Die Krebsfalle

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Unter dem leider sehr reißerischen Titel “Krebsfalle unerfüllter Kinderwunsch?” hat Martina Lenzen-Schulte einen Artikel in der FAZ geschrieben, der auf die Problematik des erhöhten Krebsrisikos nach Hormonbehandlungen eingeht. Obwohl ich die kritischen Artikel von Lenzen-Schulte durchaus oft lesenswert finde – so auch diesen – muss ich jedoch monieren, dass die Überschrift Bildzeitungsniveau hat. Die Angst, welche die Überschrift ausgelöst, führt die darauf folgende differenzierte Betrachtung ad absurdum und der betroffene Leserin bleibt vermutlich nur die “Krebsfalle” im Gedächtnis.

Im Folgenden möchte ich auf das, was Lenzen-Schulte schreibt, einmal etwas auseinanderdröseln und dabei auf einige Artikel verweisen, die ich selbst zu diesem Thema bereits geschrieben habe.

Die Whittemore-Studie

Anfang der neunziger Jahre deuteten einige Untersuchungen darauf hin, dass eine solche Behandlung das Risiko, einen Eierstockkrebs oder andere Tumoren wie Brust- und Gebärmutterkrebs zu entwickeln, deutlich erhöht. Aus später nachfolgenden Studien zog man jedoch den Schluss, dass der Verdacht vermutlich unbegründet ist.

Dazu der Verweis auf den Artikel im Theorie-Teil. Bei der hier angesprochenen Studie handelt es sich also um die “Whittemore-Studie” von 1992. Diese Studie war eine retrospektive Betrachtung, die zunächst alamierend war. Differenzierte man jedoch die Patientinnen nach dem Grund für die Behandlung, so zeigte sich, dass bestimmte hormonelle Störungen (weshalb ja die Behandlung erfolgte) per se mit einem erhöhten Karzinom-Risiko einghergeht und bei den erfolgreich behandelten Frauen (=Schwangerschaft) die Karzinomrate sogar niedriger war als in der Durchnittsbevölkerung. Ein direkter Zusammenhang mit den verabreichten Medikamenten also nicht bestand.

Die Brinton-Studie

Der Artikel in der FAZ bezieht sich auf eine aktuelle Übersichtsarbeit von Louise Brinton vom National Cancer Institute in Rockville (USA) in der Zeitschrift „Reproductive Bio Medicine“. Diese


kommt zu dem Ergebnis, dass noch immer nicht alle Zweifel an der Sicherheit der Präparate ausgeräumt sind.

Dieser Artikel beginnt ebenfalls mit der Whittemore-Studie und weist auch darauf hin, dass die Folgestudien zu beruhigenden Ergebnisse führten: Subsequent studies have been mainly reassuring, although some have suggested possible risk increases among nulligravid women, those with extensive follow-up, and for borderline tumours.

Eierstockskrebs
Einige Studie wiesen demzufolge darauf hin, dass das Krebsrisiko für Frauen ohne Geburt höher ist (siehe oben), Frauen mit Borderline-Tumoren des Ovars ein höheres Risiko haben und die Krebsinzidenz um so höher ist, je länger man die Frauen in den Studien nachverfolgt.

Ersteres ist also keine neue Erkenntnis, die Borderline-Tumoren sind sehr selten, wenngleich man an einen solche Erkrankung immer denken muss und ohne Einschränkung ist zuzustimmen, dass man die mit Hormonen behandelten Patientinnen über einen möglichst langen Zeitraum nachzuverfolgen sind, um auch später auftretende Risiken ausschließen zu können.

Brustkrebs
Brinton weist darauf hin, dass der Zusammenhang mit Brustkrebs nicht hergestellt werden kann. Es gibt diesbezüglich Studien mit unterschiedlichen Aussagen, wobei erhöhte Risiken jedoch nur spezielle Untergruppen aufweisen.

Gebärmutterkrebs
Ein Zusammenhang zwischen Gebärmutterkrebs und Clomifen ist in verschiedenen Studien herstellbar, jedoch sei von meiner Seite die Bemerkung erlaubt, dass Clomifen natürlich vornehmlich Frauen ohne einen regelmäßigen Eisprung gegeben wird und diese ohne Therapie zu einer Veränderung der Gebärmutterschleimhaut (adenomatösen Hyperplasie) neigen, die ein Risikofaktor für das Entstehen von Gebärmutterschleimhautskrebs (Endometriumkarzinom) ist. Es ist unklar, wie hoch der Anteil des Clomifen am Entstehen der Erkrankung ist.

Die Dänische Studie

Lenzen-Schulte wies in diesem Zusammenhang auf eine aktuelle Studie hin, jedoch ohne sie direkt zu zitieren:”Das Risiko für die Entwicklung eines Brustkrebses infolge einer künstlichen Befruchtung erhöht sich nur dann, wenn zusätzlich Progesteron bei der Stimulation verwendet wird.”

Diese Studie aus Dänemark hatte ich bereits hier vor einem Monat vorgestellt: Betrachtete man alle Patientinnen in dieser Studie zusammen, dann zeigte sich kein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Brustkrebs nach Anwendung von Gonadotropinen, hCG, Clomifen oder GnRH. Die Zahl der Behandlungen hatte ebenfalls keine negativen Auswirkungen.

Wurde jedoch Progesteron verwendet, kam es zu einer erhöhten Inzidenz von Brustkrebs in Folge der Behandlung. Nicht auszuschließen ist eine geringfügige Erhöhung bei Frauen, die Gonadotropine erhielten und vorher noch nie schwanger waren. Die dänischen Wissenschaftler schlussfolgerten, dass man die beiden genannten Risikogruppen gesondert einer
Langzeitbeobachtung unterziehen sollte.

Isaelische Studie

Außerdem wird noch eine israelische Studie erwähnt, bei der Eierstockszellen den Gonadotropinen ausgesetzt wurden, die üblicherweise zur Stimulation der Eierstöcke verabreicht werden. Eine gesteigerte Produktion von Wachstumsfaktoren war die Folge. es ist immer ziemlich schwierig, die Ergebnisse einer Untersuchung mit Zellkulturen auf den ganzen Menschen oder auch nur auf ein Organ zu übertragen. Sicherlich sollten solche Ergebnisse ein Grund für erhöhte Wachsamkeit sein, sind jedoch in Anbetracht der aktuellen Studienlage ebenfalls kein Anlass zur Sorge.

Schwedische Studie

Ebenfalls hier bereits präsentiert ist eine Studie, in der eine große Zahl von Frauen nach einer IVF-Behandlung nachbeobachtet wurde. Deren Ergebnisse waren ebenfalls beruhigend:
Erkrankungen des Gebärmutterhalses waren ca. um den Faktor 0,8 niedriger und Brustkrebserkrankungen um den Faktor 0,7 nach drei Jahren bei den Frauen mit einer IVF in der Vorgeschichte verglichen mit der normalen Bevölkerung.

Die relativ kurze Nachbeobachtungszeit lässt noch keine abschließenden Aussagen zu, jedoch ist gegenwärtig davon auszugehen, dass nach einer IVF-Behandlung und Geburt das Krebsrisiko unverändert ist und im Falle des Brustkrebs sogar signifikant niedriger als ohne eine solche Behandlung in der Vorgeschichte.

Hormone stören die Einnistung

Frau Lenzen-Schulte schreibt weiter:

Es gibt inzwischen Belege, dass die Qualität der ohne Hormonstimulation herangereiften Eizellen deutlich besser ist. Es zeigte sich außerdem, dass die Hormongabe dem Embryo die Einnistung verwehrt. Das molekulargenetische Muster der Schleimhautzellen ist dann nämlich nicht wie bei der natürlichen Empfängnis für einen freundlichen Empfang zusammengesetzt, sondern eher ungünstig, so wie in der unfruchtbaren Periode des Zyklus.

Es gibt inzwischen Belege” klingt für den hastigen Leser wie “es ist belegt“. Das ist aber keinesfalls so: Man nach Kenntnis der der aktuellen Studien nur zum Teil zustimmen. Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass eine hochdosierte Hormongabe für die Einnistung von Nachteil sein kann, da hohe Östrogenwerte das Endometrium nachteilig verändert. Es gibt jedoch keine Belege dafür, dass die Qualität der Eizelle oder der Gebärmutterschleimhaut ohne eine Stimulation besser ist als mit einer richtig dosierten.


Das liebe Geld

Erst wird Arztschelte betrieben: Zunächst sei der Profit der Reproduktionsmediziner geringer. Solange die Ärzte die Medikamente nicht selbst verkaufen, haben sie davon finanziell keine Vorteile. Für eine Behandlung ohne Hormongaben würde sogar sprechen, dass man häufiger therapieren muss als mit einer Stimulation und daher dann mehr zu verdienen wäre.

Schließlich trügen auch die Krankenkassen hierfür Verantwortung. Da sie die Zuzahlung auf eine bestimmte Anzahl von Versuchen beschränkten, trieben sie Ärzte und Paare dazu, gleich zu Beginn der Behandlung so viele Eizellen wie möglich gewinnen zu wollen.

Brinton L.
Long-term effects of ovulation-stimulating drugs on cancer risk.
Reprod Biomed Online. 2007 Jul;15(1):38-44

Martina Lenzen-Schulte
Krebsfalle unerfüllter Kinderwunsch?
F.A.Z., 25.07.2007, Nr. 170 / Seite N2



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