Kinderwunsch: Nachrichten aus Fach- und Laienpresse

Ein Embryo reicht

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Wieviele Embryonen sollte man sich im Rahmen einer künstlichen Befruchtung einpflanzen lassen, um einen guten Kompromiss zwischen erhöhtem Mehrlingsrisiko und Erfolgschancen einzugehen? Diese Frage treibt viele Paare um und ich hatte hier schon vor einiger Zeit sehr ausführlich dargestellt, dass die Rückgabe von drei Embryonen nur in Ausnahmefällen sinnvoll ist und der Single-Embryo-Transfer in vielerlei Hinsicht die beste Option. Wären da nicht die Kosten.

Aber gerade in dem Land mit den höchsten Kosten für eine küpnstliche Befruchtung – den USA – geht der Trend von den ursprünglich hohen Embryonenzahlen (altersabhängig bis zu sechs) zu einer vorsichtigeren Vorgehensweise, wie heute auch die Ärztezeitung berichtet.

Bei Frauen unter 38 sind auch dort inzwischen zwei Embryonen die übliche Zahl und nun zeigten Kollegen der Universität Iowa, dass man mit der Rückgabe von nur einem Embryo die gleichen Erfolgsraten erzielen kann wie mit zweien.

Da dieser Bericht der Ärztezeitung etwas dürftig ist, habe ich die Zusammenfassung der Originalarbeit gesucht und gefunden.

Dort zeigt sich, dass es sich um eine retrospektive Studie handelt und auch Zyklen mit Eizellen von Spenderinnen dort einbezogen wurden. Außerdem handelt es sich um eine sogenannte Kohortenstudie, es wurden zwei Gruppen verglichen: alle Frauen <38 Jahren bekamen vom Juni '99 bis Mai '04 zwei Embryonen transferiert und vom Juni '04 bis Mai '09 nur einen Embryo (zwingend vorgeschrieben "mandatory"). Da sich diese Studie über 10 Jahre hinzog und sich in dieser Zeit auch die Arbeitsweise eines IVF-Labors ändert (vorzugsweise verbessert), sind die beiden Gruppen nur bedingt vergleichbar, wie auch z. B. in einem Beitrag auf der New York Times kritisch angemerkt wurde.

Dennoch ist die Studie aussagekräftig genug (fast 400 Zyklen in jeder Gruppe), um zeigen zu können, dass sich die Chancen durch den „Single-Embryo-Transfer“ (SET) im Vergleich zum „Double-Embryo-Transfer“ nicht verminderten: nach Einführung des SET stiegt die Lebendgeburtenrate sogar von 51% auf 55% an, während sich die Mehrlingsschwangerschaftsrate halbierte.

Hoppla!? Mehrlingsschwangerschaftsrate? Wenn man nur einen Embryo transferiert? Man beachte die Einschlusskriterien für die Studie und den SET: Keine Fehlversuche in der Vorgeschichte (in dem Studienzentrum, also meist Erstbehandklungen), mindestens 7 befruchtete Eizellen und eine guter Blastozyste. Da diese Kriterien nicht von allen Frauen erreicht wurden, gab es natürlich weiterhin auch Transfers mit mehreren Embryonen. Diese positive Auswahl erklärt auch z. T. die guten Erfolgsraten der Behandlungen.

Dies ist nicht die erste Studie mit guten Erfolgsraten beim Single-Embryo-Transfer, in Skandinavien kann man diesbezüglich bereits von einer langjährigen und guten Tradition sprechen. Und auch der Druck auf deutsche Reproduktionsmediziner wächst.

Was ich dennoch ganz allgemein nie verstehen werde ist die Vorgehensweise der Presse bei der Veröffentlichung solcher Studien: Die Ergebnisse werden 1 zu 1 unkritisch übernommen und auf Mängel im Studiendesign (hier zweifelsohne vorhanden) wird viel zu selten hingewiesen. Denn diese Publikation wurde in der US-Presse sehr unkritisch „gehyped“.

Kresowik JD, Stegmann BJ, Sparks AE, Ryan GL, van Voorhis BJ
Five-years of a mandatory single-embryo transfer (mSET) policy dramatically reduces twinning rate without lowering pregnancy rates
Fertility Sterility doi:10.1016/j.fertnstert.2011.09.007

Ergänzend ein Artikel von Reuters


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Kommentar

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10 Kommentare
  1. Schnuffelkeks** schreibt

    Ich war vor kurzem noch mit Zwillingen schwanger, habe die beiden in der 22ssw wegen vorzeitigen blasensprung verloren, keine infektion … _Da bei uns die 1. icsi direkt geklappt hatte, werden wir beim nächsten mal SET machen … was die meisten einfach nicht wissen wie hoch das risiko bei mehrlingen wirklich ist .. nur 2 wochen später verlor noch eine ihre zwilllinge in der 24 ssw, wegen nicht aufzuhaltenen wehen. egal wie hoch die kosten augenscheinlich sind … wir haben dadurch 2 kinder verloren … dann besser nur 1 embryo und erstmal ein negativ riskieren, dass nicht annäherd so schmerzt

  2. SchokoNL schreibt

    Ich lebe in Holland und hab mich hier auch erfolgreich behandeln lassen und mir wurde sowohl beim ersten als auch beim zweiten (erfolgreichen) IVF-Versuch nur ein Embryo rückübertragen. Soweit ich weiss, ist hier normal bzw. üblich, dass Frauen unter 35 nur ein Embryo zurück bekommen. Erst beim dritten Versuch darf es auch einer o. zwei mehr sein. Ich durfte mir die Anzahl jedenfalls nicht aussuchen, mit dem Hinweis, ich wäre noch zu jung. Ich war bei der zweiten IVF 32. Auch hier in Holland wird das Risiko, dass aus einer Mehrlingsschwangerschaft hervor geht sehr ernst genommen und man versucht sie zu vermeiden, indem bis zu einem bestimmten Alter nur ein Embryo zurück transferiert wird. So die Begründung meiner Ärztin…

  3. Rebella schreibt

    Ja, so ist es SchokoNL. Holland hat dazu vor ein paar Jajren ein Kozept aufgesetzt. Und damit sparen sie noch Kosten. Die Kosten für die Folgeschäden aus Mehrlingsschwangerschaften konnten somit minimiert werden.

  4. Elmar Breitbach schreibt

    @ Rebella: Verwechseln Sie das nicht mit dem “Belgische Rückerstattungsmodell”, welches seit 2003 in Kraft ist? Ich hatte hier kurz darüber berichtet. Oder ist das in Holland nun ähnlich geregelt?

  5. Sporky schreibt

    Wir haben auch Zwillingssöhne nach einer erfolglosen ICSI und Kryo. Als wir gesehen haben wie die beiden sich entwickelt haben als Embryo, haben wir auch gedacht, dass das auch mit einem geklappt hätte.
    Allerdings kann und will ich mir gar nicht vorstellen, wie es mit „nur“ einem wäre. 🙂
    Ich will keinen der beiden missen und das wir uns für 2 entschieden hatten damals, bereuen wir in keinster Weise.

  6. SchokoNL schreibt

    Ich weiß nicht genau, in wie weit das ganze in NL allgemein geregelt wurde. Ich hab allerdings standardisierte Papiere unterschrieben, wo ganz einfach nur nach Alter und Versuchsanzahl entschieden wurde. Die Gründe für die bisherige Kinderlosigkeit haben weiter keine Rolle gespielt bei der Entscheidung, wie viele Embryos rückübertragen werden. Ich war in einem öffentlichen Krankenhaus und nicht in einer Privatklinik.

  7. Elmar Breitbach schreibt

    @ SchokoNL: OK, danke für die Info.

  8. Rebella schreibt

    @Doc: Ich hatte es so bei mir abgespeichert, will aber keine Verwirrung stiften. Holland und Belgien liegen so dicht beieinander, dass ich es durchaus auch verwechselt haben kann. Sorry!

  9. Elmar Breitbach schreibt

    @ Rebella: Macht doch nichts. Interessierte mich nur und wäre natürlich auch grundsätzlich hilfreich, wenn man für die (auch finanzielle) Unterstützung des SET werben möchte.

  10. […] abgesehen davon, dass man (wenn die Kosten nicht wären) sogar eher den “Single Embryo Transfer” bevorzugen sollte, stellt sich also die Frage, in welchem Alter der dritte Embryo nicht nur Risiken birgt, sondern […]