Neue Normwerte der WHO für Spermienuntersuchungen

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Die Normwerte für die Untersuchung des Ejakulats (Spermiogramm) werden durch die Weltgesundheitsorganisation festgelegt und beruhen auf den Untersuchungsergebnissen von fruchtbaren Männern. Nun ist die 5 Auflage des Handbuchs „WHO laboratory manual for the Examination and processing of human semen“ herausgekommen und bringt eine Menge Neuerungen mit sich, vor allem hinsichtlich der Normwerte.

Spermien unterm Mikroskop
Spermien unterm Mikroskop

Nun ist vorab zu sagen, dass es sich hier nicht um Normwerte handelt, bei deren Unterschreiten automatisch von einer männlichen Unfruchtbarkeit auszugehen ist. Auch Männer, deren Spermienqualität diese Werte unterschreitet, können Kinder bekommen. Jedoch sind die sogenannten WHO-Parameter eine weltweit gültige Richtlinie zur Beurteilung der männlichen Fruchtbarkeit und erlaubt es, diese standardisiert zu beurteilen und zu vergleichen.

Im neuen Handbuch wurden einige Werte (vor allem nach unten) korrigiert und die Beurteilung der Morphologie geändert wurde. Hier werden jetzt die sogenannten „strict criteria“ angewendet, was sich in den Nomwerten besonders niederschlägt, wie weiter unten noch ausgeführt wird.

Änderung der Normwerte

Die neuen Normwerte im Einzelnen (bisher gültige Angaben in Klammern)

Ejakulatvolumen: 1,5 ml (2ml)
Gesamtspermienzahl: 39 Millionen (40 Millionen)
Spermienkonzentration: 15 Millionen/ml (20 Millionen/ml)
Anteil beweglicher Spermien: 40% (50%)
Anteil vorwärtsbeweglicher Spermien: Es wird nicht mehr zwischen schnell und langsam vorwärtsbeweglichen Spermien unterschieden (sog. WHO a und WHO b). Es sollen mindestens 32% der Spermien vorwärtsbeweglich sein (50%)
Anteil lebender (vitaler) Spermien: 58% (75%)
Anteil normalgeformter Spermien (Morphologie): 4% (30%)

Der gravierendste Unterschied findet sich bei der Beurteilung der Morphologie. Da diese Normwerte bei fruchtbaren Männern gefunden wurden, zeigt sich, dass die äußerliche Beschaffenheit der Spermien einen wesentlich geringeren Einfluss hat, als man bisher angenommen hatte, eine These, die wir hier ja auch immer wieder bei Fragen im Forum vetraten.

Die zweite wesentliche Änderung betrifft die Beweglichkeit. Auch wurde die Beurteilungsgrundlage geändert (WHO a+b wurden zusammengefasst) und die Normwerte vermindert. Nun reichen knapp ein Drittel vorwärtsbeweglicher Spermien, unabhängig von der Geschwindigkeit.

Bis diese Werte allerorts Eingang in die Beurteilung von Spermiogrammen findet, wird erfahrungsgemäß ein längerer Zeitraum ins Land gehen. Eine vollständige Version des neuen WHO-Handbuchs zum Selbstnachlesen gibt es hier als PDF-Datei, die Normwerte finden sich auf Seite 239 (Table A1.1)

WHO laboratory manual for the examination and processing of human semen
Fifth edition
Number of pages: 287
Publication date: 2010
Languages: English
ISBN: 978 92 4 154778 9



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Kommentar

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21 Kommentare

  1. me!! schreibt

    Wenn sich die Normwerte jetzt so gravierend ändern liegt mein Mann fast im Normbereich. Krass!! Das reisst die KIWu- Praxen doch in den Ruin. Dann haben doch jetzt prinzipiell alle Pärchen mehr Chancen auf ne spontane Schwangerschaft, die vorher noch ICSI- Kandidaten waren. Klar, vorrausgesetzt, die Ursache liegt nur bei Mann und es muss etwas mehr Zeit in die „Übungszeit“ investiert werden.
    Gefällt mir!!! 🙂

  2. Elmar Breitbach schreibt

    Nein, der Ruin der Kinderwunsch-Praxen ist das sicherlich nicht. Man wird durch Änderung der Normwerte ja nicht schneller schwanger.

  3. Blume1975 schreibt

    Spannend. Gemäß Spermiogramm meines Mannes waren / sind wir auch Icsi – Kandidaten. Hierüber haben wir ja zwei Kinder bekommen. Nach meinem zweiten Kind sind zwei Spontanschwangerschaften eingetreten,obwohl nach alter Richtlinie wir immer noch Icsi-Kandidaten waren. Nach der neuen Richtlinie wäre es vielleicht eine Erklärung? Danach wäre es zwar auch nicht mehr Normal, aber auch nicht mehr so schlecht.

  4. Elmar Breitbach schreibt

    @ Blume: Dass trotz vorheriger ICSI-Behandlung auch bei sehr schlechten Spermiogrammen auch in der Folge noch spontane Schwangerscahft eintreten, das gibt es immer wieder. Man darf jetzt nicht den Eindruck entstehen lassen, dass man bisher übertherapiert hat. Denn auch nach den neuen Werten sind 99% aller durchgeführten ICSI-Therapien weiterhin indiziert. Lediglich jene, die ausschließlich aufgrund der schlechten Morphologie durchgeführt wurden, sollte man hinterfragen

  5. Tonihase schreibt

    Wow,
    dann ist das bisher mittelmäßige SG meines Mannes (der aber 3 Kinder hat, davon eins mit mir) ja plötzlich völlig ok. Da scheint es doch gerechtfertigt zu sein, diese neuen Normwerte festzulegen. Mein Mann war schon ganz geknickt und das obwohl ich nach unserem Sohn noch 3x SS war (leider 3x FG). Wird er sich aber freuen, wenn ich ihm heute sage, er ist völlig im Rahmen. Danke für die Info.

  6. Jule schreibt

    Hoffentlich wird es dann nicht schwieriger bei der Kostenübernahme der Krankenkassen. Wenn bei Werten ,die eigtl. bisher eine ICSI indizieren, nun fast ein nur leicht oder gar nicht eingeschränktes SG vorliegt..oje

  7. Erdknubbel schreibt

    Na das wird meinem Mann gefallen,
    dann ist er doch nicht so „unmännlich“ wie er immer gesagt hat.
    Ich denke, dass es bei vielen einfach Balsam auf der Seele sein wird.
    @Jule,
    dass würd mich auch interessieren.
    Wie schnell springen die KK dann ab?!?!

  8. Elmar Breitbach schreibt

    @Jule: guter Punkt. Deswegen sehe ich das auch eher als problematisch an.

  9. sani76 schreibt

    @Jule: genau das war auch mein erster Gedanke, da können die KKs wieder Geld sparen.
    Da gibt es also in Zukunft nicht mehr so viele unfruchtbare Pärchen….
    tja wenn uns diese Statistik jetzt noch schneller ss machen würde…

  10. Toska007 schreibt

    Ich sehe das auch nicht unbedingt positiv, denn auch wenn mein Mann jetzt – was das Volumen und die Morphologie betrifft – wieder im „Sollbereich“ ist bin ich leider nach ueber 18 Monaten GV nach Plan immer noch nicht SS!!! Ich denke nicht dass wir jetzt um unsere geplante IVF herumkommen nur weil wir wieder „fast“ normal sind!!!

    Frage an den Doc: hat diese Aenderung Einfluss auf die Werte die zu IUI, IVF und ICSI Indikation fuehren???

  11. Tonihase schreibt

    Ja, diesen Punkt hat unsere Kiwu-Doc auch angesprochen, als sie uns erzählte, dass die WHO gerade über neuen Normwerten brütet. Einerseits ja erfreulich, dass auch niedrigere „Anforderungen“ als fruchtbar angesehen werden können, aber ihre Bedenken gingen auch dahin, dass sich noch niemand überlegt hat, was das für die KK bedeutet und ob die dann vermehrt nein sagen falls auch die ICSI/IVF Indikatoren nach unten geschraubt werden. Kann man nur hoffen, dass auch noch andere Faktoren wie z.B. der von Toska007 eine Rolle spielen. Sprich die lange Zeit vergeblichen Versuchens.

  12. Elmar Breitbach schreibt

    @ Toska: nein, es hat keinen Einfluss auf die Indikationsstellung. Abgesehen von den Kollegen, die die häufiger aufgrund einer schlechten Morphologie eine ICSI durchführten.

    @ Tonihase: Wer länger als 5 Jahre probiert, hat mit einfachen Methoden leider kaum eine Chance. Daher sehe ich das auch so. Eine lange Wartezeit sollte auch als alleinige Indikation ausreichend sein.

  13. Weihnachtsgans schreibt

    Die neuen Normwerte sind eine Katastrophe! Danach wären wir je nach Spermiogramm schon im Normbereich. Die KK werden sich die Hände reiben.
    Wie kann das sein, dass die Normwerte so niedrig angesetzt werden, dass man damit nicht schwanger werden kann? Wir sind mit fast den gleichen Werten jedenfalls ICSI-Kandidaten und in drei Jahren nicht schwanger geworden.

  14. Elmar Breitbach schreibt

    Die Werte beruhen auf Spermiogrammen fertiler Männer. Das hat sich niemand einfach mal eben so ausgedacht. Die Folgen sehe ich ebenso kritisch

  15. Weihnachtsgans schreibt

    Interessant wäre, was genau als „fertil“ definiert wird. Wie hoch muss die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit dafür sein? Wie lange Wartezeit ist bei diesen Normwerten Durchschnitt? Das Alter der Frau wird hier die Grenze setzen.

  16. Buntspecht schreibt

    @Weihnachtsganz: Die Referenzgruppe setzte sich aus Männern zusammen, deren Partnerinnen innerhalb eines Jahres schwanger wurden.

  17. grueneGurke schreibt

    Bin ich froh, dass meine KiWu noch mit den alten WHO Normen arbeitet!

  18. Neue Richtlinien zur Kostenübernahme bei ICSI

    […] da liegt nun das Problem: Die WHO-Richtlinien zur Bestimmung der Spermienqualität wurde 2010 geändert. Dabei fiel die Differenzierung zwischen sehr schnell vorwärtsbeweglichen Spermien (WHO A) und […]