Ab wann sollte man Einnistungsstörungen abklären?

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Die im Titel gestellte Frage ist auch unter Zuhilfenahme tausender zu diesem Thema publizierter wissenschaftlicher Artikel nicht beantwortbar. Es geht schon damit los, dass man hinter dem Ausbleiben einer Schwangerschaft nach einer künstlichen Befruchtung nicht zwingend eine Einnistungsstörung vermuten muss. Und wenn doch: Welche Maßnahmen sollte man wann durchführen? Diese Frage wurde kürzlich im Forum gestellt und meine Antworten darauf möchte ich den Lesern dieser News nicht vorenthalten.

Frage: Ich mache mir Sorgen um die Möglichkeit der Einnistungsstörung. Nach wie vielen missglückten IVF-Behandlungen geht man dem Verdacht nach?

Antwort: Eine Abklärung von Einnistungsstörungen ist nur dann sinnvoll, wenn man nicht mehr „nur“ Pech, sondern einen systematischen Fehler annehmen muss, der die Einnistung nach einer künstlichen Befruchtung behindert. Bei idiopathischer (ungeklärter) Sterilität ist sicherlich auch bereits im Vorfeld die Abklärung nachweislich einflussnehmender Faktoren sinnvoll, also eine Gebärmutterspiegelung, Phospholipidantikörper, Schilddrüsenscreening incl. Antikörper, um nur einige Parameter zu nennen, die zu Fehlgeburten führen können. Es ist jedoch nur ein theoretisches Konstrukt und keinesfalls bewiesen, dass Faktoren, die eine Fehlgeburt begünstigen, tatsächlich auch die Einnistung im Rahmen einer IVF stören.

Bei anderen Parametern ist die Relevanz ohnehin mehr als umstritten. Dazu gehören auch verschiedene Gerinnungsfaktoren, KIR-Rezeptoren, Natürliche Killerzellen und viele andere mehr. Diese Untersuchungen sind – wenn überhaupt – erst dann indiziert, wenn die Vorgeschichte des betroffenen Paares die Trennung von Zufallsbefund und pathologischem Ergebnis erlaubt.

Zahlreiche Ursachen für Einnistungsstörungen sind bekannt. Welche davon sind jedoch relevant?
Zahlreiche Ursachen für Einnistungsstörungen sind bekannt. Welche davon sind jedoch relevant?
Beispiel: 15% aller Westeuropäer haben eine Mutation des Gerinnungsfaktors V (römisch 5) auch „Leiden“-Faktor genannt. Natürlich gibt es viele Frauen, die problemlos schwanger wurden und blieben, trotz einer solchen „Erkrankung“. Eine Behandlung ist also grundsätzlich erst einmal nicht notwendig. Und natürlich auch kein Screening der Bevölkerung, weil sich keine therapeutische Konsequenz daraus ergibt. Habe ich aber eine Frau mit mehreren Fehlgeburten oder 2-3 erfolglosen IVF-Behandlungen, dann ist die Gabe von blutverdünnenden Medikamenten durchaus zu rechtfertigen. Aber auch nur dann.


Frage: Welche anderen Indizien außer erfolglosen IVF-Behandlungen mit eigentlich aussichtsreichen Transfers gibt es für Einnistungsstörung?

Antwort: Keine. Man mus in aller Konsequenz sogar die Frage stellen, ob es Einnistungsstörungen im hier diskutierten Sinne überhaupt gibt (o. g. Phosphlipidantikörper, Schilddrüsenscreening incl. Antikörper und Fehlformen der Gebärmutter mal ausgenommen) oder ob es vor allem eine Frage des richtigen Embryos ist, der entweder dabei ist oder eben nicht.

Aufgrund der erheblichen Belastung (Finanziell, körperlich und psychisch) lässt sich dieses Problem natürlich nicht so einfach abtun. Man möchte eine Ursache für den Misserfolg finden (und behandeln). Das führt dann zu umfangreicher Diagnostik und Therapie, wobei ich persönlich davon ausgehe, dass 90% aller Maßnahmen zur Einnistungsunterstützung nicht notwendig wären, aber als Resultat eines aus genannten Gründen nachvollziehbaren Aktivismus trotzdem durchgeführt wird. Ich selbst nehme mich da absolut nicht aus.

Wenn ich in diesem Zusammenhang auch auf meinen Artikel „warum klappt es eigentlich nicht“ verweisen dürfte, in dem auch noch ein wenig (Erfolgs-)Statistik geboten wird.

Frage: Läuft die Kostenübernahme von drei Versuchen bei der GKV erneut an, wenn in Sachen Einnistungsstörung eine (späte) Diagnose erfolgt?

Antwort: Nein. Was aber rein wissenschaftlich nicht der späten (aber zeitgerechten) Diagnose vorzuwerfen ist, sondern dem Gesundheitssystem, welches diesen medizinischen Voraussetzungen nicht Rechnung trägt und die Kostenübernahme auf drei Behandlungen limitiert, obwohl dies statistisch keinesfalls begründbar ist.

Das ist aber leider das Dilemma aus dem sich gleich die nächste Frage ergibt

Frage: Warum scheuen Kinderwunschpraxen, dieses Thema rechtzeitig anzugehen? Weniger profitabel, nur begrenzte Quote,…?

Antwort: „Rechtzeitig“ unter Berücksichtigung der Kostenübernahme wäre die komplette Einnistungsdiagnostik bereits vor Beginn der künstlichen Befruchtung. In letzter Konsequenz sogar bereits sogar mit Einnahme der ersten Folsäuretablette ab Beginn des Kinderwunschs. Leider kollidiert dies mit dem, was wir wissenschaftlich zu diesem Thema wissen. Zu einem so frühen Zeitpunkt ist eine solche Diagnostik weder indiziert noch hat sie therapeutische Konsequenzen.

Die Kinderwunsch-Praxen scheuen sich also nicht davor, das Thema rechtzeitig anzugehen. Sie scheuen lediglich, es zu früh zu tun, um unnötige Untersuchungen und möglicherweise nebenwirkungsreiche sinnlose Behandlungen zu vermeiden.

Meist wird als Kompromiss aus allem oben Geschriebenem nach zwei künstlichen Befruchtungen die Einnistungsdiagnostik komplettiert. Das ist wissenschaftlich weder richtig noch falsch, aber angemessen.

Foto von http://snow.ipernity.com



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Kommentar

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6 Kommentare

  1. Luzie*** schreibt

    Danke für diese sehr schöne Zusammenfassung.

  2. gruenegurke schreibt

    Bitte auch den Vitamin D Spiegel beachten.

    Ansonsten schoen zusammengefasst.

  3. Elmar Breitbach schreibt

    @ GG: Der Vitamin-D-Spiegel ist die aktuelle Hype, das stimmt 😉

  4. Greta schreibt

    gut, ich erwähne nochmal die folsäure und vielleicht aspirin 😉
    ansonsten natürlich das wiki 🙂 da ist einiges dazu nachzulesen. falls man was machen WILL.

    so kurz vor 40, oder kurz vorm 3. versuch 🙂

  5. jana schreibt

    Was ist den eine Wiki?