Ganz der Papa

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Arthur Kermalvezen ist Mitte 20. Bereits im Alter von drei Jahren erfuhr er, dass er und seine beiden Schwestern Kinder von anonymen Samenspendern sind. Seine Eltern hielten die Unfruchtbarkeit des Vaters vor den Kindern nicht geheim. Dass dies für ihren Sohn aber nicht nur eine sachliche Information ist, konnten sie sich nicht vorstellen. Mit seinem Buch „Ganz der Papa“ wirft Arthur Kermalvezen seinen Eltern nicht vor, einen Ausweg aus der Kinderlosigkeit gesucht zu haben.

Was ihn auf den Plan ruft, ist die Haltung vor allem der Ärzteschaft und der für die Reproduktion zuständigen Behörden. Die tun so, als gäbe es einen Anspruch auf Nachwuchs, den sie in ihrer Allmacht in Weiß gern erfüllen. Dabei ignorieren diese Mediziner – so der Autor – dass sich hinter den Zellhaufen, die sie einfrieren, lagern, verwalten und verpflanzen etwas Lebendiges verbirgt, das Achtung verdient. Der Autor ist wütend, dass sie die Zeugung wie einen geheimen Verwaltungsakt behandeln.

Ein Buch über die Suche nach seiner (genetischen) Identität schreibt Arthur Kermalvezen und zeigt – So die Rezensorin des Deutschlandradios
– sehr deutlich auf, dass die Aufklärung der Kinder wichtig ist, aber auch vor allem die Möglichkeit, die Identität des Samenspenders kennzulernen.

Arthur Kermalvezen
Ganz der Papa. Samenspender unbekannt
Patmos Verlag, März 2009
176 Seiten, 19,90 Euro



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Kommentar

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10 Kommentare

  1. Rebella schreibt

    Ich habe dieses Buch inzwischen gelesen. Da hier nicht jeder im Forum für Heterologe Insemination lesen kann, wo es einige Kommentare dazu gab, hier noch mal meiner:

    Mich hat es insbesondere im ersten Teil des Buches gestört, dass diese ganzen christlichen Vorbehalte wiedergekäut wurden. Arthur, 1983 geboren, schiebt irgendwie alles, was in seinem Leben nicht ganz so optimal gelaufen ist, auf die DI. Sogar die Lernschwierigkeiten, die er als 9!-jähriger hatte und die Besuche beim Psychologen erforderlich machten. Unverständlich für mich als Mutter eines 10-jährigen, der gar keine Lernprobleme hat und gerade erst anfängt, sich mit der Tatsache der DI auseinander zu setzen und seine bisher wenigen Anmerkungen für mich immer nur positiv herüber kamen. Arthur schreibt, sein Körper war ihm fremd. Schon in dem Alter und wegen der DI? Ich staune wirklich. Hass zwischen Geschwistern lässt sich zumindest als Folge der DI vermuten, wenn man das so liest. Gibt es ja auch anderswo gar nicht … Ein gestörtes Verhältnis zu Geschenken (na, immerhin wird hier der Grund deutlich: die Ideologie, die einem alles vermiesen kann. Mama hatte ihn als Gottesgeschenk bezeichnet.) „Von der väterlichen Funktion meines Vaters wurde die des Erzeugers abgekoppelt.“ – eine typische christliche Definition. Weiterhin bezeichnet er sich als „wissenschaftliches Experiment“. Als wäre es wirklich ein Experiment und nicht eine Handlung, die aus dem Wunsch seiner Eltern nach einem Kind entsprungen ist. Er schenkt seinen Eltern, die ja aufgeklärt haben und bis auf zwei Dinge (er sollte nicht mit Außenstehenden über die DI reden; sein Vater ließ körperliche Kontakte zu ihm nur sehr eingeschränkt zu) immer auf seine Bedürfnisse eingegangen sind, ein Buch: „Wie wird man Eltern?“. Das Motiv des Spenders, sich mehrfach reproduzieren zu wollen, wird als „Allmachtsphantasie“ bezeichnet. Er zieht die DI irgendwie in den Dreck, indem er schreibt, Ärzte und Spender mussten sich nach der Tat die Hände waschen. Äh, was tun denn die meisten Natürlich-Erzeuger „danach“? Ich könnte fortfahren. Es gibt noch mehr solcher Begrifflichkeiten, die darauf hin deuten, dass sie das Produkt seiner in dem Buch auch sehr deutlich hervor gehobenen christlichen Erziehung sind. Das Produkt auch seiner Gespräche mit Priestern und anderen Glaubensanhängern, die höchstwahrscheinlich fast alle das Dogma ihrer Kirche weiter gereicht haben und seinen Hass auf die DI provozierten.

    Später im Buch wird deutlich, dass Arthur selbst zumindest den Dogmatismus der Kirchen nicht teilt. Er beginnt sogar, diese selbst für die DI verantwortlich zu machen. Interessant die Aussage: „Unsere Gesellschaft, die eigentlich viel christlicher ist als es oftmals erscheint, hat mithilfe der Cecos viele kleine potentielle Jesus-abbilder geschaffen, deren Mütter ihre Männer nicht mehr betrügen. Danke Cecos: Dank euch musste meine Mutter nicht mit dem Briefträger schlafen, um uns, meine Schwestern und mich, zu bekommen!“ – Eine, wie ich finde, interessante Aussage. Möglicherweise, da wir doch alle – ob wir es wollen oder nicht – von christlichen Dogmen geprägt sind, verspüren wir die Ablehnung in uns, mit dem Briefträger zu schlafen. Bei einer anderen Werteerziehung hätte das evt. kein Problem gegeben und wäre zumindest für Arthur eine bessere Alternative gewesen.

    Arthur ist Psychoanalytiker geworden und betrachtet auch aus diesem Blickwinkel die beteiligten Personen. Teilweise fand ich seine Gedanken dazu interessant. Andererseits denke ich aber, er sieht alles zu negativ. Das Motiv eines Spenders, der offenbar von wenigstens einem seiner Elternteile verlassen wurde, bezeichnet er als „Verlassensangst“. Denken wir zurück an den Spender aus der 37 Grad-Sendung, der nicht bei seinem Vater aufgewachsen war und sagte, er könne das ruhigen Gewissens tun, weil das ja für ihn selbst als „kind“ auch kein Problem sei. Das war doch keine Verlassensangst!

    Am Ende überrascht es mich, dass Arthur selbst als Psychoanalytiker einem Paar, das bei ihm Rat sucht, zu der DI rät. Unter der Voraussetzung, dass keine Spenderanonymität gegeben ist. Auch sagt er völlig überraschend am Schluss, er könne sich vorstellen, selbst Spender zu werden. Wenn die Anonymität aufgehoben ist. Ein klares Bekenntnis dazu, dass er der DI unter diesen bestimmten Umständen zustimmt.

  2. Lectorix schreibt

    Ich habe mich nie wirklich mit der Diskussion rund um „fremde“ Gene jedweder Herkunft gekümmert. Bei der Lektüre des Artikels sowie Rebellas Antwort komme ich auf ein mir allerdings sehr bekanntes Thema – ich war sehr erstaunt, dass ich es hier (wo ich es nicht erwartet habe) auch wieder finde. Meine ehrenamtliche Arbeit ist der Einsatz für erwachsene Herz“kinder“, also Erwachsene mit angeborenem Herzfehler. Wir haben uns vor gut 10 Jahren von der Selbsthilfegruppe für Eltern von Kindern mit angeborenem Herzfehler gesplittet – nicht zuletzt weil trotz des enormen Engagements, das Eltern in die „Aufzucht“ kranker Kinder reinstecken, durchaus unterschiedliche Sichtweisen über die Krankheit und deren Auswirkungen vertreten. Wir merken trotz aller Gemeinsamkeiten bei der Durchsetzung politischer und gesellschaftlicher Ziele, dass es trotz allen Wohlwollens, das die Eltern ihren Kindern entgegen bringen, eine grundlegend andere Sichtweise ist, selbst der Betroffene zu sein.
    Als ich jetzt diese beiden Artikel las, war genau dieses Thema offensichtlich: Die Empfindung von betroffenem „Kind“ und „Elternteil“ sind unterschiedlich und möglicherweise (das liegt in der Natur der Dinge aus meiner Sicht) nicht kompatibel – niemals. Vielleicht auf der Vernunftebene, aber niemals auf der Gefühlsebene. Ich bin mir sicher, dass es genügend Betroffene geben wird, die Arthurs Meinung nicht teilen, aber auch ausreichend viele, die ähnlich empfinden – völlig unabhängig davon, wie die Eltern mit der ganzen Aufklärung umgegangen sind und generell die Gesellschaft (auch dies ist fast 1:1 auf die mir bekannte Problematik bei den Herzkindern übertragbar) sich verhält, wenn es um Bedürfnisse, Rechte und Besonderheiten einer besonderen Gruppe von Menschen geht.

    Wie gesagt, ich kenne die sachliche Problematik der HI nicht mehr als hier am Rande im Forum mitbekommen. Aber völlig losgelöst davon ist die Diskussion für mich bezogen auf ein mir sehr wohl bekanntes Thema frappierend ähnlich. 🙂

    LG
    Claudia

  3. Lectorix schreibt

    Ich muss hier noch den Nachschlag geben, dass ich mir alles andere als sicher bin, ob meine Kathi über ihre Entstehung genauso glücklich ist wie ich und ihr Vater. Wir werden erst in vielen Jahren wissen, wie sich die große Menge an IVF-/ICSI-Kindern fühlt, vielleicht gründen die dann auch ihre eigene Selbsthilfegruppe? Ich könnte es von „Herzseite“ aus nachvollziehen – hier wären es dann vertauschte Rollen und ich selbst bin in der „Elterngruppe“. Das gibt ein spannendes Umgewöhnen 😉

  4. Greta schreibt

    Ich hoffe, je öfter diese Dinge thematisiert werden, desto normaler werden sie – auch für die Betroffenen! Denn – es gibt viel mehr Betroffene, als man so gemeinhin denkt. Wir kennen allein über unsere Foren hunderte, tausende Kinder, die nicht unter der Bettdecke entstanden sind.

    Vielleicht empfinden UNSERE Kinder als erste Generation eine assistierte Empfängnis 🙂 nicht mehr als sonderbar, oder gar Makel, sondern als Weg, zügig zum Ziel zu kommen – nämlich eine Familie zu sein.

  5. reaba schreibt

    für mich liegt die lösung hauptsächlich darin, einflüsse, die dem kind den status „sonderbar (gezeugt)“ vermitteln als elternteil nicht gesellschaftlich oder sonstwie zu befördern.

    für mich teilen sich die, die mit dem stempel „sonderbar“ unterwegs sind, allerdings in 2 gruppen:

    uninformierte leute, die IVF instinktiv sonderbar finden (was es ja auch ist aus laiensicht des nicht-betroffenen) und so erstmal in ein reflktorisches abwehrverhalten verfallen – da kann man trefflich aufklären indem man möglichst authentisch als familie (mit etwas ungewöhnlicher entstehungsgeschichte) lebt und sich verhält.

    die andere gruppe erklärt alles als „sonderbar“, was letztlich nicht in die ideologische linie von „normal“ der eigenen gruppierung passt, meistens zur steigerung der eigenen relevanz und wichtigkeit. dem zu begegnen ist noch einfach: man muss das weder mitmachen noch unterstützen.

    je nach lebensalter ist man unterschiedlich empfänglich für „ideologie“ – da würde ich auch den autor einordnen wollen…alles noch ein bischen undurchdacht und unreif, aber aus seiner sichtweise altersgemäß verständlich.

    wobei ich mich doch zu dem etwas bissigen kommentar verleiten lasse: seine persönliche existenz ist wohl unterm strich weitaus wichtiger als sein buch.

  6. grünhorn schreibt

    Ich denke, wir als Eltern, die sich ihren Wunsch nach einem Kind mit einer Kinderwunschbehandlung erfüllen, haben sowieso keine andere Wahl, als das Risiko einzugehen, dass das Kind mit dieser Tatsache später unglücklich ist.
    Wir haben meiner Meinung nach die Pflicht, uns damit auseinander setzen, wie wir mit dem Kind umgehen, ob und wie wir mit ihm über die Situation sprechen, wie offen (oder gerade nicht) wir in unserem Umfeld damit umgehen, wie authentisch und selbstverständlich wir uns als Familie begreifen usw. Aber eine Sicherheit, dass der gefundene Weg dann tatsächlich für das Kind kein Problem darstellt, die können wir nicht haben, trotz Aufklärungs-, Empathie- und sonstiger Bemühungen.
    Ignorieren, dass die genetische Identität für manche Menschen einen wesentlichen Aspekt ihres Lebens darstellt, kann ich als Eizellspendekandidatin für mich jedenfalls nicht. Ich halte es selbst bei intakter Familienstruktur und vernüftiger (was auch immer das genau heißt) vorgelebter Haltung für möglich, dass es Menschen gibt, die sich mit der Tatsache, ihre genetische Mutter nicht zu kennen und keine Chance zu haben, sie kennenzulernen, nicht wohl fühlen. Weiter sogar noch, dass diese Tatsache ihre Selbstwahrnehmung und ihre Beurteilung ihres Handelns und des Handelns der Menschen in ihrer Umwelt, gravierend beeinflussen kann.

  7. reaba schreibt

    das hast du schön formuliert, grünhorn. finde ich zutreffend was du schreibst über das mögliche relative unwohlsein bezüglich der (un-)kenntnis der eigenen identität….allerdings glaube ich, dass so entstandene kinder spätestens verständnis für ihre eltern entwickeln, wenn sie selbst eltern werden.
    das hilft sicher nicht im akuten „konflikt“, den man erlebt, wenn die eigenen kinder kenntnis bekommen und eventuell anders als erwartet oder gewünscht reagieren, aber langfristig auf die dauer der gesamten lebenszeit gesehen dürfte sich dieses „problem“ auch für HI gezeugte menschen relativieren.

    ich kenne so gar nicht wenige leute, die sich gerade in kenntnis von abstammung und sippe eine genetisch andere herkunft wünschen würden…so rum gehts also auch 🙂 .
    probleme im weitesten sinne mit der herkunft (genetisch analog oder HI gezeugt) würde ich erstmal unter probleme von heranwachsenden generell verbuchen, gar nicht einmal als etwas besonders herkunftsbetontes.

  8. Rebella schreibt

    Unterschiedliche Sichtweisen wird es immer geben, Lectorix. Von Betroffenen, Angehörigen, Ärzten und Helfern und von Unbeteiligten. Innerhalb jeder Gruppe gibt es dann auch noch mal unterschiedliche Sichtweisen. So können wir (mein Mann und ich) uns nicht in jeder Hinsicht mit Arthurs Eltern identifizieren. Und unsere Söhne werden ihre Geschichte vermutlich in 15 Jahren zumindest in einigen Punkten anders beurteilen als Arthur K.

    Ich habe mich in den zurückliegenden 7 Jahren sehr ausführlich mit den Standpunkten von erwachsenen HI-Kindern auseinander gesetzt. Wir haben auch unser Aufklärungsverhalten danach ausgerichtet. Denn wo kann man besser lernen, als bei den Betroffenen selbst? Die besondere Qualität an diesem Buch ist jedoch, dass hier ein früh über die Entstehung aufgeklärtes Kind (Erwachsener) schreibt, der gravierende Probleme auf die HI selbst schiebt, obwohl er sie selbst nicht ablehnt (Er würde ja selbst spenden.) Arthur lehnt also ganz ureigen – so wie die meisten HI-Kinder nur die Geheimhaltung und die Vernichtung der Spenderdaten ab. Trotzdem gebraucht er für diese Entstehungsform und die Personen drumherum Worte, wie: „wissenschaftliches Experiment“, „Allmachtsphantasie“, … .

    Und das hat etwas damit zu tun, was reaba schreibt:
    „für mich liegt die lösung hauptsächlich darin, einflüsse, die dem kind den status “sonderbar (gezeugt)” vermitteln als elternteil nicht gesellschaftlich oder sonstwie zu befördern.“ … „die andere gruppe erklärt alles als “sonderbar”, was letztlich nicht in die ideologische linie von “normal” der eigenen gruppierung passt, meistens zur steigerung der eigenen relevanz und wichtigkeit.“

    Hier liegt der Fehler von Arthurs Eltern. Sie hätten ihn nicht im Sinne einer Ideologie erziehen sollen, die die HI ablehnt.

  9. Lectorix schreibt

    Das finde ich superwichtig, dass man berücksichtigt, wie die Betroffenen selbst das sehen. Nur so kann man ungefähr einschätzen, mit welchen Gedanken sich ein Betroffener im Kindes- und später im Erwachsenenalter möglicherweise rumschlägt. Meiner Erfahrung nach sind allerdings allein die, die den Blog hier lesen, schon diejenigen, die sich überhaupt Gedanken darum machen – das ist die halbe Miete. Vielfach wird überhaupt nicht darüber nachgedacht oder aber man grübelt und grübelt und versucht das Rad neu zu erfinden, anstelle dass man sich darüber austauscht und ggf. eben wie Rebella (sofern bereits „Referenzen“ vorhanden wie erwachsene HI-Kinder) auch bemerkt, dass es „die andere Seite“, nämlich die Betroffenen, auch gibt. Wie gesagt, der Konflikt, dass man als Elternteil und als betroffenes Kind/Erwachsener immer unterschiedlich empfinden wird, ist für mich offensichtlich – ich war eben erstaunt, dass ich ein mir alltägliches Problem auch in diesem Bereich wiederfinde. Da hab ich jetzt einige Tage weiter drüber nachgegrübelt und freue mich, durch die folgenden Artikel noch weitere Impulse bekommen zu haben. Auch ich werde zusehen, dass ich mich mit nahender Aufklärung um die Meinungen bereits pubertärer oder erwachsener IVF-Kinder bemühe, um zu sehen, wo eigentlich die für mich möglicherweise gar nicht ersichtlichen Gedanken eines Betroffenen thematisch liegen.

  10. Rebella schreibt

    Lectorix, ich denke, dieses Problem gibt es noch auf mehreren Gebieten. Sogar verschärfter. Zum Beispiel bei lesbischen, transsexuellen oder intersexuellen Kindern. Da kenne ich auch Erfahrungsberichte. Wenn da das Verständnis der Eltern nicht da ist – auweia!