Kinderwunsch: Nachrichten aus Fach- und Laienpresse

Gemischt versichert und alleine gelassen

8

Kein seltenes Szenario: Ein Paar benötigt aufgrund einer sehr stark eingeschränkten Spermienqualität eine ICSI zur Erfüllung seines Kinderwunschs. Je nach Versicherungskonstellation werden die Kosten unterschiedlich übernommen. Eindeutig geklärt ist es für folgende Fälle:

  • Beide sind privat versichert. Seine Krankenkasse übernimmt dem „Verursacherprinzip“ folgend, die Kosten der gesamten Behandlung, inklusive der Behandlungsschritte, die am Körper der Frau durchgeführt werden (Hormongaben, Punktion etc.).
  • Er ist privat versichert, sie gesetzlich. Auch hier werden die Kosten von der Krankenkasse des Mannes vollständig übernommen. Einem Urteil des Bundessozialgerichts zufolge kann dabei auch auf die gesetzliche Kasse der Frau verwiesen werden, die dann ihre 50% der Kosten übernimmt und die Kasse des Mannes den Rest.
  • Beide sind gesetzlich versichert. Dann trifft die Regelung für die GKV zu, die seit dem 1.1.2004 gilt: Die Kasse der Frau übernimmt die Kosten der Behandlung bei ihr und die Kosten für die notwendigen Medikamente zu 50%, die Kasse des Mannes die Aufbereitung der Spermien ebenfalls zu 50%.

Die spezielle Konstellation

Wird eine ICSI notwendig und ist der Mann gesetzlich und die Frau privat versichert, dann treffen das „Körperprinzip“ der GKV und das „Verursacherprinzip“ der PKV in ungünstigster Weise zusammen. Die gesetzliche Kasse bezahlt nur die Behandlungen, die bei ihrem Versicherten durchgeführt werden (also Spermienaufbereitung und ggf. ICSI) und die private Versicherung bezahlt nichts, da die Frau nicht „Verursacher“ der Kinderlosigkeit ist.

Hessisches Landessozialgericht betätigt das Dilemma

Mit dem Versuch, dies durch eine Klage gegenüber der GKV des Mannes zu ändern, ist ein Paar aus Hessen vor dem Landessozialgericht gescheitert. Dem Urteil zufolge muss die GKV die kompletten Kosten nur dann übernehmen, wenn beide Partner gesetzlich versichert sind.

Nach Überzeugung der Darmstädter Richter umfasst die Leistungspflicht der Krankenversicherung nur Behandlungen an ihren Versicherten. Bei der künstlichen Befruchtung gehörten hierzu auch die Maßnahmen, die außerhalb des Körpers etwa in einem Reagenzglas erfolgen.

Dagegen ist der Versicherer nicht verpflichtet, für die Kosten der Behandlung eines privat versicherten Ehepartners aufzukommen – auch wenn nur der gesetzlich Versicherte unfruchtbar ist. Das hat das Hessische Landessozialgericht in einem Urteil entschieden. Die Revision wurde nicht zugelassen (Aktenzeichen: L 1 KR 143/07).


Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

8 Kommentare
  1. tintenklecks schreibt

    Das Urteil stellt in meinen Augen eine große Ungerechtigkeit gegenüber dem gesetzlich versicherten „Verursacher“ dar. Warum greifen nicht die gleichen Argumente, mit denen die PKV meines Mannes zur Übernahme der Kosten an meinem Körper bewegt wird, hier wenigstens zu 50 %? Ich kann das nicht nachvollziehen.

  2. Nadine schreibt

    Von der speziellen Konstellation kann ich ein Lied singen. Bei uns ist es genau wie oben beschrieben. Irgendwie ist da doch eine Gesetzeslücke. Man fühlt sich im Stich gelassen.

  3. Steff1979 schreibt

    Im umgekehrten Fall ist es genauso ungerecht: Wir brauchen IVF, meine gesetzliche KK zahlt nur die Hälfte und die private KK meines Mannes weigert sich, da er nicht der Verursacher ist…
    Ich kann Nadine nur zustimmen, man fühlt sich im Stich gelassen.

  4. Katrin schreibt

    Auch für uns trifft o.g. Konstellation zu (Frau privat, Mann gesetzl und Verursacher). Die gesetzl. Kasse meines Mannes weigert sich sogar, die extrakorporalen Kosten (ICSI) zu erstatten, obwohl sie es müsste. Inzwischen haben auch wir Klage beim Sozialgericht eingereicht, um wenigstens die Kosten der ICSI (Befruchtung im Reagenzglas) zu erhalten. Ich bin mal gespannt… Na wenigstens hat bei uns der erste Versuch gleich Erfolg gebracht – das Glück ist 4 Monate alt und steht gerade draußen auf der Terrasse friedlich schlummernd im Kinderwagen. Ein großer Trost für die Ungerechtigkeit der Kostenerstattung 🙂

  5. Tante Heinz schreibt

    @Steff1979: Es ist so oder so ungerecht, aber in diesem Fall tatsächlich am „ungerechtesten“. Im schlimmsten Fall bezahlt nämlich die GKV des verursachenden Mannes lediglich die hälftigen Kosten der Spermienaufbereitung, also irgendwas um die 16 Euro.

    Um die 50% der extrakorporalen Kosten, die im Gegensatz zum Rest ebenfalls minimal sind, darf man sich nach einem evtl. misslungenen Versuch auch noch streiten, wenn man die Lust und den Kampfgeist verspürt.

    Pi mal Daumen bleibt man auf ca. 4.000 Euro pro Versuch sitzen, sofern man das Glück hat, nur niedrig stimulieren zu müssen.

    Hut ab vor dem Ehepaar, das entsprechenden Kampfgeist sogar vor dem Gericht gezeigt hat. Wir hätten das nicht gepackt.

    Sehr traurig, dass sie so erfolglos waren.

    Man ist angewiesen auf äußerst kulante private Krankenkassen. Und auf kulante Rechnungen der behandelnden Kinderwunschklinik. Mit der Kulanz der GKV muss man gar nicht erst liebäugeln.

    Auch, wenn es uns nun nicht mehr betrifft, ich könnte schon wieder brechen, wenn ich nur daran denke.

  6. Tante Heinz schreibt

    Na super, mein Monster hat nur ein Auge, keine Nase.

    Ich hätte es ahnen sollen…
    Immerhin gönnt man mir einen Schwanz.

  7. Hasenfrau schreibt

    Auch wir sind ein „Regelungslücken-Paar“. Da wir leider bereits zwei negative ICSIs hinter uns haben, kommen wir langsam aber sicher an unsere finanziellen Grenzen. Die GKV meines Mannes will nämlich auch nur seine Kosten übernehmen (also die Kosten der Spermagewinnung), die extrakorporalen Kosten und alles, was mich betrifft, haben wir bis jetzt komplett selbst gezahlt. Zum Glück ist unsere KiWu-Klinik nett und rechnet nur mit einfachem Satz ab, sonst hätten wir uns die zweite ICSI schon nicht leisten können.

    Wir klagen zwar derzeit vor dem Sozialgericht gegen die GKV, aber allzu gut stehen die Chancen seit diesem neuesten Urteil wohl leider nicht. Übrigens hat sich die GKV ca. 6 Monate Zeit gelassen, bevor sie überhaupt auf unseren ersten Antrag geantwortet hat. Dann hat es nochmal 4 Monate gedauert, bevor wir endlich einen Widerspruchsbescheid hatten, auf dessen Basis wir klagen konnten. Angeblich wären zwei Schreiben von uns nicht bei denen angekommen, trotz Versand als Einschreiben mit Rückschein *augenroll*.

    Leider ist es anscheinend bei manchen Kassen auch noch so, dass sie bewußt auf Zeit spielen und das Verfahren absichtlich verzögern. Wohl in der Hoffnung, dass man durch die Behandlung psychisch schon so belastet ist, dass man’s nicht auf einen Rechtsstreit ankommen lässt. Schäbig und skandalös, aber leider Realität…manchmal könnte ich heulen vor Wut, dass unser Kinderwunsch evtl. an dieser Ungerechtigkeit scheitert.

  8. Buntspecht schreibt

    Schuld ist nicht die GKV sondern vielmehr die groteske Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland. Entweder die GKV oder die PKV – eines von beiden gehört abgeschafft. Als freiwilliges GKV-Mitglied habe ich da natürlich eine Präferenz, aber unter den folgenden beiden Bedingungen könnte ich auch mit einer PKV für alle leben:
    1. Es wird sichergestellt, dass die PKV jeden aufnimmt (Stichwort Gesundheitsprüfung).
    2. Die Beiträge für Geringverdiener und/oder Hochrisikopatienten werden aus Steuermitteln subventioniert.