Nachklapp zum „Berliner Embryonen-Prozess“


Gestern hatte ich hier ja bereits über den Prozess gegen einen Berliner Reproduktionsmediziner berichtet, der wegen der Vernichtung von Embryonen vor Gericht stand. Bei drei Paaren mit genetischer Vorbelastung überprüfte der die Embryonen auf Chromosomenschäden und pflanzte nur die „Gesunden“ ein.

Zur Klärung der strafrechtlichen Relevanz dieses Vorgehens zeigte er sich selbst an und gewann den Prozess, wurde also freigesprochen. Zunächst einmal das Wichtigste: Hut ab und herzlichen Glückwunsch!

Heute gab es einige Pressestimmen, denen ich nun mehr dazu entnehmen kann.

In mehreren Artikeln wird aus dem Plädoyer der Staatsanwältin zitiert:
Für Staatsanwältin Brigitte Raddatz ist bereits die Untersuchung der befruchteten Eier ein Gesetzesverstoß. „Hier hat eine Selektion stattgefunden. Da besteht die Gefahr einer Besten-Auslese.“ Auch die Vernichtung von Embryokulturen sei strafbar. „Solche Frauen müssen eben alle Embryonen austragen. Sie können ja abtreiben oder gleich auf Kinder verzichten„, so Raddatz in ihrem Plädoyer.

Abtreibung statt PID. Das klingt menschenverachtend, ist aber ein normaler juristischer Standpunkt und in der den Juristen eigenen Unumstößlichkeit formuliert. Und sie verlangte 6 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung. Jedoch gibt es auch Juristen mit gesundem Menschenverstand, wie z. B. den Richter Dr. Carsten Kessel: „Wenn es nach der Staatsanwaltschaft ginge, wäre ein künstlich befruchtetes Embryo besser geschützt als ein natürlich gezeugtes. Das kann nicht sein.“

„Freispruch auf Kosten der Landeskasse“, lautete daher das Urteil nach knapp vierstündigem Prozess. Dem Angeklagten sei es ausschließlich darum gegangen, den drei Patientinnen zu einer Schwangerschaft zu verhelfen. Das 1990 erlassene Gesetz habe die „Präimplantationsdiagnostik“ (PID) nicht kriminalisieren wollen, befanden die Richter. Diese Methode ist in dem Gesetz noch nicht einmal erwähnt, was in Anbetracht des Datums seines Inkrafttretens (1990) nicht weiter verwunderlich ist.

Hartmut Wewetzer fasst es in seinem Kommentar im Tagesspiegel gut zusammen:

Natürlich heißt das nicht, dass ein Vierzeller in der Petrischale vogelfrei ist. Auch ein solches mikroskopisches Leben ist menschliches Leben und hat Anrecht auf einen gewissen Schutz. Aber es kann nicht sein, dass dieser Schutz größer ist als der für einen Embryo im Mutterleib oder gar für die Mutter selbst.

Es wird Zeit, dass der Gesetzgeber diese Verhältnisse ins Lot bringt. Wie groß die Chancen dafür sind, lässt sich im Moment schwer abschätzen. Kritiker werden, vielleicht mit dem Hinweis auf das „Dritte Reich“, auf Eugenik und Euthanasie, damit argumentieren, dass eine „Selektion“ oder „Bestenauslese“ unter den Embryonen abzulehnen sei. Aber darum geht es hier nicht. Sondern darum, dass Schaden von Mutter und Kind abgewendet wird.


Noch Fragen?

Dann haben Sie in unserem Kinderwunschforum die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen oder Fragen an unsere Experten zu richten. Und hier finden Sie die Übersicht über zahlreiche andere Foren von wunschkinder.net.
Die am häufigsten gestellten Fragen haben wir nach Themen geordnet in unseren FAQ gesammelt.
Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

4 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    greta schreibt

    ziehe auch den hut vor dem gyn, denn – das hätte in deutschland, siehe frau raddatz – durchaus ins auge gehen können. schlimm genug….

    man vermutet zwar immer in verantwortungsvollen positionen halbwegs (!) aufgeklärte und begabte mitmenschen, dem ist aber nicht so. in den reihen der GRÜNEN gabs diese Politikerin, in den gerichten gibts richter und staatsanwälte, in der schwarzen kirche einen Meisner oder so – offenbar ist eine gewisse blindheit den realitäten gegenüber einstellungsvoraussetzung….

  2. Elmar Breitbach
    Lazlokides Entonkitami schreibt

    Es ist wohl eine Überschneidung der juristischen und medizinischen Grauzonen. Es graut mir zunächst welche "Macht" wir schon über potentiellen Nachwuchs haben, um so erfreulicher das in diesem Fall das ganze so offen behandelt wurde. Wieviel wohl davon passiert und nicht durch die Presse wandert? Man mag gar nicht dran denken …

  3. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Auch von mir: Hut ab!

    Herzlichen Dank an Dr. Bloechle für seinen Mut und an Richter Kessel für sein weises Urteil!

    Gibt es denn überhaupt noch ein Risiko, dass das Urteil nicht rechtskräftig wird? Der Selbstankläger wird doch gewiss keinen Widerspruch einlegen. …

    Ist das jetzt eine Garantieurkunde für den Angeklagten, dass er die PID in so schweren Fällen weiter führen darf, ohne negative persönliche Konsequenzen befürchten zu müssen? Und wie sieht das nach so einem Urteil für alle anderen Ärzte aus, die ebenfalls die PID durchführen wollen?

  4. Elmar Breitbach
    curly6 schreibt

    Wenn die StA weiterhin ein öffentliches Verfolgungsinteresse sieht, dann kann es durchaus noch weitergehen …

    Bin auf das schriftliche Uretil gespannt, schön wenn kollegen so praxisnahe entscheidungen treffen …

    Ich hoffe nur, dass Politker das Urteil nicht zum Anlass nehmen, das Embryonenschutzgesetz nun "wasserdichter" zu verschärfen