Eine Weihnachtsgeschichte: Was man jemandem in IVF-Behandlung NICHT sagen sollte

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Bild von Tommy Hemmert Olesen [flickr]
Weihnachten kann als Familienfest für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch eine ziemlich stressige Veranstaltung werden. Aber nicht nur für die direkt Betroffenen, sondern auch für die Verwandtschaft. So sicher wie das Flötenspiel der Nichten und Neffen kommen die ungeschickten Bemerkungen. Hier eine Sammlung von Klassikern und warum man sie vermeiden sollte.

Eine Weihnachtsgeschichte

Weihnachten naht, das Fest der Liebe und Verwandtenbesuche. Es kommt auch deine Schwester zu Besuch. Schließlich hat sie ja keine Kinder und kann die 800 km quer durchs Land ja mal fahren,  um dich und deine drei verzogenen Bratzen gottgefällige Kleinfamilie zu besuchen. Und sie hat ja auch keine Freund. Also keinen richtigen, denn der fährt ja tatsächlich zu seinen Eltern, schließlich hat er ja auch keine Kinder.

Nein, es ist völlig OK, wenn deine Schwester den ganzen Weg fährt. Eure Eltern sind ja schließlich auch bei Euch. Wegen der Enkelkinder. Da kannst du ja nichts für, dass sie keine Kinder hat und eure Eltern deine Schwester immer eher so links liegen lassen. Immerhin bist du ja die heilige Mutter Maria und da müssen die heiligen drei Könige schon zusehen, wenn sie Eure  drei verzogenen Bratzen Christkindlein zu Gesicht bekommen möchten. War damals schon so und hat sich nicht geändert. Und mal ehrlich: Mit der Aufgabe, lauwarmen Kartoffelsalat und kalte Bockwürste ein angemessenes Weihnachtsmahl zu bereiten, wäre Deine Schwester doch schon heillos überfordert. Karrieretussi.

Nein, es ist schon gut so, wie es ist. Obwohl eins natürlich nicht so gut ist. WARUM hat sie eigentlich noch keine Kinder? Sie ist ja auch nicht mehr die jüngste. Auch wenn ihr euch in den letzten Jahren ziemlich auseinander gelebt haben und kaum noch miteinander redet, DA willst du sie schon mal drauf ansprechen. IVI soll sie ja jetzt machen, oder wie das heißt, also diese künstliche Befruchtung.

„Also für mich wäre das ja nichts“, denkst du. „Eher hätte ich auf Kinder verzichtet, bevor ich mich da künstlich befruchten lasse. Wie das schon klingt, wie beim Bauern irgendwie. Nein, ich weiß ja, wie es geht, ich denke,


Sie wird doch ein paar gute Tipps gebrauchen können!

Hm. Ich will es mal ganz vorsichtig formulieren: Nein, wird sie nicht. Und schon gar nicht von dir. Nicht, weil du nicht empathisch bist. Natürlich bist du empathisch. Schließlich hast du ja Katzen. Und Kinder, die Kinder nicht zu vergessen.

Nein, wir wissen alle, dass du es nicht böse meinst. Warum aber dann immer wieder die Wutausbrüche und Heulanfälle deiner Schwester, fragst du dich? Die knallenden Türen? Du hast es doch nur gut gemeint, schließlich willst du ja auch mal Tante werden? Du willst es also wirklich wissen? Dann erklären wir es dir mal. Was waren das noch einmal für Tipps, die du letztes Weihnachten unbedingt loswerden musstest?


Warum adoptiert Ihr eigentlich nicht?

Damit bis du gleich in die Vollen gegangen. Keine Tipps mehr zum schwanger werden, nein gleich „all in“. Genau, und eure Mutter hängte sich gleich dran mit:“Es gibt so viele Waisenkinder auf dieser Welt, die sich ein zu Hause wünschen. Da solltet ihr mal drüber nachdenken.“ Irgendwie war ihr dabei bestimmt auch ein wenig weihnachtlich zumute. Waisenkinder, da wird einem doch gleich ganz warm ums Herz. „Wir würden auch ein Vietnamesenkind als Enkel nehmen. Aber lieber ein Mädchen.

Natürlich hat deine Schwester schon mal darüber nachgedacht. Und nicht nur einmal. Sie hat sich sogar schon ausführlich erkundigt. Leider ist es sehr viel schwieriger, als man denkt. Möchte man in Deutschland adoptieren, muss man vor dem Jugendamt komplett die Hosen herunterlassen. Dagegen ist nicht wirklich etwas zu sagen, aber es dauert ewig. Und ja, es hat auch etwas Inquisitorisches. Über die schlechten Chancen braucht man da oft gar nicht mehr zu reden.

An die Oma in spe: Viele Entwicklungsländer lassen Auslandsadoptionen nicht mehr zu. Und wenn, dann nur unter strengen Kriterien. Und in den Ländern, wo es noch einfach ist, möchte man eher nicht hinter die Kulissen schauen. Sich eines Markts zu bedienen, heißt leider auch, diesen am Laufen zu halten.

Wunder gibt es immer wieder. Und du erzählst ihr davon.

Deine Nachbarin hat dir von ihrer Cousine erzählt, bei  der die Freundin der Schwägerin auch nicht schwanger wurde. Und nachdem sie sich zehnmal hat künstlich befruchten lassen, ist sie dann einfach so schwanger geworden. Nachdem sie damit abgeschlossen und losgelassen hatte. „Und Donatello ist jetzt drei Jahre alt„. Eine herzerwärmende Geschichte, das muss ihr doch Hoffnung geben. „Ja, du musst dich nur mal entspannen, Kind“ fügt eure Mutter noch hinzu.

Nein, es wird das Herz deiner Schwester nicht erwärmen. Sie hat diese Geschichte auch bereits hundertmal in diversen Variationen gehört. Sie vermutet übrigens, dass es nur eine Frau gibt, bei der das passierte. Man sagt ja, dass man jeden Menschen auf der Welt über 7 andere kennt. Diese eine Frau reicht also als Beispiel für alle kinderlosen Schwestern dieser Welt als Vorbild. Wenn du ihr erzählst, die Nachbarin sei vom Blitz getroffen worden, würde sie das ebenso beeindrucken.

Eins aber nervt sie: Diese Geschichte wird ja nicht einfach so dahin erzählt. Nein im Subtext wird immer darauf hingewiesen, die kinderlose Frau sei selbst schuld, weil sie es zu sehr will. Weil sie nicht loslässt. Dein erstes Kind wolltest du damals übrigens möglichst auch nicht. Hat auch geklappt, erinnere dich ruhig mal dran. Sonst tut es deine Schwester.

Stellungen. Kamasutra

DU weiß ja, wie es geht. Und man hört ja auch so Einiges. Und hey, hat es damals nicht Spaß gemacht, als ihr für eure Kinderschar trainiert habt? Wie war das noch mal genau? Erzähl es deiner Schwester ganz ausführlich, garniert mit ein paar angelesenen Tipps („du musst anschließend noch eine halbe Stunde eine Kerze machen„). Eure Mutter hört nur „Kerze“ und sagt jetzt lieber nichts. Und du denkst:“Die haben es gut, die haben noch regelmäßig Sex miteinander.“ Bei dir und deinem Mann ist nach dem dritten Kind ja nicht mehr viel gelaufen.

Du kannst davon ausgehen: Deine Schwester und ihr Mann haben alle Stellungen schon durch und bemühen sich ausreichend. Oder haben sich bemüht, bis er die Diagnose bekam, dass seine Spermien zu schlecht seien. Seitdem läuft nicht mehr viel. Sie machen jetzt eine künstliche Befruchtung. Das Kamasutra ist also kein gutes Thema, Und Spaß am Sex macht nicht schwanger. Das haben die beiden auch schon lange durch.

Überhaupt: Medizinische Tipps

Irgendwann läuft auch eure Mutter zur Hochform auf. Sie hat in der „Frau im Spiegel“ und in der „Bild der Frau“ diverse ganz tolle Tipps gelesen. Und in Amerika, da machen die ja auch noch etwas mit Genen. Da ist man ja sowieso schon viel weiter. Und diese Hollywood-Schauspielerinnen werden ja auch mit über 50 noch einfach so schwanger. Man muss sich halt auch richtig ernähren. Sie hat ja schon immer gesagt, ihr müsstet mehr Obst essen. Beide!

Wenn du wirklich Ahnung hast, dann sprich weiter, Mutter. Ansonsten geh‘ davon aus, dass deine Tochter alles schon kennt. Und das meiste davon auch bereits ausprobiert hat. Ja auch die Tees, die Akupunktur, die Familienaufstellung (da hat sie dir noch nichts von erzählt, aber: sei froh) und Fertilitäts-Yoga hat sie schon durch. Nur Homöopathie nicht, das hält sie für unwissenschaftlich.

Und wenn deine Schwester wirklich aufgibt und sie und ihr Mann versuchen, andere Wege in ihrem Leben zu finden und zu beschreiten, dann unterstütze sie und dränge sie nicht dazu, weitere Behandlungen durchzuführen.

Die Welt aus Mutterperspektive

Gut, das hast du diesmal alles beherzigt. Super. Jetzt noch ein weiterer guter Tipp: Natürlich bist du stolze Mutter und niemand wird dir diesen Stolz nehmen wollen. Aber deine Schwester ist als Tante möglicherweise oft ungeschickt, gehemmt und nein, sie möchte das Baby nicht halten. Vielleicht ist es aber auch anders und sie ist die lockerste Tante der Welt. Auch gut, aber lass sie es so machen, wie sie es möchte. Wenn du sie lässt und nicht im vollen Mutterstolz intervenierst, dann wird sie es hinbekommen, Tante zu sein.

Du solltest nicht davon ausgehen, dass alle Probleme dieser Welt ausschließlich aus der Perspektive einer mehrfachen Mutter betrachtet werden müssen und gelöst werden können. Erst die Sicht einer Mutter erdet einen und verleiht einem die notwendige Empathie zur Lösung aller Probleme, meinst du. Du wirst es vielleicht nicht verstehen, aber aus Sicht deiner Schwester erscheint dein Auftreten bestenfalls nur selbstbezogen, schlechtestenfalls selbstgerecht und unaufmerksam.

Wo wir gerade dabei sind: Kann man auch etwas richtig machen?

Natürlich. Zeige deiner Schwester und ihrem Mann, dass sie wichtig sind für euch und eure Familie. Und: Mehr zuhören, weniger reden. Ja, es ist alles sehr schwierig. Aber vor allem für sie und nicht immer.



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Kommentar

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8 Kommentare

  1. KiLiLu schreibt

    Einfach großartig! Diese wunderschöne Geschichte werde ich allen Menschen um die Ohren hauen, die mich in den 6 Jahren Kinderwunsch mit „tollen“ Ratschlägen vollgesülzt haben… und mir heimlich wünschen, sie würden auch nur einen einzigen Tag einmal das Gefühlschaos erleben, durch das ich jahrelang gegangen bin.

  2. Enzian78 schreibt

    Vielen vielen Dank, das ist toll geschrieben!

  3. jase79 schreibt

    😀 Ganz prima, Vielen Dank!!! Spontane Umplanung: dieses Jahr gibt’s keine Weihnachtskarten, sondern diese Geschichte ausgedruckt für ALLE Verwandten und Bekannten zur Horizonterweiterung ;D Ich häng auch ein rotes Schleifchen dran … Sehr treffend ge- und beschrieben!!!

  4. Luzie*** schreibt

    *super*
    (auch wenn mich meine Umwelt GsD mit derartigem Schwachsinn verschont hat).

  5. Tyleet schreibt

    Daumen hoch!!!

    Vielen Dank für diesen Text. Er trifft den Nagel auf den Kopf. Bleibt nur noch zu hoffen, dass ihn sich der Eine oder Andere zu Herzen nimmt, der/die sich bei diesem sensiblen Thema wie eine Axt im Walde benimmt.

    LG 🙂

  6. Libby1234 schreibt

    Man sollte wirklich zumindest hin und wieder Weihnachten bei der kinderlosen Schwester/dem kinderlosen Bruder feiern, um ihnen zu zeigen, dass sie natürlich „auch wer“ sind!

    Habe allerdings in der Kinderwunschzeit zum Glück nie so richtig nervige Ratschläge von Verwandten bekommen. (Nur einmal den Urlaubstipp, aber das sei an Weihnachten verziehen.)

  7. sanogo schreibt

    Super Doc!

    (Auch ich wurde zum Glück verschont!)

  8. Sonnenschein schreibt

    GENAU so ist es… DANKE DANKE DANKE für diese Worte. Ich könnte noch was ergänzen..

    „Kannst du bitte die Geschenke für die Eltern besorgen, ich hab ja keine Zeit, weil ich hab ja keine Zeit, ich muss mich um die Kinder kümmern und du hast ja Zeit, du gehst ja nur Vollzeit arbeiten“ oder „oh du musst ja arbeiten, da hätt ich ja gerade gar keinen Bock drauf, wir haben morgen Weihnachtsfeier mit der Krabbelgruppe“, oder „du hast keine Kinder, du verstehst das nicht“ oder „ach ich wart gerade im Urlaub… ich bin ja soooo neidisch, aber dafür hab ich ein Kind!“ Und das sind nur die Kommentare der letzten 2 Wochen. 🙁