WHO definiert Unfruchtbarkeit neu. Weltverschwörung?

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Unfruchtbarkeit WHO Definition
Definition der Unfruchtbarkeit: Die Weltgesundheitsorganisation regelt vieles im weltweiten Gesundheitssystem. So gibt es viele Richtlinien und Regelungen, die überall auf der Welt Gültigkeit haben. Auch die Definition von Fruchtbarkeit gehört dazu. Steckt eine Weltverschwörung hinter der neuen Definition?
Foto von US Mission Geneva

Neue Definition der Unfruchtbarkeit

Die Weltgesundheitsorganisation definiert nicht nur die Beurteilung von Spermien, sondern auch vieles andere. So zum Beispiel definiert sie auch die Unfruchtbarkeit. Bislang galt hier, dass ein Jahr ungeschützter Verkehr ohne Eintritt einer Schwangerschaft den Tatbestand der Unfruchtbarkeit erfüllte. Diese Definition ist eine rein medizinische und die Idee der WHO war nun, diese zu erweitern. Nicht die medizinisch bedingte Unfruchtbarkeit, sondern der unerfüllte Kinderwunsch als solcher war nun im Fokus. Einem Bericht des Daily Telegraph zufolge, soll nun die medizinische einer soziologischen Definition weichen.

Und hier gibt es nun naheliegende Erweiterungsmöglichkeiten: Jede/r, der/die ein Kind möchte, aber keines bekommen kann, soll nun als unfruchtbar gelten. Also auch homosexuelle Paare und alleinstehende Singles. Als ich dies vor einiger Zeit las, kam mir schon auch der Gedanke, dass sich hier eine Institution vergaloppiert im Bemühen, allen gerecht zu werden.

Sind homosexuelle Paare und Singles mit Kinderwunsch behindert?

Da die Unfruchtbarkeit von der WHO auch als Behinderung definiert wurde, kamen viele Kommentatoren zu dem Schluss, die WHO definiere nun auch Homosexualität und Singlesein als Behinderung. Betroffene nehmen dies jedoch nicht übel und sehen die Chancen der neuen Definition. So schreibt queer.de

Druck auf Gleichbehandlung wird erhöht

Die Änderung der Definition könnte den Druck auf Länder erhöhen, Singles und Homosexuellen bessere Möglichkeiten für Nachwuchs zu ermöglichen. In der Regel übernehmen die Staaten die Definitionen der Weltgesundheitsorganisation.


Mir wäre es allerdings völlig neu, dass Staaten diese Vorgaben tatsächlich übernehmen. Selbst in Deutschland ist der Kampf um eine angemessene Kostenübernahme bei medizinisch indizierter künstlicher Befruchtung ja noch im vollen Gange und die unvollständige der Kostenübernahme wird mit fadenscheinigen Argumenten begründet.

Update: Stellungnahme der WHO zum Bericht des Daily Telegraph

Martin Spiewak von der ZEIT hat dankenswerterweise das gemacht, was Journalisten im Idealfall halt so machen. Er hat nachgefragt. Und wunschkinder.net die Antwort zur Verfügung gestellt. Das klärt die Sachlage zwar nicht ganz auf, rückt diese ganze Diskussion ein wenig zurecht:

There are some misunderstandings around the issue It is important to note that WHO definitions are contained in ICD and this glossary is not an official WHO publication but rather a work that WHO staff contribute to.

In 2009, WHO joined with the International Committee for Monitoring Assisted Reproductive Technologies (ICMART) and other partners to develop a Glossary of definitions for infertility and fertility care. This Glossary included the clinical definition for infertility as “a disease of the reproductive system defined by the failure to achieve a clinical pregnancy after 12 months or more of regular unprotected sexual intercourse.” This is keeping with WHO definition of male and female infertility in the International Classification of Diseases (ICD 10)

WHO has not changed its use of this definition. It is important to note that this definition provides a clinical description of infertility. It does not make any recommendations about the provision of fertility care services. WHO is currently collaborating with its partners to update the Glossary and consideration is being given to revising the definition of infertility. Should there be a change in the definition of infertility, it will remain a clinical description of infertility as a disease of the reproductive system and will not make recommendations about the provision of fertility care services.

http://www.who.int/reproductivehealth/topics/infertility/multiple-definitions/en/

Hope this clarifies

Best regards

Die Definition der Sterilität wird demnach also weiterhin eine medizinische bleiben.

Weltverschwörung?

Andere Autoren gehen angesichts der sicherlich etwas ungelenken WHO-Verlautbarung (noch gibt es ja keine neuen Richtlinien) so richtig steil und vermuten eine Weltverschwörung.


Und wer passt eigentlich auf die Ideologisierung der Welt durch UN-Einrichtungen wie die WHO auf – können sich Experten dort alles unter sich ausmachen? Die Idee, dass die Gesellschaft auf jedermanns Wunsch Nachwuchs zu verschaffen hat, ist ja immer noch auf dem Tisch.

Michel Prüller nimmt sich die WHO richtig zur Brust: “Rechte haben in Krankheitsdefinitionen eben definitiv nichts verloren,” behauptet er. Da möchte man ihm schon gerne widersprechen. Denn das Recht auf Heilung oder Linderung – wenn möglich – hat natürlich etwas verloren in der Definition von Krankheiten und Behinderungen. Prüller reißt sich Stellungnahmen von Feministinnen (” ein „Recht auf eigenen Nachwuchs“ für Männer ohne Partnerin nur über Leihmütter umzusetzen. Eine Verzweckung einer Frau, damit der Mann zu seinem „Recht“ kommt?“) und Homosexuellen (“Sind Homosexuelle also doch krank?“) unter den Nagel, um die Überlegungen der WHO über den Vorwurf der Weltverschwörung hinaus zu diskreditieren. Was treibt ihn dazu?

Merkwürdige Sichtweise?

Der Autor ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien” heißt es am Ende des Artikels. Und da kommen wir zu springenden Punkt: Als Sprecher der Institution, die über Jahrhunderte selbst die Weltverschwörung war und es immer noch gerne wäre, tut man sich schwer mit anderen Organisationen, die sich dieses Potenzial inzwischen erworben haben. Und man tut sich ohnehin sehr schwer mit der künstlichen Befruchtung in der katholischen Kirche  (Dignitas personae). Wer mit Begriffen wie “geopferten Embryonen” und anderem klarkommt und wirklich wissen möchte, was die katholische Kirche zur IVF zu sagen hat, dem sei hier noch der Verweis auf eine sehr ausführliche Stellungnahme auf kath-info.de dazu gegeben.

Michael Prüller möchte also im Sinne seines Arbeitgebers nur bereits frühzeitig gegensteuern, wenn es darum geht, den Anspruch auf ein Kind schriftlich festzulegen und damit den Anspruch auf die Methoden der Reproduktionsmedizin.

Der Autor dieses Beitrags auf wunschkinder.net ist kirchensteuerzahlender Katholik. Selbst schuld, sagen viele.

 



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Kommentar

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11 Kommentare

  1. stubbornstar schreibt

    Ist es vom Seitenbetreiber tatsächlich erwünscht, dass zu diesem Artikel (bei Nutzung der Seite über ein iphone) Werbeflächen für Leihmutterschaft in der Ukraine und eine Heilpraktikerschule erscheinen?

  2. pebbles30 schreibt

    Das kommt vielleicht darauf an was man vorher selber gesehen oder gesucht hat?

    ich sehe die Klinik in Spanien und Ernstings Family, sowie Lavera?

  3. Elmar Breitbach schreibt

    Ich sehe Werbung für Handytarife 😉

    Ich würde pebbles recht geben. Kürzlich habe ich auf eine Werbung eines Kollegen geklickt. Ich wurde den im Anschluss gar nicht mehr los. Selbst bei Spiegel online erschien er mir dann…

  4. stubbornstar schreibt

    Ja, nachdem ich mich im Forum an Einer Diskussion über Alternativmedizin und Leihmutterschaft beteiligt habe, mag der Algorithmus schlussfolgern, dass ich ein Interesse an derartigen Angeboten habe. Aber ich kann als Webseiten betreiber (je nach Vertrag) bestimmte Werbung ausschließen, die meinen Prinzipien widerspricht. Ich muss mir als Antifa ja auch keine Werbung für Nazibedarf gefallen lassen, nur weil meine User über die AfD diskutieren.

  5. Elmar Breitbach schreibt

    Ich würde mich ja hier jetzt viel viel lieber über den Artikel oben austauschen. Die Anzeigen werden zum großen Teil über Google gesteuert, sind also keine Einzelbuchungen für diese Seite hier. Und ich kann nur einzelen Werbungen ausschließen (wenn ich sie sehe), aber keine Gruppen wie z. B. paramedizinische.

    Abgesehen davon wäre der Shop für Nazibedarf höchst betrübt, wenn seine Werbung an einem so unpassenden Ort gezeigt würde, wo er also die Werbung bezahl, aber niemand klickt oder gar kauft. Damit kann man dem Gegner subversiv das Geld aus der Tasche ziehen. Und: Der Vergleich hinkt schon ziemlich.

  6. wird schon schreibt

    Ich als Lesbe würde eine solche Definition begrüßen. Ich denke auch nicht, dass es hier um eine unzulässige Verschmischung zwischen rechtlichem und medizinischen geht. Wenn eine hetero-Frau einen Mann mit schlechten Spermien hat, dann wird sie eben mit einer ICSI behandelt. Rein medizinisch könnte man ja auch sagen, sie ist ja gesund (nicht “behindert”), also soll sie einfach mit einem zeugungsfähigen Mann ein Kind bekommen. Es ist eben ein unfruchtbares Paar (mal laienhaft gesprochen). Ich und meine Partnerin können zusammen auch keine Kinder bekommen. Wir sind eben auch ein unfruchtbares Paar – ich sehe da keinen Unterschied zwischen uns dem dem o.g. hetero Paar. Und zu mir kann man genausowenig wie zu der o.g. Frau sagen: dann nimm dir einfach einen zeugungsfähigen Mann. Ich denke, wenn die WHO diesen sozialen Aspekt, dass man Paare nicht einfach nach medizinischen Aspeketen zum Sex mit anderen “verdonnern” kann, berücksichtigt, dann ist das sicher ein ethischer Grundsatz, der streng genommen “sozial” o.a. ist – aber eben nicht außer Acht gelassen werden darf. Im Übrigen ist es in skandinavischen Ländern auch so, dass lesbische Paare alles bezahlt bekommen.
    Im Übrigen finde ich den verweis auf “hier bekommen die Leute auch nicht alles bezahlt” nicht in Ordnung. Denn diese Diksussion bezieht sich nur auf heteros und der Verweis wäre in Ordnung, wenn es hier keine Benachteiligung von Lesben gäbe. Was soll ich als Lesbe mit dem Argument “die Heteros bekommen hier auch nicht alles” denn anfangen? Ich möchte nicht besser, sondern einfach nur gleichgestellt sein.

    Und ganz grundsätzlich zur Situation in Deutschland: ich bin seit zwei Jahren in einer kiwu und bekomme TROTZ verschiedener Sterilitätsdiagnosen keinen Cent bezahlt. jede hetero-Frau hätte mit meine Diagnosen schon eine (Teil)Kostenübernahme. Mir als “unfruchtbare”-Lesbe wurde nichts erstattet. Unfruchtbarkeit reicht eben nicht aus, um in deutschland Hilfe zu bekommen – man muss auch noch hetero sein. DAS ist eine unzulässige Verschmischung zwischen Medizin und Rechtlichem. Würde zumindest das geändert werden, wäre es schonmal ein Anfang.

    Vielleicht sollte man bei der Darstellung dieser Themen nicht diese “Weltverschwörungs”-Meinungen mit reinpacken. Wenn man sachlich darüber diskutieren möchte, bringt es wohl wenig, die völlig unsachlichen Meinungen einiger Leute im Ausgangspost so ausführlich darzustellen. Da gibt es auch sachlichere Meinungen dazu, anhand derer man diskutieren kann.

  7. Elmar Breitbach schreibt

    Die Weltverschwörung ist nicht ganz ohne Bezug zu unser aller Realität. Denn so einige medizinisch indizierte Maßnahmen werden nicht bezahlt, weil es in Deutschland auch eine starke kirchliche Lobby gibt, die z. B. auch homosexuellen Paaren da keinerlei Zugeständnisse und schon gar nicht finanzieller Art machen möchte.

    Im Übrigen finde ich den verweis auf „hier bekommen die Leute auch nicht alles bezahlt“ nicht in Ordnung. Denn diese Diksussion bezieht sich nur auf heteros und der Verweis wäre in Ordnung, wenn es hier keine Benachteiligung von Lesben gäbe. Was soll ich als Lesbe mit dem Argument „die Heteros bekommen hier auch nicht alles“ denn anfangen? Ich möchte nicht besser, sondern einfach nur gleichgestellt sein.

    Das weder im Text noch im Subtext so zu finden. Geschrieben habe ich

    Mir wäre es allerdings völlig neu, dass Staaten diese Vorgaben tatsächlich übernehmen. Selbst in Deutschland ist der Kampf um eine angemessene Kostenübernahme bei medizinisch indizierter künstlicher Befruchtung ja noch im vollen Gange und die unvollständige der Kostenübernahme wird mit fadenscheinigen Argumenten begründet.

    Das ist sehr allgmein fomuliert und zeigt lediglich, dass selbst die bisher gültige WHO-Definition nicht wirklich Eingang in unsere Kostenübernahmeregelungen gefunden hat. das wird mit der zukünftigen ebenso sein. Und dies gilt und wird gelten für alle sexuellen Prferenzen.

  8. Rebella schreibt

    Homosexuelle Menschen generell als unfruchtbar zu bezeichnen, das finde ich sachlich nicht richtig. Denn die meisten homosexuellen Menschen haben rein physisch die Möglichkeit, Nachwuchs in die Welt zu bringen. In dem Fall sind sie nicht unfruchtbar.

    Bei der WHO hat man es vermutlich trotzdem gut gemeint. Man wollte mit der Definition erreichen, dass homosexuelle Menschen hinsichtlich der gesellschaftlichen und staatlichen Zuwendungen bei unerfülltem Kinderwunsch heterosexuellen Menschen möglichst gleichgestellt sind.

    Ich glaube trotzdem, dass das nicht der richtige Weg ist. Wie oben schon steht, kann man das auch mit einem anderen Blick so sehen, dass Homosexualität dadurch wieder leichter als Krankheit betrachtet werden kann. Was sie ja definitiv nicht ist.

    In einer offenen Gesellschaft bräuchten wir die Krücke Unfruchtbarkeit nicht. Da könnten wir einfach einsehen, dass es Menschen gibt, die Unterstützung zur Erfüllung ihres Kinderwunsches benötigen, egal, warum.