-Lücke“

Auch in Familien mit Kindern gibt es oft weiterhin einen unerfüllten Kinderwunsch nach dem zweiten, dritten oder vierten Kind. Die meisten jungen Menschen möchten zwei oder mehr Kinder, im Durchschnitt 2,2. Diese Pläne werden – unterschiedlichen Umständen geschuldet – im Laufe des Lebens nach unten korrigiert, in der Fachliteratur „fertility gap“ genannt. In Europa beträgt diese Lücke 0,35 Kinder, die im Schnitt weniger geboren werden als ursprünglich geplant. Natürlich spielen hier nicht nur medizinische Gründe eine Rolle, sondern auch finanzielle und gelegentlich vielleicht auch die Erkenntnis, dass Kinder etwas sehr Schönes sind, aber eines oder zwei eben auch reichen.

Hilfreich wäre daher Zahlen, die einem Anhalte geben, wie früh man beginnen muss, um die gewünschte Anzahl an Kindern bekommen zu können. Wissenschaftler der Erasmus-Universität haben dazu ein mathematisches Modell entworfen, mit welchem sich die theoretische Fruchtbarkeit von 10.000 Paaren errechnen lässt und dies auch unter Einbeziehung medizinischer Maßnahmen, hier vor allem der IVF. Die Daten, auf denen dieses Modell beruht, kommen aus verschiedenen Studien, vor allem aber aus einer Studie zur natürlichen Fruchtbarkeit von 58.000 Frauen über einen Zeitraum von 300 Jahren, ergänzt zu neuen Zahlen zu Schwangerschaftsraten (mit und ohne IVF) und Fehlgeburten.

Alles Mathematik

Das Rechenmodel geht davon aus, dass nach einer Wartezeit von mehr als einem Jahr eine komplette Diagnostik der möglichen Sterilitätsursachen erfolgt und bei entsprechenden Ergebnissen (z. B. verschlossene Eileiter oder schlechte Spermien) zeitnah eine IVF-Behandlung erfolgt. Sicherlich kein realistisches Szenario, zumindest in der Annahme, dass es IMMER so verläuft, aber dies ist die Grundlage für die folgenden Ergebnisse


kinderzahl_und_alter

Die Prozentzahlen auf der linken Seite bedürfen der Aufschlüsselung. Den Autoren der Studie entspricht der Wunsch nach 90%-iger Sicherheit einem sehr stark ausgeprägten Wunsch, dem sich fast alles andere unterordnet. Ein solches Paar wird praktisch alles unternehmen, um die gewünschte Kinderzahl zu erreichen und entsprechend „auf Sicherheit“ ausgelegt ist das jeweilige Startalter. 75% bedeutet, dass Paare dem Wunsch sehr ausgeprägt nachgehen, aber beim Auftreten finanzieller oder gesundheitlicher Probleme zu Kompromissen und zum Teilverzicht bereit sind. Mit einer 50-50-Chance geben sich Paare nur dann zufrieden, wenn Alternativen (bis hin zur Kinderlosigkeit) als gleichwertig angesehen werden.

IVF ist keine Garantie

Man erkennt an diesen Zahlen den Einfluss des Alters der Frau auf den Ausgang der Familienplanung. Das Alter des Mannes ist nicht direkt einberechnet, das Rechenmodel geht jedoch davon aus, dass der Mann nicht mehr als 10 Jahre älter ist als seine Partnerin. Die Daten zeigen positive Überraschungen: Wenn man nur ein Kind möchte, kann man recht lange warten und hat auch über 40 Jahren noch eine 50%ige Chance. Die schlechten Nachrichten überwiegen: Die IVF hilft der 40jährigen Frau nicht wirklich viel, wenn sie noch ein Kind möchte. Die Paare mit dem ausgeprägten Wunsch nach mehreren Kindern profitieren eher von der IVF. Sie können sich 4-5 Jahre später an die Umsetzung ihrer Familienplanung machen. Erschreckend ist jedoch das Alter, in dem man die erste Schwangerschaft anstreben muss, wenn man mit einiger Sicherheit drei Kinder ohne IVF bekommen möchte: 23 Jahre ist heutzutage ein eher ungewöhnlich junges Alter, wo doch viele Paare bis mindestens bis zum 30. Geburtstag warten.

Fertility awareness

Für den individuellen Fall werden diese Durchschnittswerte nicht immer zutreffend sein. Die Autoren der Studie möchten daher mit diesen Zahlen kein Panik schüren, halten es aber für sehr hilfreich, diese Zahlen auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Jungen Menschen sollten jedoch nicht nur über die zahlreichen Möglichkeiten der Verhütung informiert werden, sondern auch über die Grenzen der menschlichen Fruchtbarkeit, die trotz medizinischer Hilfe begrenzt ist.



Habbema JD, Eijkemans MJ, Leridon H, Te Velde ER.
Realizing a desired family size: when should couples start?
Hum Reprod. 2015 Sep;30(9):2215-21. doi: 10.1093/humrep/dev148. Epub 2015 Jul 15.



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Kommentar

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9 Kommentare

  1. greta schreibt

    faszinierend ist, dass für EIN kind die altersangaben sehr dicht beieinander liegen, mit und ohne IVF.

    versucht man aber, eine größere familie zu gründen, sollte man entweder ab ende 20 hilfe in anspruch nehmen, oder zeitiger anfangen (23), will heißen: mit IVF kriegt man das programm schneller abgespult, man wird schneller hintereinander schwanger, während man un-geholfen oft lange für die folgekinder braucht.

    das ist, denke ich, nicht allen so klar, dass das zweit- und drittkind echt eine klippe sein kann…

  2. dojo schreibt

    Und was soll das nun bringen?

    Ich fange natürlich dann an, wenn es für mich richtig ist, sprich, wenn der Wunsch nach einem (oder eben zwei oder drei) Kind(ern) da ist und die Rahmenbedingungen (zum Beispiel der passende Partner, nicht ganz unerheblich…) stimmen und nicht, wenn es eine Statistik empfiehlt.
    Selten so eine unnütze Statistik gesehen…

  3. Elmar Breitbach schreibt

    Liebe Dojo,

    ich glaube, Sie verwechseln da etwas. Wenn Ihnen diese Studie nichts nützt, dann ist sie nicht automatisch unnütz.

    Ich habe es eigentlich bereits einleitend geschrieben: Diese Ergebnisse könnten zumindest dazu dienen, seine Prioritäten zu sortieren – wenn dies möglich ist.

    Und das weiß halt nicht jede. Schon gar nicht mit solch konkreten Zahlenmaterial. „Ich will unbedingt drei Kinder und zur Not halt mit IVF“ ist offenbar eine problematische Planung.

    Für den Extremfall eines fehlenden Partners ist der komplette Artikel dann in der Tat völlig unnütz.

  4. vilya schreibt

    Man sollte diese Studie vor allem mal den Krankenkassen bzw. dem Bundestag etc. bekannt geben – vor diesem Hintergrund ist nämlich die Beschränkung auf 3 Versuche IVF/ICSI noch weniger sinnvoll als ohnehin schon (bezogen auf demografischen Wandel u. der Förderung von Familien mit Kindern).
    Bin ja froh, zumindestens rechtzeitig angefangen zu haben (1. SS mit frisch 31; 2. will und will nicht klappen…)

  5. ally schreibt

    Ich wusste es immerhin mit 30, dass wir ICSI brauchen und da haben wir auch direkt losgelegt. 2-3 Kinder war unser Wunsch. Jetzt bin ich 40 und habe ein wundervolles Himmelskind und vier winzige Sternchen. ICSI funktioniert nicht mehr. Bleibt nur noch EZS und die Hoffnung, dass sich unser sehnlichster Wunsch nach wenigstens einem Kind hier bei uns nach dann über 10 Jahren hoffen, bangen und Unsummen für Behandlungen ausgeben doch noch erfüllen wird. Wir fallen – mal wieder – aus jeder Statistik 🙁

  6. greta schreibt

    ja, den individualfall deckt es nicht ab. ich schließe mich ally an: mit 30 erste endo-komplikationen, mit knapp 41 endlich EINE eizelle und rahmenbedingungen gehabt, dass es mit lebendem kind klappte.

    aber gut, wir sind ja hier im spezialforum.

    die normalreproduzierer versauen uns da in gewisser weise die statistik….

  7. dojo schreibt

    Ok, ich versuche es mal anders auszudrücken….
    Mit 23 hätte ich bestimmt gesagt, dass ich unbedingt 3 Kinder will, aber sowas wie IVF (wenn ich denn gewusst hätte was das ist) für mich nicht in Frage kommt.

    Wenn ich damals diese Zahlen gekannt hätte, hätten sie vielleicht tatsächlich meine Prioritäten (um)sortiert. Vom medizinischen Aspekt her (im Sinne der Erreichung des erklärten Ziels) vielleicht gut&nützlich. Aber ob es für MICH gut&richtig gewesen wäre, DAS weiß ich nicht.

    Man kann sich für die Zukunft drei Kinder wünschen und trotzdem aktuell noch nicht reif genug für eins sein. Dann ist das eben so und man wartet besser und sollte sich auch nicht durch Zahlen wuschig machen lassen ;-). Oder man wünscht sich nur ein Kind und wenn es da ist, möchte man unbedingt mehr. Manche Ziele ändern sich und Entscheidungen müssen reifen. Auch für eine IVF muss man innerlich bereit sein, das setzt meistens eine längere Kinderwunschzeit voraus. Da bringen einem doch solche Zahlen wenig? Man kann das doch nicht generalstabsmäßig durchplanen.

    Zahlen sind prima, aber manche Dinge im Leben sollte man dann doch nicht von ihnen abhängig machen, die Entscheidung für ein Kind gehört da für mich ganz klar dazu.

    Aber zugegeben… ich schließe vielleicht en wenig zu sehr von mir auf andere.

  8. Steffi schreibt

    Ich wusste schon immer dass ich viele Kinder haben möchte. Und am besten so früh wie möglich!

    Leider ist mir der richtige Partner erst relativ spät über den Weg gelaufen.
    Da war ich 26 Jahre.
    In unserer Kennenlernphase stellte sich heraus , das er ein Geschwür am Hoden hatte, es wurde entfernt und somit auch beide Samenleiter.
    War alles schon befallen, zum Glück war es Gutartig.

    Sind jetzt über 5 Jahre zusammen ,bin grad am Ende meiner ersten IVF / ICSI Behandlung.

    Ich ziehe vor jedem den Hut der das viele Jahre , eine lange Zeit aushält. Da es eine sehr hohe Körperliche und Psychische Belastung ist.

    Die Nebenwirkungen der Hormonspritzen .
    Die Eibläschenentnahme.
    Die Schmerzen danach.
    Spielt alles eine Rolle. Mir Persönlich ging es beschissen.

    Ich habe jetzt schon so viel im Internet darüber gelesen.

    Von niemanden Hört man die Nebenwirkungen.
    Ich hatte z.B. höllische Kopfschmerzen musste dadurch brechen. Total erschöpft.
    Dadurch dass ich Allergiker bin ging es mir noch schlechter.

    Möchte mich nicht beklagen werde es solange versuchen bis es funktioniert.

    Und da Bei der Eibläschenentnahme nur fünf gute waren.
    werde ich alles wieder hinnehmen.
    und jetzt weiß ich ja was auf mich zukommt.

    Mir wurden am 21.10.15 zwei befruchtete Eibläschen mit AA Qualität eingesetzt.

    Und ich warte schon ganz aufgeregt auf den Bluttest, der am 5.11.15 durchgeführt wird.