Bundestag entscheidet: PID wird zugelassen. Aber…

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Es wurde heftig diskutiert über die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID). Nicht nur heute im Bundestag, sondern bereits in den letzten Monaten bezogen Politiker und Lobbygruppen Position. Daher ist es fast die erfreulichste Meldung des Tages, dass nun der zum Teil heftige Schlagabtausch beendet ist und eine Entscheidung getroffen wurde. Für die Befürworter der PID ist die Entscheidung auch begrüßenswert, denn sie wurde zugelassen und der am wenigsten restriktive Gesetzesvorschlag fand eine große Mehrheit im Bundestag.

Die Präimplantationsdiagnostik soll in Ausnahmefällen zulässig sein. Um Rechtssicherheit für die betroffenen Paare und die Ärzte herzustellen, ist das Embryonenschutzgesetz um eine Regelung zu ergänzen, die die Voraussetzungen und das Verfahren einer PID festlegt. Zur Vermeidung von Missbräuchen soll die PID nach verpflichtender Aufklärung und Beratung sowie einem positiven Votum einer interdisziplinär zusammengesetzten Ethik-Kommission in den Fällen zulässig sein, in denen ein oder beide Elternteile die Veranlagung für eine schwerwiegende Erbkrankheit in sich tragen oder mit einer Tot- oder Fehlgeburt zu rechnen ist. Im Vorfeld der PID soll eine sorgfältige Diagnostik bei beiden Partnern nach strengen Kriterien erfolgen. Zur Gewährleistung eines hohen medizinischen Standards soll die PID an lizenzierten Zentren vorgenommen werden.

Auf diesen Gesetzentwurf entfiel eine überraschend deutliche Mehrheit von 326 Stimmen. Der Entwurf für ein striktes Verbot erhielt 260 Stimmen. Acht Abgeordnete enthielten sich. Ein Kompromissantrag, der die PID nur bei einer hohen Wahrscheinlichkeit von Tot- und Fehlgeburten und der Geburt nicht überlebensfähiger Kinder zulassen wollte, erhielt nur 58 Stimmen.

Grund zur Freude?

Grundsätzlich ja, denn immerhin besteht nun „in engen Grenzen“ eine Möglichkeit zur Durchführung dieser Methode. Dennoch: Die PID bleibt im Grundsatz verboten und ist nur zulässig, wenn auf Grund der genetischen Disposition der Eltern eine schwerwiegende Erbkrankheit beim Kind oder eine Tot-, Fehlgeburt oder früher Kindstod in den frühen Lebensjahren wahrscheinlich ist.

Diese Grenzziehung ist ein Kompromiss, ein gemeinsamer kleinster Nenner, auf den man sich einigen konnte. Nur wenn bereits bei den Eltern genetische Erkrankungen vorliegen, wird die PID also erlaubt. Wenn es darum geht, „Schwangerschaften auf Probe“ zu vermeiden und chromosmal/genetisch bedingte tödliche Erkrankungen der Kinder zu vermeiden, ist dies jedoch inkonsequent. Weitaus häufiger als durch weitervererbte Erkrankungen der Eltern sterben Kinder durch spontane Fehlverteilungen (Aneuploidien) wie z. B. den Trisomien der Chromosomen 13 und 18.


Zumindest Paaren, die sich aus anderen Gründen einer künstlichen Befruchtung unterziehen müssen, sollte es daher grundsätzlich freigestellt werden, ob sie die PID auch dazu nutzen möchten, ein Screening auf solche Aneuploidien durchzuführen. Im europäischen Ausland ist dies seit Jahren erlaubt und der in Deutschland befürchtete „Dammbruch“ ist dort kein Thema, schlicht, weil er nie eintrat. Erfahrungsgemäß wird sich niemand freiwillig einer künstlichen Befruchtung unterziehen, nur um das zu tun.

Trotz dieser Einschränkungen wird das neue Gesetz für einige wenige Paare nun die Möglichkeit eröffnen, ein lebensfähiges Kind zu bekommen. Und deswegen ist die Entscheidung zu begrüßen. Ebenso wie die vorübergehende Rückkehr einer echten politischen Diskussionskultur. Das ist man ja gar nicht mehr gewohnt.

Update 9.7. Ein sehr guter Artikel in der FAZ zu diesem Thema. Die FAZ kann offenbar auch unpolemisch, wenn sich nicht Frau Lenzen-Schulte sich dieser Themen annimmt.



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Kommentar

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17 Kommentare

  1. Andreas Lachner schreibt

    Ich bin ein glühender Verfehter der PID, aber nicht einfach so. Wenn Du Allen freistellst bei der ersten KB eine PID zu machen, dann öffnest Du leider auch Tür und Tor den geldgierigen Leuten, die das ausnutzen. Es gibt doch schon genügend Patienten, die jeden Schmarrn glauben, siehe Zech und seine einstweilige Verfügung.
    Ein kleiner Riegel davor macht schon Sinn, und, ganz im Ernst >>mit einer Tot- oder Fehlgeburt zu rechnen<< kann man in meinen Augen auch nach dem ersten Implantationsversagen, wenn man denn will.
    Ach, wie schön ist doche eine Grauzone 😉

  2. Rebella schreibt

    Ich bin mit dieser Entscheidung sehr zufrieden. Sie hilft genau denen, die die PID auch brauchen.

    Zu den von Ihnen o.g. Aneuploidien habe ich bisher noch nichts gelesen. Das sollte eine relativ neue Erkenntnis sein. Es ist noch nicht soooo lange her, dass ich hier einen Beitrag las, die PID wäre nicht dazu geeignet, die Schwangerschaftsraten zu erhöhen. Kritisiert wurde in diesem Beitrag auch, dass Paare dazu im Ausland oft falsch beraten wurden und die PID völlig unnötig durchführen ließen. Das jedenfalls ist etwas, was wir auch nicht brauchen.

    Ebenfalls freue ich mich, dass so ausgiebig diskutiert wurde. Und ich finde, den Fraktionszwang sollte man öfter mal aufheben. So kommt man dann zu ehrlichen Abstimmungen.

  3. Elmar Breitbach schreibt

    @Rebella: Nein, Aneuploidien (z. B. Trisomien) sind nichts Neues. Es geht dabei auch nicht um die Verbesserung der Schwangerschaftsrate, denn diese ist in der Tat nicht zu erwarten

  4. greta schreibt

    zitat:
    Im Vorfeld der PID soll eine sorgfältige Diagnostik bei beiden Partnern nach strengen Kriterien erfolgen.

    DAS ist doch der WAHRE fortschritt!

    ich sehe immer noch patientinnen hier im forum, die sind nach 5 icsis und 2 fg nicht ausdiagnostiziert. da ist NIX gelaufen, GARNIX.

    ich weiß aber auch, dass es GUTE zentren gibt, ich war in einem solchen und ich denke, diese werden auch PID machen.

    für/gegen trisomien kann man im prinzip schon PKD benutzen.

    wobei wir dann bei der diskussion sind, ob t21 auch was „schlimmes“ ist oder nur was abweichendes…

    unzweifelhaft gibt es spontane geschichten, nicht nur trisomien, sondern auch spontane herzfehler, ventrikeldefekte, bauchwanddefekte usw, die zum tode des kindes führen können.

    aber DARUM ging es bei DIESER entscheidung ja nicht. es ging um die armen (!) leute/zukünftige eltern, die echt einen gen-defekt haben, ggf. schon um ihn wissen, so diagnostiziert wurde, und dann TROTZDEM jetzt leibliche eltern werden können – weil sie vielleicht für adoption zu alt sind, oder wegen des gendefektes EINFACH AUSSCHEIDEN, wie das jugendamt halt so entscheidet….

    das sind nicht viele eltern jedes jahr, aber den wenigen sei es von herzen gegönnt!

  5. Elmar Breitbach schreibt

    Richtig. Die Trisomie 21 stoppt jede Überlegung in diese Richtung.

    Und auch richtig: Wenn in den Zeitungsartikeln behauptet wird, dass die Eltern nun das Recht auf ein gesundes Kind haben, dann stimmt dies nicht. Sie haben nur das Recht, eine bestimmte Erkrankung auszuschließen.

  6. lemoni schreibt

    Meinem Mann und mir steht eine PID bevor, da mein Mann einen Chromosomdefekt und ich bereits 5 Fehlgeburten hatte. Ich frage mich wie hoch die Kosten in Deutschland in etwa dafür liegen?

  7. reaba schreibt

    spitze. also dürfen jetzt die IVF/ICSI anwender, die einen embryo mit T21, T13, T18 etc. zurückbekommen immer noch die schwere entscheidung treffen, ob und wann sie dann abtreiben. auch das ist leid und wäre im neuen gesetzentwurf einfach vermeidbar gewesen.
    den rest sehe ich wie greta: hätte sich einer die mühe gemacht mich ZU BEGINN der 4 ICSIs und 2 kryos auf GENETISCH bedingte gerinnungsstörungen zu testen, dann wären ggfs ein paar aussichtsreiche embryonen weniger intrauterin vertrocknet, weil ich dann schon eher heparin gespritzt hätte. schnee von gestern 😉

    für die betroffenen paare und die parlamentarische demokratie freut mich der mut zu dieser gesetzesänderung … auch wenn ich mittlerweile kurz vorm spontanen dammriss stehe, wenn ich das ständige gefasel dieser zivilisationsverzweifelten kontrollfreaks lese/höre, die ständig einen von „dammbruch“ absondern – grauenhaft!

    wäre ich persönlich noch betroffen und müßte PID anwenden, ich ginge trotzdem ins ausland, einfach weil dort noch sinnvoller gescreent wird im sinne von leidvermeidung für alle beteiligten.

  8. greta schreibt

    reaba, da gebe ich dir in allem recht – auch als genetiker mit berühmter gerinnungsstörung, 23 unnütze stimus, 3 FG…

    das ist natürlich (!) pech, wenn du auf einen gendefekt wie huntington getestet wirst, kriegst ein „gutes“ zukünftiges kind transferiert, leider eines mit T21 oder T18… shit…

    jemand, der aber T18 in der familie hat und selber da einen gendefekt vorweist, wird ja auch DARAUF getestet, dafür nicht auf huntington oder ALS…. und ja, das baby kann dann IMMER NOCH einen offenen rücken haben, weil NIEMAND auf MTHFR getestet hat, einfacher bluttest, easypeasy – sollte eigentlich VORBEDINGUNG einer jeglichen behandlung in einem kiwuzentrum sein!

  9. Rebella schreibt

    @Doc: Sorry, da hat wieder mein medizinisches Halbwissen durchgeguckt.

    Hätten die Trisomien mit in dem Gesetzentwurf drin gestanden, wäre der nie durchgekommen. Ich denke, sie waren nicht unbedingt nötig und wir haben jetzt eine Regelung, mit der wir gut leben können.

    Ich habe mich beim Ansehen der Reportagen zum Thema vor der Entscheidung immer darüber geärgert, wenn sie als Beispiel Trisomie21 Kinder gezeigt haben. Weil, diese ist keine Erbkrankheit. Würden wir die PID auch dafür zulassen, gäbe es bald die Massen-PID. Da meine ich wirklich, die ist nicht nötig. Auch wenn es natürlich zu respektieren wäre, da jedes Paar allein über seine Fortpflanzung entscheiden sollte. Jedoch stelle ch mir eine Massen-PID wegen Trisomie 21 auch irgendwie wie eine Massen Hysterie vor. Die PID kann sowieso noch lange keinen CHeck auf alle möglichen Krankheiten anbieten. Deshalb bin ich zufrieden damit, wenn sie genau denen vorbehalten bleibt, die aufgrund ihrer speziellen Erbkrankheit einen besonders großen Nutzen daraus ziehen.

  10. Elmar Breitbach schreibt

    Dem Kommentar kann man nur zustimmen. Die Entscheidung des Bundestags ist zu begrüßen. Aber unvollständig.

  11. Bunstpecht schreibt

    Genau diese Entscheidung hatte ich erwartet.

    Die Aussage „Erfahrungsgemäß wird sich niemand freiwillig einer künstlichen Befruchtung unterziehen, nur um das [PID] zu tun“ fällt für mich in dieselbe Kategorie wie Konrad Adenauers „Kinder bekommen die Leute immer“.

    Noch vor 50 Jahren galt auch, dass sich erfahrungsgemäß keine Frau ohne medizinische Indikation einem Kaiserschnitt unterzog. Mit zunehmender Etablierung und Weiterentwicklung des Verfahrens sank dann aber die Hemmschwelle, so dass es heutzutage auch reine Wunschkaiserschnitte gibt.

    Auch die IVF hat doch (durch die transvaginale Punktion und andere Verbesserungen) schon viel von ihrem ursprünglichen Schrecken verloren. In einem anderen Beitrag auf dieser Seite wurde eine Schauspielerin zitiert, die sich angeblich freiwillig einer IVF unterzog, um sich den Stress einer natürlichen Zeugung zu ersparen.

    Wenn es aber bereits Menschen gibt, die eine IVF für stressfreier als eine natürliche Zeugung halten, dann wird es mit Sicherheit auch Menschen geben, die eine IVF zwecks PID durchführen lassen, obwohl sie nicht einschlägig vorbelastet sind.

    Auch die Behauptung, der Dammbruch sei bislang ausgeblieben, klingt ziemlich euphemistisch, wenn man bedenkt, dass die PID bereits missbraucht wurde um Knochenmarkspender für erkrankte Geschwisterkinder zu züchten.

    Angesichts dieser absehbaren und zum Teil bereits eingetretenen Auswüchse hat der Bundestag durchaus einen vernünftigen Kompromiss beschlossen.

  12. sonja gregori schreibt

    In allen Zeitungsberichten lese ich immer nur halbwarheiten und selbst als anstehen ivf´lerin bin ich mittlerweile über diese medien stinke sauer…

    wie wärs denn mal mit einer ordentlicher aufklärungsarbeit zum thema künstliche befruchtung?

    das posting von andreas lachner zum thema pid beim prof. zech kann ich nicht verstehen denn die unerlassungsklage ging darauf hinaus dass er auf seiner homepage damit geworben hat dass er mehr kinder in die welt gebracht hat und nicht weil er sie einfach angewendet hat.

    in einem pressbericht von ulla schmidt (spd) meinte sie dass es sehr verwerflich sei die kinder auszuselektieren und die ungesunden weg zu werfen…ja hallo wer hat den bitte schön erlaubt dass in deutschland nur pro durchführung einer kb 3 embryonen transferiert werden dürfen, und wer ein herz für kinder hat lässt sie auf grund der nicht bezahlung der krankenkasse krykonisieren…

    in einer künstlichen befruchtung werden von haus aus mehr eizellen versucht zu erzeugen um wenigstens die hoffnung auf 1 kind zu geben?

    und wer bitte schön von den pid gegner zahlt mit seinem privatvermögen für die behindert kinder? wer hat sich denn schon mal gedanken gemacht was die familien unterstützung
    noch mehr steigene krankenkassen beiträge?

    und welche menschen sind eigentlich die pid gegner die einer werdenden mutter zumuten würden ihre gesundheit samt des entstehendes kindes aufs spiel zu setzen ?

    meint ihr – liebe pid gegner- das macht spass zuerst die tortur einer kb um dann auf krankenkassenkosten das kind wieder abzutreiben?

    mein lieber herr gesangsverein…wo bitte ist denn noch die moral und die ethik geblieben wenn man einer mutter die gesundheits auf spiel setzten lässt nur weil man ein problem mit der pid

    hier muss auf jeden fall mal klar sein dass es bei der pid nicht um die entwicklung der aktion „klonschaf dolly“ handelt°!!!!!!!!

  13. Bunstpecht schreibt

    Um mal mit einem weit verbreiteten Missverständnis aufzuräumen:

    Eine nachgewiesene oder vermutete Behinderung des ungeborenen Kindes berechtigt nach bundesdeutschem Recht keineswegs automatisch dazu, einen Schwangerschaftsabbruch nach Ende der 12. SSW vorzunehmen.

    Laut §218a (2) darf ein Schwangerschaftsabbruch nach Ende der 12. SSW ausschließlich vorgenommen werden „um eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden“.

    Eine nachgewiesene oder vermutete Behinderung des ungeborenen Kindes reicht demnach keineswegs aus, um einen Schwangerschaftsabbruch nach Ende der 12. SSW vornehmen zu dürfen. Vielmehr ist dieser Eingriff nur dann rechtmäßig, wenn die Schwangere körperlich oder seelisch nicht dazu in der Lage ist, die Behinderung des Kindes zu bewältigen.

    Hieraus folgt auch, dass eine Frau, die die Behinderung des Kindes bewältigen kann, überhaupt nicht berechtigt ist, nach Ende der 12. SSW noch einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen.

    Der Widerspruch zwischen eingeschränktem PID-Zugang und der Möglichkeit von Spätabtreibungen ist also deutlich kleiner als oftmals behauptet, da es überhaupt kein generelles Recht auf Spätabtreibung behinderter Kinder gibt.

  14. Erste Geburt weltweit nach Zellkerntransfer: Ein Kind, drei Eltern

    […] Eine Erberkrankung auf den Erbgut innerhalb des Zellkerns eines Embryos, also auf den Chromosomen liegend, lässt sich theoretisch – und in Deutschland seit einiger Zeit auch praktisch – durch die sogenannte Präimplantationsdiagnostik feststellen. […]